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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-08-29 · Heft 35 (29.8.1913) · p. Seite 419

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 35 (29.8.1913)
Date
1913-08-29
Page
Seite 419 (sequence 11)
Language
German
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selbst hatte freilich nicht recht daran glauben wollen. Ja, wenn der Herr Kreisrichter es irgendwo anders gesagt hätte; aber gerade im Dienstagsverein, dem Brann doch selbst angehörte, ohne ihn freilich regelmäßig zu besuchen; nein,, das hätte ja Dr. Loewisohn nie zugelassen. „Das ist eben das Unglück oder vielleicht gerade das Glück bei der Sache," rief Heymann, „daß der Doktor erst erschien, nachdem der Kreisrichter sich als Judenfresser: zu erkennen gegeben; andernfalls wüßten wir noch gar nicht, welcher Wolf sich in unsere Herde eingeschlichen, welcher Philostrat die Brandfackel in den Tempel des interkonfessionellen Friedens von Mondenstein zu schleudern sich anschick-t. Nun aber der Feind seine Batterien so frühzeitig demaskiert hat, nun gilt es auch, sofort zu mobilisieren, zu protestieren, zu attackieren. Sofort, ohne Säumen! Es handelt sich um das Prinzip, und wo ein Prinzip in Frage, da sage ich nur: principibus obsta. Sie nicht auch, Herr Doktor?" „Nun, ganz so sage ich es freilich nicht," erwiderte Dr. Braun, „das überlasse ich den Republikanern. Uebrigens denke ich, daß die Sache wohl bis zur nächsten Vorstandssitzuna am Montag Zeit hat." Aber Heymann Cicero wich und wankte nicht. „Nein, meine Herren, die Sache hat keine Zeit bis zum Montag. Es gibt freilich Fälle, in denen die Taktik eines Fabian Kunktator angemessen ist; aber unser Fall hat Eile. Denn wie sagt Goethe? Begeisterung ist keine Heringsware, die sich einpökeln läßt auf lange Jahre. Habe ich nicht recht, Herr Doktor?" „Mit der Begeisterung hat der große Dichter wohl recht; aber mit der Entrüstung ist es doch eine andere Sache; die wächst mit der Stunde. Immerhin sehe ich in der Tat keinen Nachteil, wenn wir dem Gesamtvorstand die Frage wirklich noch heut nachmittag in einer außerordentlichen Sitzung vorlegen." Heymann sah triumphierend zu Bloch hinüber, der sich dem Rabbiner, wie immer, anzuschließen erklärte. „Nun denn, meine Herren,, auf zur Tat, auf zur Tat," deklamierte Heymann. „Schmieden wir das Eisen, so lange es heiß ist. Wozu aus den Nachmittag verschieben, was am Vormittage geschehen kann? Der alte Schameß wohnt ja nebenan; der kann uns die fehlenden beiden Herren ja sofort zitieren; in zehn Minuten ist unser Kollegium vollzählig. Bis dat, qui cis dat." „Jawohl, bis dat, qui cito dat," wiederholte der Rabbiner, den drolligen Schnitzer leise korrigierend. Heymann schien die Korrektur zu überhören. Moser Bloch rief inzwischen den Lehrling Joseph Naphtaly aus der Remise, und bald erschien, von Joseph geholt, der greise Wolf Altmann im Laden. Altmann hatte die Freiheitskriege als Siebzehnjähriger mitgemacht und verrichtete nun, da er von seiner Jnvalidenpension nicht gut leben konnte und auch gern ein Extra-Schnäpschen sich leisten mochte, die Dienste eines Schameß (Synagogendiener) und nebenbei die Botengänge für den Vorstand. Er hatte auch schon von dem Tagesgespräch Kunde und versprach höchste Beschleunigung. Heymann Cicero verabschiedete sich für einige Minuten, um in seinem Geschäft einmal zum Rechten zu sehen; hauptsächlich war es ihm aber auch darum zu tun, sich zu Haus für die gewaltige Rede, die er im Sinne hatte, noch etwas zu sammeln und vorzubereiten. Der Rabbiner blieb bei Herrn Bloch zurück. Nach einer kleinen halben Stunde trat im Hinterzimmer des Blochschen Ladens der Vorstand zusammen. Außer den beiden ersten Vorstehern und dem Rabbiner, dem das