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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-08-29 · Heft 35 (29.8.1913) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 35 (29.8.1913)
Date
1913-08-29
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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den Kopfflügel die.eigentlichen Schulräüme enthält. Die äußeren Flächen sind schlicht, einige Ausbauten sind die Belebungsmittel, welche dann die allmächtige Gewalt der Dachflächen überstrahlt. Auch hier gehört dem Hauptbau das Hauptgewicht, es ist eine ansehnliche Dachfläche, die steil über den Hauswänden ansteigt. Oefterretch-Miiyarri. Wrön, 22 August. Bor etnigeri Tagen fand vor der Strafkammer des zweiten Bezirkes in Wien eine überaus interessante Verhandlung statt. Augeklagt waren einige Metzgörgesellen wegen Uebtzrs tretung des Lebensmittelgesetzes. Die Angeklagten, die bet dem jüdischen FlöischhaNer Und Wurstfabrikanten Moritz Lazar bedienstet waren, sollen bei der Herstellung von Koscherwürstchen sich eines Färllstvfses bedient haben. Um das Aussehen der Würste frischer zü machen. Interessant war das Gutachten des als Sachverständigen vernomweneN Genossenschastsvorstehers der Wiener Fleischhauer. Derselbe führte aus, daß die Angeklagten keineswegs ein Verschulden tröffe, da sie nur nach den Weisungen ihres Chefs vorgegangen seiend Auf d e m W i e n e r M a rkt, führte der Sachverständige aus, werden überhaupt keine Würsto erzeugt, die den Vorschriften des jüdischen Ritus entsprechen. Es sei .den Fabrikanten unmöglich, gleichzeitig den Anforderungen des Wiener Publikums und des Rabbinats zu entsprechen. Dadurch, daß das Blut dein Fleische entzogen werde (durch das Salzen), verlieren die Würste ihren frischen Glanz und werden von niemandem gekauft. Die Fabrikation von sogenannten „koscheren" Würsten, heißt es ferner im Gutachten, erfolgt nur in sehr beschränktem Maße, und dieses kleine Quantum werde ausnahmslos nach' auswärts, expediert. Die Angeklagten wurden sreigesprochen. Wir aber sind um eine Erfahrung reicher geworden: in ganz Wien gibt es keine Koscher- Würste! — Die „Gazeta Wieczorna" bringt unter der Ueberschrist „Ein Protest gegen den Antisemitismus im Gymnasium zu Zloczow" folgenden Bericht: Eine Gruppe ernster Bürger aus Zloczow erschien vor kurzem, beim Präsidenten des Landesschulrates in Lemberg und überreichte ihm ein mit einer Menge von Unterschriften versehenes Memorandum, worin sie sich über die antisemitische Strömung beklagen,, welche unter den Mitgliedern des Lehrkörpers des Zloczower Gymnasiums herrscht. Das Memorandum führte eine Menge auffallender Tatsachen an. Der Präsident Dembowsky nahm die Beschwerde der Deputation entgegen und gab den jüdischen Vertretern von Zloczow die Zusicherung, daß er nicht zulassen werde, daß unsere Schulen zum Schauplatz irgendwelcher politischer und demagogischer Umtriebe werden. Die „Gazeta Wieczorna" ist ein Rogierungblatt, und die Erklärung des Präsidenten zeigt, daß der Vorgang der jüdischen Bevölkerung von Zloczow auch „höheren Ortes" Imponiert hat. Möge dieses Beispiel auch — in Oesterreich befolgt werden. — Wie das „Prager Tagblatt" meldet, soll die Revision des Hilsner- Prozesses dennoch stattsinden. Die Revision soll vom Schwurgericht in Jglau (Mähren) vorgenommen werden. Näheres ist darüber zur Stunde nicht bekannt. ' - * England. z. Lottdott, 22. August. Welch große Summen der -M i s s i o n sf o n d s in Kanada verschlingt, geht ans einem Berichte hervor, den hiesige Blätter über die Einweihung der „Christian Synagogue" in Toronto veröffentlichen. Mit ganz besonderem Pomp wurde hier eine Institution geschaffen, in welcher sich alles befindet, was geeignet erscheinen könnte, arme Juden in die Versuchung zu führen. Die „christliche Synagoge" hat nicht nur einen überaus großen, ganz nach jüdischem Ritus eingerichteten Betraum, sondern auch einen Krankenpavillon, ein Gymnasium für arme jüdische Schüler, ein Tagesheim für Arbeiterkinder, Turnsäle, Volksküchen, eine Bibliothek, Lesehalle usw. Trotz des ausführlichen Einweihungsberichts wird auch nicht mit einer Zeile erwähnt,.wie viele Juden der Zeremonie beigewohnt haben. Es scheint eben, daß auch in Kanada die Juden solchen Mätzchen nicht aussitzen wollen. — Am 1. d. M. vollendete der Redakteur des „Jewish Chronicle" Mr. Morris D u p a r c das 40. Jahr seiner ununterbrochenen internen journalistischen Tätigkeit bei dem weltberühmten Blatte „Jewish Chronicle". D u p a r c. gehört heute zu den besten Kennern nicht nur des britischen, sondern