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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-08-29 · Heft 35 (29.8.1913) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 35 (29.8.1913)
Date
1913-08-29
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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1; ■' Vergehens gegen Paragraph 166 des Strafgesetzbuchs zu j e z w e i Tagen Gefängnis verurteilt. Bad Ems> 22. August. Das hiesige „Israelitische Zentral- Waisen- und Mädchenheim" hat in anerkennender Weife die Fürsorge für die drei Kolatzkischen Kinder übernommen. Kaum hatte der Vorstand dieser zum Heile der Gesamtjudenheit wirkenden Anstalt aus den Tagesblättern erfahren, daß drei kleine jüdische Kinder im Alter von drei, vier und fünf Jahren vor dem Berlin-Schöneberger Polizeipräsidium ausgesetzt und von' diesem der christlichen Zions- Hilfe übergeben worden waren, da verständigte er auf telegraphischem Wege die Berlin-Schöneberger Polizei, daß er bereit sei, die ausgesetzten Kinder sofort in feine Anstalt aufzunehmen. Sonntag den 10. d. M. kamen dann die armen Kleinen.hier, an, und es. war eine Freude zu sehen, wie zufrieden und glücklich sie sich bald inmitten der anderen Anstaltszöglinge fühlten. Inzwischen hat der Vorstand die beiden kleinsten Mädchen, da für solch jugendliches Alter die hiesige Anstalt nicht eingerichtet ist, auf seine Kosten dem israelitischen Kinderheim in- Köln, übergeben, und das fünfjährige Kind, obwohl es noch nicht schulpflichtig ist, selbst behalten; es ist als der jüngste Zögling der Liebling der übrigen und bildet den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit! So hat denn das Israelitische Zentral-Waisen- und Mädchenheim pflichtbewußt schnell gehandelt und drei jüdische verlassene Kinder, .ohne erst weitere Vorstandsbeschlüsse zu fassen, dem Judentum erhalten. C/V Kassel, .22. August. In der Stadtverordnetenversammlung berichtete Stadtrat Dr. Bar t e l s über eine Magistratsvorlage, die 14 000 Mark Zwecks Nachzahlung der Beiträge an die israelitische Gemeinde entsprechend dem Volksschnlunterhaltungsgesetz verlangt. Die hiesige israelitische Gemeinde unterhält eine eigene Schule und hat nach gesetzlichen Bestimmungen das Recht, nach dem Volksschulunterhaltungsgesctz einen Unterhaltungszuschuß zu fordern. Diesen Zuschuß hatte die jüdische Gemeinde auf jährlich 5.000 Mark berechnet. Nach Verhandlungen mit der Stadt einigte man sich auf 35OO Mark jährlich; dieser Betrag war, da das Volksschnlunterhaltungsgesetz vom 1. April 1908 datiert, seit diesem Zeitpunkt nachzuzahlen. Dazu wurden in der Magistratsvorlage die Mittel gefordert' und auch debattelos bewilligt. Neustadt, Kr. Kirchhain, 22. August! Die älteste Einwohnerin der hiesigen Stadt," ja vielleicht des ganzen Negierungsbezirks Kassel, F r a u W i t w e HerzL e v i, hierselbst, beging dieser Tage die Feier ihres 95. Geburtstages. Die Greisin erfreut sich noch einer seltenen körperlichen und auch geistigen Frische und entsinnt sich noch vieler Ereignisse, die vor bereits 80 Jahren sich zugetragen. Vor noch 5 Jahren hat dieselbe sogar noch viele landwirtschastliche Arbeiten verrichtet. 