Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- Seite 423 (sequence 3)
- Language
- German
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Recht freier Niederlassung nur den Schweizern christlicher Konfession zu, und erst im Jahre 1856 wurde durch Beschluß des Bundesrates die gleiche Vergünstigung auch den Juden eingerämnt. Die Negierung des Kantons Aargau, der hauptsächlich in Frage kam, weigerte sich jedoch noch bis 1863, diese bundcsratliche Verfügung anzuerkennen und in der Exekutive, die den Kantonen überlassen bleibt, tatsächlich durchzuführen. Erst als das Drängen des Bundesrats keinen anderen Weg mehr offen ließ, verstand sich der aargauische große Rat dazu, den jüdischen Einwohnern seines Gebietes, die in den Gemeinden Eudingen und Lengnau wohnten, das Bürgerecht zu verleihen. Aber auch der Bundesrat selbst handelte nicht aus freien Stücken, wenn er in seinen Beschlüssen von 1856 und 1863 für die Judenemanzipation eintrat. Auf ihn übte das Ausland einen Druck aus, dem er schließlich nachgeben mußte; Frankreich drohte nämlich mit der Kündigung des Handelsvertrages, wenn nicht den französischen Untertanen jeder Konfession, also auch den Juden, das unbeschränkte Niederlafsungsrecht eingeräumt werde. Auch Holland und Amerika traten mit Nachdruck für die Rechte der Juden ein. Ist auch heute noch die Gleichberechtigung der schweizerischen Juden keine lückenlose durch das Schächtverbot, das die Antisemiten vor zehn Jahren zur Durchführung brachten, so steht die Judenemanzipation in der Schweiz doch keineswegs nur auf dem Papier. Die Juden sind tatsächlich gleichberechtigt und sind in allen Aemtern und Würden vertreten.. Auch im Heere finden wir eine große Zahl jüdischer Offiziere. * Bei der vor einigen Tagen stattgefundenen Enthüllung der Büste von Sir Randal Crem er im Haager Friede n s p a l a st hielt der Stifter des Palastess Andrew Carnegie, eine Rede, worin er zunächst Cremers Weltfriedensbestrebungen schilderte, und dann auf die gegenwärtigen Verhältnisse zu sprechen kam. Die von edler Begeisterung getragene Rede, die das zum Ausdruck bringt, was die Besten aller Nationen ersehnen, und was Israels Propheten schon vor Jahrtausenden als das höchste Ideal der Menschheit geschildert haben, lautet im Auszuge: Endlich hat die zivilisierte Welt nach Jahrhunderten voll übler Erfahrung erkannt, daß die größte aller unserer Segnungen der Weltfrieden ist. Kein Herrscher zivilisierter Staaten, vom Kaiser bis zum Staatssekretär, kann anders handeln, als daß er dieses Prinzip anerkennt. Es wird ihm einfach anfgedrängt; so weit ist die Menschlichkeit bereits vorgeschritten. Langsam hat sich' die Wahrheit durchgerungen, daß Nationen nicht dazu bestimmt sind, für sich selbst zu bestehen und im einzelnen, jede für sich selbst zu arbeiten, vielmehr ist man zu der Neberzeugung gekommen, daß die verschiedenen Nationen dazu bestimmt sind, die Erzeugnisse ihrer Arbeit auszutauschen. Nationen leben nicht allein von dem, was sie selbst erzeugen. Ich glaube behaupten zu dürfen: das einzige Mittel, welches heute zur Erhaltung des Weltfriedens nötig ist, wäre ein Abkommen unter drei oder vier Großmächten (je mehr, desto besser), daß sie sich zusammentnn gegen jedweden Störer des Weltfriedens; es wäre jedoch kaum möglich, daß ein solcher angesichts einer so mächtigen Allianz auftaucht. Der Zar von Rußland schien im Jahre 1898 bereits erkannt zu haben, daß der Weltfrieden nahte, und forderte deshalb die Nationen zu einer Konferenz auf. Diese epochemachende Botschaft bleibt der Welt als ein Vermächtnis. Die Geschichte wird ihn als den ersten Herrscher erwähnen, der die zivilisierten Mächte zusammenrief, um den barbarischen Krieg zu beseitigen und den Engel des Friedens walten zu lassen. Wenn wir die Welt heute betrachten, so müssen wir erkennen, daß die hervorragende Persönlichkeit zurzeit ein anderer Kaiser ist, nämlich der deutsche Kaiser, der kürzlich das 25 jährige Jubiläum seiner Friedensregierung gefeiert hat. Seine Hände sind rein von Menschenblut, ein seltenes Ereignis, dem auch Deutschlands erstaunlicher Fortschritt in der Erziehung, in der Industrie und im Handelzuzuschreiben ist. Ein schlagender Beweis, daß die größte aller