des gesamten Judentums. Als er im Jahre 1873 in die Redaktion des „Jewish Chronicle" eintrat, war das Blatt bereits sehr angesehen und im Besitze von Michael Henry. Duparc heiratete die Schwester eines seiner späteren Chefs Äsher I. Myers. Als die Aktiengesellschaft, welche die Besitzerin des. „Jewish Chronicle" ist, vor einigen Monaten auch den „Jewish World" erwarb, wurde Duparc die Leitung dieses Blattes anvertraut. Duparc nimmt auch eine hervorragende soziale Stellung im Londoner Judentum ein, er ist Mitglied vieler Ungesehener jüdischer Korporationen. - * ■; Suszland. R. K. Petersburg, 22. August. Mit einem großen Lärm brachte die „Semstschlna", das Organ der Purischkewitsch und Konsorten, den Brief eines getauften Juden, worin dieser erklärte, daß es bei den Juden RitNalmorde, ausgeübt mi Christen, gebe. Das war doch eine „sensationelle Enthüllung". Da kommt ein Jude namens N i - k v l a i S t e m b o und verkündet, er habe von seinem eigenen Vater Gespräche über den Gebrauch christlichen Blutes durch Juden-gehört. Nun ist dies für objektive Beurteilung noch kein zwingender Beweis: der Schreiber kann doch einfach ein Lügner sein, der aus irgend einem niedrigen Motiv seinen früheren Religionsgenossen einem Hieb versetzen möchte. Allein auf die erhitzten Geister der Pogrombande wirkte die Erklärung des genannten Stembo wie ein Sturm auf dem Meere. Frohlockend meinte die „Sernstschina", daß nunmehr wohl niemand mehr die Ritualmorde ableugnen, werde. Schnell ist jedoch die Ernüchterung gekommen. Unmittelbar nach dieser . Veröffentlichung richtete die Mutter Stembos einen Brief an die Presse, in dem sie mitteilte, daß der neue Ritualmordankläger von jeher krankhafte Symptome psychischer Anomalie gezeigt habe. Der ältere Bruder des Stembo stellte fest, daß sein Vater im Gegenteil im Wilnaer Ritualmordprozeß der neunziger Jahre eine hervorragende Rolle in der Abwehr der furchtbaren Beschuldigung gespielt hat. Schließlich kommt der Ankläger Nikolai Stembo selbst und widerruft seine im Zustand eines „Affekts" getanen Behauptungen, die ihm jetzt unerklärlich seien. „Da ich nicht die geringste Vorstellung über die religiösen Bräuche habe, habe ich nicht den geringsten Grund gehabt, die Richtigkeit der Ritualmordbeschuldigung zu bekräftigen und noch' weniger mich auf die Worte des Toten zu berufen, der mit mir niemals über Ritualmorde oder über rituelle Gebräuche überhaupt gesprochen hat." Also schreibt er an den Justizminister. In einem Briefe an die Zeitungsredaktionen fügt er noch hinzu, daß er durch die Schwere seiner Handlung gegenüber der Gesellschaft gepeinigt werde und durch Gewissensbisse erdrückt sei. Dazu bemerkt die „Rjetsch", daß der sonstige Inhalt des Briefes von Nikolai Stembo die Gewißheit bringt, daß man es mit einem Psychischkranken zu tun habe. Und das war nun der Kronzeuge der vom Justizministerium gestützten Pogromhetzer! * Türkei. K. Z. Jaffa, 15. August. Ein blutiger Kampf entspann sich dieser Tage zwischen russisch-jüdischen Kolonisten und Fellachen in der Nähe von Jaffa. Einige Fellachen aus Zernuka versuchten aus den benachbarten Weinbergen von Rehoboth Trauben zu stehlen. Der jüdische Flurwächter, der sie entdeckte, wurde übermannt und entwaffnet. Er eilte nach der Kolonie, um Hilfe herbeizuholen. Die Diebe, die sich aus dem Staube machten, stießen unterwegs auf einen harmlosen Schüler der Knnstgewerbesch'üle Bezalel in Jerusalem. Er wurde von den wutentbrannten Dieben einfach abgeschlachtet. Daraus stürmten die Mörder in ihr Dorf und meldeten, daß die Juden bewaffnet heranzögen, um das Nest zu überfallen. Die fanatisierten Dörfler bewaffneten sich, obgleich der Muchtar zur Ruhe mahnte. Er wurde von dem Hauptschreier, der zum heiligen Krieg gegen die Juden, die alle abgeschlach'tet werden müssen, ausrief, mundtot geschrien. Schwer bewaffnet zogen nun etwa 50 Fellachen zu Fuß und zu Pferde den Juden entgegen, die etwa 30 Mann stark waren. Es kam zu einem Zusammenstoß, bei dem. die Juden nach ihren Angaben anfangs in die Lust schossen. Erst als drei ihrer eigenen Leute verwundet wurden, machten auch sie blutigen Ernst und schossen ebenfalls scharf. Sie verwundeten drei der Einheimischen, von denen einer' wenige Tage später starb. Dieser bedenkliche Fall, der ein grelles Licht aus die Sicherheitsverhältnisse wirft, hatte leider noch ein weiteres beklagenswertes Nachspiel. Als nämlich mehrere Tage darauf ein junger, erst zwanzig Tage verheirateter Kolonist von dem Städtchen Ramleh friedlich seines

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