6 Kinder, 27 Enkel und 13 Urenkel umscharten die Mutter, Groß- und Urgroßmutter an ihrem Ehrentage. Au vielen eingelaufenen Glückwünschen war sichtlich zu sehen, welch großer Beliebtheit sich die Jubilarin, die stets und auch heute noch einen sehr religiösen Lebenswandel führt, bei der gesäurten hiesigen Einwohnerschaft ohne Rücksicht aus die Konfession erfreut. Mögen ihr auch noch weitere Jahre durch Gottes Gnade zu erleben vergönnt sein. L2 Frankfurt a. M., 22. August. Aus dem soeben erschienenen Jahresbericht des Deutsch-Israelitischen Kinderheims in Dich an der Lahn für das Jahr 1912 ist zu ersehen, daß die Tätigkeit des Kinderheims auch in dem Jahre 1912 eine zufriedenstellende war. Das Schuljahr 1912/13 begann mit 41 Zöglingen. Von diesen waren aus Preußen 22, und zwar stellten Hessen-Nassau 13, Provinz Sachsen 3, Rheinprovinz und Brandenburg je 2, Westfalen und Rheinprorvinz je 1 Zögling. Aus Bayern waren 8, Königreich Sachsen 2, Großherzvgtum Hessen 5, Sachsen-Meiningen, Elsaß-Lothringen, Hamburg, Bremen je 1 Zögling. Von diesen Knaben besuchten 34 die Volksschule und 7 die Realschule in Diez. In. beiden Schulen erwarben sich die Knaben durchweg die Zufriedenheit ihrer Lehrer, wie es die ' Zeugnisse beweisen. Innerhalb der Anstalt erhalten die Knaben zweimal wöchentlich. Handfertigkeitsunterricht, der schöne Erfolge aufzuweisen hat; den älteren Zöglingen wird Unterricht in Stenographie erteilt. Den Religionsunterricht erhalten die Zöglinge von einer dafür besonders erworbenen Lehrkraft innerhalb der Anstalt. Zu Ostern dieses Jahres verließen 4 Knaben die Anstalt, von denen 3 sich dem Kansmannsstande widmen und einer zu einem Handwerker in die Lehre kam. Einen äußerst schmerzlichen Verlust hat das Kinderheim durch den Tod des Kommerzienrat Louis Feist s. A. erlitten. Was er für das Kinderheim getan, wird unvergessen, sein Name wird zum ehrenden Gedächtnis in den Annalen der Anstalt dauernd verzeichnet . _ 1 bleiben! Der Bericht schließt mit folgenden Worten: „Obgleich auch in diesem Jahre aus den verschiedensten Kreisen Zeichen der Freundschaft und Liebe unserem Werke entgegengebracht wurden,. so müssen wir doch noch um weitere rege Beteiligung an unserem heiligen Werke bitten. Die allgemeine Teuerung belastet schwer unser Budget, dazu kommt, daß.die Einnahmen.abnehmen, so. daß sie nicht mehr, die Höhe der Ausgaben decken. Mögen unsere Freunde aus ihren Kreisen .uns neue Freunde zuführen, damit wir das Kinderheim auf der Höhe seiner segenbringenden Tätigkeit erhalten können und wir nicht gar,, was Gott verhüten möge, uns gezwungen sähen, unsere Tätigkeit einzuschränken, die wir so gern erweitern möchten." Mögen dem Kinderheim, das verlassene jüdische Kinder aus dem ganzen Deutschen Reich aufnimmt, das auch solchen Kindern das Elternhaus ersetzt, die satzungsgemäß, in anderen jüdischen Waisenhäusern nicht ausgenommen werden, zahlreiche neue Gönner und Freunde erstehen. J. W. Karlsruhe, 22. August. Das neue Verordnungsblatt vonr 15. August bringt in genauer spezialisierter Ausstellung die Ein- ' nahmen und Ausgaben der israelitischen Zentralkäsfe, des israelitischen Landesstiftes, , des Religionsschul- und Pensionssonds pro 1912. In dem Landesfonds für soziale Zwecke sind pro 1912 im ganzen ein- ' gegangen 309 072 Mark, und es wurden ausgegeben für das Friedrich- Louisen-Hospiz in Bad Dürrheim an Baukosten pro 1908/1912 258 545 Mark. Auch die übrigen Ausgaben für Einrichtungsgegenftände sind