nationalen Segnungen der Friede ist. In Lübeck sagte der Kaiser ganz kürzlich: „Ich beschütze den Kaufmann, sein Feind ist mein Feind, Gott gebe, daß deutscher Handel wie bisher unter meinem Schutz in Friedenszeiten sich entwickeln möge." Lassen Sie uns annehmen, daß der deutsche Kaiser jetzt die größten zivilisierten Mächte einladet, um über die besten Mittel zu beraten, die den Weltfrieden, dessen sich sein Reich so lange erfreut hat, sichern würden. Ich glaube, das Resultat wäre ein großer Erfolg. Alles scheint so einfach, vielleicht zu leicht. Ein kleiner Funke zündet oft die Flamme. Der deutsche Kaiser hält in seiner Hand die Fackel des Friedens und sollte den fehlenden Funken sich ansetzen lassen. Die fünfundzwanzig Friedensjahre, welche schon jetzt als Verdienst des Kaisers angesehen werden, würden sich dann zu einem größeren Triumph des Weltfriedens über den Krieg erweitern. Menschen, die sich einander wie wilde Tiere in zivilisierten Ländern töten, würde es nicht mehr geben, und somit würden sie nicht mehr die Menschheit schänden, Zivilisation würde an Stelle von Barberei treten, und die biblische Weissagung, „daß die Menschen ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Speere zu Gartengeräten verwandeln und sich nicht mehr im Kriege üben", würde endlich Wirklichkeit werden. Gott gebe, daß dieser Tag bald erscheine, er wird sicher und in nicht allzu langer Zeit anbrechen, dessen bin ich mir so gewiß, wie Tag auf Nacht folgt. Dein Hilfsverein der Deutschen Inden ist die Nachricht zügegangen, daß die Einwohner von Strumitza ans Furcht vor der Besitzergreifung des Ortes durch die Bulgaren die Flucht ergriffen und Strumitza in Brand gesetzt haben. Die Flüchtlinge, darunter etwa hundert jüdische Familien wanderten nach Saloniki und Doiran aus, auch aus Newrocop beginnen die Bewohner auszuwandern. Das jüdische Hilfskomitee in Saloniki hat sofort eine Delegation in die genannten Gebiete entsandt, um Hilfe und Beistand zu leisten und genaue Informationen einzuziehen. - Der Hilfsverein der Deutschen Juden, an den aus Saloniki dringende Appelle gerichtet wurden, hat dafür Sorge getragen, daß diese Mittel zur Linderung der Not zur Verfügung gestellt werden. Die vielfältigen schweren Notstände, die durch die beiden Balkankriege geschaffen wurden, erfordern noch immer das Eingreifen der jüdischen Hilfsorganisationen. Abgesehen von dem Hilfswerk, das die Verhältnisse in Bulgarien noch erforderlich machen, sind erhebliche Aufwendungen u. a. namentlich für Serres, Adrianopel sowie für die vor den Kriegswirren nach Konstantinopel geflüchteten Familien, deren .Heimsendung noch nicht erfolgen kann, notwendig. Den Aeußerungen des Großrabbiners von Saloniki überein Gespräch mit dem König von Griechenland, das die „Deutsche Israelitische Zeitung" wiedergibt, entnehmen wir folgendes: Ich betonte, daß sowohl ich als meine Glaubensgenossen nüt Leib und Seele Türken seien nnd der türkischen Nation mit hingebungsvoller Liebe anhängen. Stünde es in unserer Macht, den Verhält-' nisten eine Wendung zu geben zugunsten der Türkei, so würden wir mit freudiger Begeisterung Gut und Blut dafür opfern. Selbst ich, in eigener Person, würde mit größtem Enthusiasmus für die Sache der Türkei weiterkämpfen. Allein, in dem Momente, als wir die Ueberzeugung gewannen, daß wir zu schwach sind, gegen die anstürmendeu Zeitereignisse anzukämpfeu, mußten wir uns in unser Schicksal st'igen, und wenn es in dem Buche der göttlichen Vorsehung geschrieben steht, daß Saloniki in Zrckunft den Griechen angehöre, mcrbcu wir dem griechischen Staate mit ebensolcher Hingebung als treue und anhängliche Bürger dienen wie bisher dem türkischen Staate, unter der Voraussetzung, daß unsere Bürger- und Menschenrechte ebenso von der griechischen Negierung respektiert werden, wie sie uns als Untertanen des türkischen Staates in vollstem Maße zuteil wurden. — Der König erwiderte, er würdige in vollstem Maße unsere Anhänglichkeit an die Türkei und spräche seine Anerkennung über diese patriotische Gesinnung aus. Dies Rechte der Juden Salonikis und sämtlicher okkupierten Teile der Türkei werde die griechische Regierung wahren, sogar noch erweitern; denn Griechenland würde gegen seine eigenen