Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- Seite 422 (sequence 2)
- Language
- German
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422 erzählen, hinter der Wahrheit zurückbleibt, weil es in der Natur der Heloten liegt, ihr Unglück mit zu' viel Resignation zu tragen. Er bezweifelt es, daß man in Rumänien ein Gesetz, also zusammengefaßt, aufstellen wird: ' ' „Alle bürgerlichen Unterschiede, die von der Religion abhängen, sind aufgehoben." Wenn diese Unterschiede, wie man behauptet, nicht existieren, oder wenigstens nicht in der von Luzzatti festgestellten, von Elemenceau, der dieses traurige Thema genau studiert hat, völlig richtig befundenen Form, warum denn zögert man, die bürgerliche Gleichheit öffentlich zu proklamieren? Die Politische Gleichberechtigung würde bald folgen. Heute, mit dem beschränkten Stimmrecht der Wähler, mit. dem man auch in Rumänien bald ein Ende machen wird, befürchtet man, die Juden könnten bei der nationalen Vertretung einen zu breiten Raum einnehmen. Der. rumänische Minister des Innern, Herr Jonefcu, hat aus die von Luzzatti schon einmal im „Eorriere della Sera" gestellten Forderungen kurzerhand mit einem „non possinnu8 as8o1uto" geantwortet. Dagegen hat Elemenceau mit großer Bestimmtheit wiederholt, daß die rumänischen Juden die letzten noch in Europa existierenden Sklaven sind, und daß diesem Problem die Aufmerksamkeit Europas zukomme. So wird die Tragödie auf dem Balkan nicht enden, ohne daß ein internationales Komitee unabhängiger Staatsmänner, als da wären Elemenceau, Balfour,. Eucken, Visconti Venosta, Ferdinando Martini, mit der sicheren Unterstützung von Wilson, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, den Anregungen Luzzattis zum Wohle einer unterdrückten Rasse tatkräftig folgt.- Häufig lernte ich in Rom Rumänen kennen. Sie waren stolz auf ihre lateinische Stammesverwandtschaft und trieben eine Art von Kult mit Trajan, der Dacien erobert und romanisiert hat. An seiner schönen Säule legten sie Kränze nieder. Trajan war ein Heide, und die Legende will es, daß erst Papst Gregor der Große durch sein Gebet die Seele des guten Kaisers aus ewiger Verdammnis erlöste. Einst krönte die Spitze der Säule sein Bild, bis es im Jahre -1587 durch das des Apostels Petrus ersetzt wurde. Einige Terzinen Dantes erinnern an die wunderbare Geschichte: Es zeigt' in Marmor Roms erhabenen Mann, Um dessenthalb, damit er selig werde, Gregor den wunderbaren Sieg gewann; Ich rede von Trajan, dem Herrn der Erde. Luzzattis Taten wird man nicht im Relief schildern, und kein göttlicher Dichter wird von ihm singen. Das arme Volk Israels, dem er in Rumänien die Höllenpforten öffnen möchte, kennt vermutlich nicht seinen Namen. Indessen: Verlangst du für gute Werke Lohn, dann sinkest du zum Diener, und der alte feurige Venezianer ist eine Herrennatur. Die Woche. Berlin, 2. September 1913. ie Kaiser tage in Posen und Breslau haben aufs neue dargetan, was man längst wußte, daß unser Kaiser frei von jedem Vorurteile gegenüber unserer Glaubensgemeinschaft ist. In Posen wie in Breslau ist eine Anzahl von Glaubensgenossen mit Huldbeweisen des Herrschers bedacht worden. Unter denen, die an der Begrüßung des Kaisers in Breslau teilnahmen, und zwar in offizieller Eigenschaft, befand sich auch unser Glaubensgenosse der Stadtverordnetenvorsteher Geheimer Justizrat Dr. F r e u n d. In Posen wurden das Kaiserpaar, der Kronprinz wie die Prinzen des Kaiserlichen Hauses bei der Besichtigung des renovierten alten Rathauses vom Oberbürgermeister Wilms und unserem Glaubensgenossen, dem Stadtverordnetenvorsteher Justizrat Placzek begrüßt, und in der