in dieser Aufstellung verrechnet. — Für den verstorbenen Bezirksältesten Hermann Halle in Hockenheim wurde Vorsteher Rechtsanwalt Dr. M. Pfälzer in Weinheim zum Bezirksältesten des Synagogenbezirks Heidelberg und Fabrikant Samuel Marx in L-andhausen' zum Stellvertreter ernannt. — Die drei Gemeinden Hochhausen a. T. und im Synagogenbezirk Mosbach und Jmpfingen sind für aufgelöst erklärt worden. — Als Rabbiner für Freiburg und Sulzburg ist Dr. Julius Zimels, bisher in Karlsruhe, ernannt und Herr Dr. H. Löb von Bruchsal ist als zweiter Rabbiner nach Karlsruhe versetzt worden. §2 Nordstetten, 22. August. Die hiesige israelitische Gemeinde geht immer mehr zurück. Nachdem schon am 1. April 1909 die Schulstelle wegen mangelnder Schülerzahl aufgehoben wurde, hat nun auch der israelitische Lehrer, der seitdem noch die Gottesdienste abhielt und die wenigen Kinder in Religion und Hebräisch unterrichtete, jüngst für immer Abschied genommen. Durch Tod verlor die isräeljtische Gemeinde in den letzten Jahren fünf erwachsene männliche Mitglieder. Zurzeit befinden sich hier zusammen nur noch 34 ortsanwesende israelitische Seelen, 14 männliche und 20 weibliche, darunter 4 Kinder unter 14 Jahren. L2 Eßlingen, 22. August. Hinter der mittelalterlichen Burg, auf der Höhe fjinter Eßlingen, entsteht ein Haus milder Fürsorgetätigkeit. ' Unser Zeitalter ist ja nicht arm an solchen Taten der Wohltätigkeit, und diesmal ist es die israelitische Waisenanstalt Wilhelmspflege, welche., die Initiative verkörpert. Das Haus ist rm Aeußeren sozusagen fertig.und stellt sich, von der Hochebene hinter der Burg gesehen, als ein weiträumig entwickeltes, barockdurchströmtes Bauwesen dar. Die Grundfläche des Hauses steigt dann wieder etwas an, um die Höhe zu gewinnen, die einen köstlichen Rundblick ins Schwabenland bietet. Dies Panorama läßt sich nicht in diese knappen Zeilen fassen, es ist ein inneres Erlebnis, das sich am nachhaltigsten von selbst mitteilt. Dagegen seien dem Haus selbst einige erklärende Zeilen gewidmet. Das Grundstück liegt an der Panoramastraße. Die hochgelegene Nordwestecke des Grundstücks ist für das Haus gewonnen, um für die davorliegenden Gärten die VoWmft der Sonne zu erhalten, auch wohl um den Blick aus den Haupträumen des Hauses aus eigenen.Grund und Boden richten zu können. So schaut denn nur die schmäle Fassade an der Panoramastraße in „Fremdland", die anderen Räume sind vom buntgestickten Kranz der eigenen Gärten umgeben. ' Die nach Norden gerichteten Gänge liegen wiederum am Wirt- -schaftshof. Der Südostwinkel der Fläche ist in Schulhof, Ziergarten, Küchengarten, Bäum- und Kindergarten. abgeteilt. <Lchon das reiche Naturkleid der Gärten erweckt die volle Sympathie mit dem ganzen Baugedanken, ganz bedeutend vergrößert aber durch die Aufnahme des Hauses selbst, .das, ein Werk der Architekten Bloch und Guggenheimer, Stuttgart, ein ausgereiftes Beispiel für derartige Anlagen zu werden verspricht. Die Mitte der. oberen Hälfte des'Grundstücks ungefähr ist. durch, den eigentlichen Hauptbau ausgedrückt. Er ist mit der Längsachse gegen das Tal gerichtet und von dort aus auch zu sehen. Dieser Bau enthält auch die Haupträume des Hauses, während der .westlich anschließende Flügel mit dem an der Panoramastraße liegen-

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