Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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77 Jahrgang. Nr. 36 Allgemeine Berlin, 5. September 1913 Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luchhandel oder die Post (in Berlin und vor. orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 IN. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Phllippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Masse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Tlttftfflt ®ic Erlösung der rumänischen Inden. Aon Margarete JJJliJlJll.» Marasse. — Die Woche. — Zur Frage der jüdischen. Konfessionsschule. Von einem jüdischen Volksschullehrer. — Aus alter Zeit. Von Eska. — Nationales Judentum. Von M. P. Fuchs. — Psychologie dos jüdischen Geistes. Von Rabbiner Dr. A. Schreiber, Potsdam. — Jüdische Aestheten. Von Rahel Edelstein-Friedmann, Wien. — Feuilleton: Der Antisemit. Roman von Ernst Theodor Justi. X. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. — Letzte Nachrichten. Der Gemeindebote lBeilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Hamburg, Bad Kissingen, Magdeburg, Hannover, Frankfurt a. M., Frankenberg, Karlsruhe, Diedenhofen, Basel, Wien, Warschau. — Von Nah und Fern. Die Lrlölmm der rumsnilchrn Juden. Von M a r g a r e t e Marasse. er Mann aus jüdischem Stamm, der zu des Lebens Höhen gelangt ist, hat die Aufgabe, für die Existenz und Arbeitsfähigkeit jener geknechteten .Mitbürger, die in des Lebens Niederungen ein kümmerliches Dasein führenzu kämpfen, hilfreich zu wirken. Es ist seine Pflicht, denen, die ihre eigenen Kräfte nicht kennen und die in den Ketten der Tyrannei schmachten, Schutz angedeihen zu lassen und ihrer Vernichtung vorzubeugen. Indessen der Menschen Bequemlichkeit ist groß, und eine derartige Stellungnahme erscheint vielen Erfolgreichen als höchst unerwünschte Zumutung. Eine Ausnahme von dieser betrübenden Regel bildet der frühere italienische Ministerpräsident Luigi Luzzatti, ein Mann von einer derartigen Klugheit, Charakterfestigkeit und Sittenreinheit, daß er vor dem Forum jeglichen ethischen Bekenntnisses der strengsten Prüfung standhalten würde. Der feurige Greis — er ist 1841 zu Venedig geboren — veröffentlichte bekanntlich vor einiger Zeit im Mailänder „Corriere della Sera" einen geharnischten Arikel, in welchem er ben noch immer in Rumänien unwürdig unterdrückten Inden eine baldige Erlösung verheißt. — Judenverfolgungen waren in Rumänien von jeher an der Tagesordnung. Im Jahre 1867 benutzte Graf Beust eine solche als unmittelbaren Anlaß zu Beschwerden, weil sich unter den Mißhandelten österreichische Untertanen befanden. Doch blieb 'dies ohne Rückwirkung aus die inneren Zustände. Luzzatti betont die bekannte Vorliebe der Römer für die stammverwandten Rumänen, er wünscht diesem Balkanstaat das beste politische und ökonomische Emporkommen, „aber die Art, wie er seine Juden behandelt, setzt ihn moralisch in den Augen der zivilisierten Welt herab, beweist ein innerliches Gebrechen seines politischen Temperaments, eine organische Unfähigkeit der Freiheit des Lebens gegenüber, eine Schwäche, die ihm schließlich fatal werden könnte". Die jüdischen Soldaten haben sich auch .bei dem durch den Balkanbrand hervorgerusenen Bruderkrieg ausgezeichnet, von niemandem wird dies bestritten. Und dennoch leben die Hebräer im einstigen Dacien als Fremde ohne Schütz, als Sklaven, als Ausgeschlossene von den großen Eroberungen der französischen Revolution. Indessen bezweifelt es Luzzatti nicht, daß sein energischer Appell an die Gerechtigkeit sofort nach der definitiven Regelung der anderen balkanischen Fragen bei der rumänischen Regierung Gehör finden wird. Der rumänische Minister Xenopol hat kürzlich die Reise nach Rom gemacht, eigens zu dem Zweck, um die Wirkungen der Polemik zugunsten der Juden abzuschwächen. Nach Bukarest zurückgekehrt, versicherte er einem Interviewer, er habe den Bürgermeister Nathan mehreremal gesprochen, ohne daß dieser die Sache mit einem Worte erwähnte, und Luzzatti, mit dem er zusammengewesen, sei über die Lage der Juden in Rumänien nicht gut informiert. Dazu läßt sich Luzzatti, der nie etwas veröffentlicht, ohne die Tatsachen und die Dokumente, die sich darauf beziehen, auf das genaueste studiert zu haben, folgendermaßen aus: „Für das Schweigen anderer, deren Vorsicht und deren Pflichten der Gastlichkeit ich begreife, bin ich nicht verantwortlich; aber es beruht auf Wahrheit, daß ich mit dem Minister, der mich aussuchte, und der ein Politiker von ungewöhnlichem Wert ist, offen gesprochen habe. Ich sagte ihm von meiner alten und beharrlichen Liebe für Rumänien, von meinem Wunsch, daß es römisch ausblühe; wir sprachen von den ausgezeichneten sozialen Einrichtungen zugunsten der Bauern, welche Xenopol ganz genau kennt, wie es sich für einen kompetenten Ackerbauminister gehört. Aber natürlich, als ich die Hoffnung auf allgemeine Vorkehrungen zugunsten der bürgerlichen und Politischen Emanzipation der Juden aussprach, antwortete er, daß diese ja reichlich in den einzelnen Gesetzen der Naturalisation vorhanden wären, was meiner Meinung nach nichts anderes ist als eine ständige Vergewaltigung der Berliner Konvention. Wenn sich dem Gesetze nach einige Juden emanzipieren, so heißt das, daß andere im Zustand der Knechtschaft verharren; wenn sich Hunderte emanzipieren, wenn man unter den Erwählten eine Sichtung vornimmt, so beweist dies, daß Tausende, daß die Masse noch in der Sklaverei schmachtet." Die beiden Herren trennten sich unter dem Austausch aller Höflichkeiten, aber noch beim Abschied kam Luzzatti auf die endgültige Erlösung der Juden zu sprechen, er verlangte für sie klipp und klar volle bürgerliche und Politische Gleichberechtigung, und er wünschte, daß Rumänien dazu selbst die Initiative ergreifen solle, ehe es von Europa auf internationalem Wege gezwungen würde, zu tun, was es längst hätte tun müssen. Nun wundert, er sich sehr, daß man ihn für „nicht gut informiert" ausgegeben hat. Er ist sogar der Meinung, daß das, was die rumänischen Unterdrückten von ihren Leiden