historischen Empfangshalle unter anderem auch von unserem Glaubensgenossen, dem Präsidenten der Posener Handelskammer Geheimrat Herz empfangen und begrüßt. Ebenso war einer der Führer des Prinzregenten von Bayern beim Besuche des Rathauses Herr Stadtverordnetenvorsteher Justizrat Placzek. Während sich hier in Posen ein Teil der polnischen Bevölkerung sehr zurückhaltend zeigte, hat die zahlreiche jüdische Bevölkerung, getreu ihren deutschen Empfindungen, den wärmsten Anteil an dem kaiserlichen Besuch der Stadt bekundet. Man weiß, wie schwer und schwierig die Stellung der Juden in der Ostmark ist, wie sie trotz ehrlichster Betätigung ihrer gut deutschen Gesinnung von den nichtjüdischen Deutschen und selbst vereinzelten offiziellen Stellen des Deutschtums vielfach zurückgesetzt und in ihrer deutschen Gesinnung verdächtigt werden. Es ist zweifellos, daß unser Kaiser jene Auffassung weder teilt noch jene judengegnerische Haltung einzelner dem Schutze und der Erstarkung des Deutschtums dienenden offiziellen Stellen billigt. Das beweist unter anderem — falls es eines solchen Beweises noch bedürfte — auch seine Ansprache bei dem Diner im Schlosse, zu dem auch eine Anzahl unserer Glaubensgenossen eingeladen war. „So möge", heißt es unter anderem in der kaiserlichen Ansprache, „auch die treue Arbeit und Fürsorge, die Preußens Könige der Provinz Posen in langen Jahren zugewendet haben, mit Erfolg gekrönt werden und die Provinz sich immer mehr zu einem festgefügten, zuverlässigen Gliede des herrlichen Baues unseres preußischen, unseres deutschen Vaterlandes entwickeln. Mögen ihre Bewohner — gleichviel welcher Nationalität und Konfession — eng verbunden durch das Band der Liebe. zur gemeinsamen schönen Heimat und das Band der Treue gegen König und Vaterland, sich die Errungenschaften deutscher Kultur zu eigen machen und ihres Segens froh werden." Es kann natürlich keinem Zweifel unterliegen, daß in diese Wünsche und Erwartungen der Kaiser auch den jüdischen Bevölkerungsteil der Ostmark einbezogen hat, und es daher auch an den Behörden liegen wird, diesem Wunsche des Kaisers, soweit es an ihnen liegt, zur vollen Erfüllung zu verhelfen. Dazu aber wird es wünschenswert sein, daß den jüdischen Bevölkerungsteilen der Provinz Posen die gleiche Förderung und Fürsorge und Unterstützung zugewandt wird wie dem übrigen Teile der deutschen Bevölkerung und allen loyalen Elementen Posens, die' nichts sehnlicher wünschen, als die Erwartung unseres Kaisers erfüllt zu sehen. Dann wird auch jene Erscheinung verschwinden, die wir so schmerzlich beklagen: die Mafsenabwanderung der jüdischen Bevölkerung, die sich als Bollwerk des Deutschtums noch immer bewährte, und die schweren Herzens die Heimat verlassen muß, weil man ihre Existenzbedingungen leider vielfach rücksichtslos unterbunden hat. ■* Am Sabbat den 30. August feierten die jüdischen Gemeinden der Schweiz das Fest der fünfzigjährigen Wiederkehr des Tages, an dem sie die volle bürgerliche Gleichberechtigung erlangt haben. In den meisten Synagogen fanden Gedenkfeiern statt, in denen in besonderen Ansprachen an die Verdienste der christlichen Staatsmänner um das Besreiungswerk erinnert wurde. Dabei wurde des Berners Suter, des Aargauers Augustin Keller, der Zürcher Dubs und Welti, die als Vorkämpfer für die Emanzipation austraten, ehrend -gedacht. Desgleichen der Rabbiner Kayserling, Dreyfus und Bollag, die auf Seite der Israeliten die Freiheitsrechte eifrig verfochten. Das hatte, sich keineswegs ohne Schwierigkeit vollzogen. Harte Kämpfe und langwierige Debatten sind vielmehr vorausgegangen. Noch die Bundesverfassung vom Jahre 1848 sicherte das