Präsidium zustand, war noch der Kassierer erschienen, Herr Zacharias Baruch Loewh — die Witzbolde der Synagoge nannten ihn nach den Anfangsbuchstaben seiner Vornamen und zur Unterscheidung von den fünf anderen Loewys der Gemeinde. nur den „Zum Beispiel-Loewy", oder kurzweg den „Z. B." Auch der jüngste Beisitzer kam, Herr Isaak Perl, ein kluger und unterrichteter Mann, der durch die Gesundheitsverhältnisse seines Vaters kurz vor dem Abiturientenexamen dem beabsichtigten Studium zu entsagen und ins väterliche Spiritusgeschäst einzutreten gezwungen worden war; dem Dienstagsverein gehörte auch er als fleißiges Mitglied an; doch hatte er einer Geschäftsreise wegen, von der er erst spät abends zurückkehrte, die gestrige Sitzung versäumen müssen. Zur Unterscheidung von seinem älteren Bruder David Perl wurde Isaak Perl meist nur mit dem Kosenamen Jtsche genannt. Heymann Cicero hatte sich schon vor Beginn der Sitzung auf ihn geworfen, um ihn unter Aufgebot zündender Zitate schon im voraus seinen Anträgen geneigt zu machen. Er ließ erst von ihm ab, als Dr. Brann die Sitzung eröffnet und durch sehr starkes Räuspern ihm das nicht mißzuverstehende Zeichen zur Eindämmung seines Redeflusses gegeben hatte. Der Rabbiner wies mit wenigen kurzen Sätzen aus die Veranlassung der außerordentlichen Sitzung hin, dankte den Anwesenden für ihr Erscheinen und erteilte Herrn Heymann das Wort zur Antragsstellung. Und nun ergoß sich die Rede von den Lippen Heymanns in unaufhaltsamem Strome, sie wäre nach Form und Inhalt würdig gewesen, stenographisch zu Protokoll genommen und im Gemeindearchiv für spätere Geschlechter aufbewahrt zu werden; denn Heymann Cicero führte seinen Beinamen nicht zu Unrecht, und heut, selbst seine Gegner mußten es einräumen, heut übertraf er sich selbst. Aber leider waren Gabelsberger und Stolze in Mondenstein noch nicht vertreten, und Isidor Heymann war daher eine Generation zu früh geboren. Er begann mit einem historischen Rückblick auf die Pharaonen als die Vorläufer des modernen Antisemitismus, ging geschickt auf die Babylonier und Perser über, ließ seine Majestät Ahasverus'vulgo Artaxerxes nebst dessen gehängten Minister Hamann durchspringen, berührte im Flug den Tempelzerstörer Titus, dem-nur eine ganz unhistorische Auffassung den Beinamen der Liebe und Wonne des menschlichen Geschlechtes habe beilegen können, sprach herzbewegend von den Parias des finstern Mittelalters, vom gelben Fleck und den Mauern des Ghettos, von den Judenverfolgungen der Kreuzfahrer und vom schwarzen Tod, vom Heroismus der tausend und aber tausend jüdischen Märtyrer, brandmarkte Jsabella von Kastilien als die Vertreiberin der Juden und des Wohlstandes aus Spanien, verherrlichte das Tolevanzedikt Josephs II., ließ mit Friedrich dem Großen jeden nach seiner Fasson selig werden, rühmte die Encyklopädisten, Voltaire und den großen Jean Jacques; um auf die Deklaration der Menschenrechte und die hohe Errungenschaft der Preußischen Verfassung mit ihrem Artikel 12 auszumünden. „Und diese Verfassung und diesen Artikel 12 hat der neue Kreisrichter verletzt, verhöhnt, gebrochen. Der Dienstagsverein hat es gehört, Karlchen hat es erzählt, die Welt weiß es. Darum, teure Glaubensgenossen," rief er vom Stuhl aufspringend, „darum auf zur Rettung der Verfassung, zur Aufrechterhaltung der Toleranz, zur Wahrung des Friedens in unserer guten Stadt Mondenstein! Ich beantrage einen Protest, einen geharnischten Protest, einen flammenden Protest gegen die gestrige .Brandrede und gegen den gestrigen Brandredner. Wir protestieren bei der Regierung, bei dem Oberpräsidium, bei dem Ministerium, und wenn alles nichts hilft, bei Landtag und Krone. Wir bitten, fordern und verlangen die Abberufung dieses Antisemiten, dieses Hamann, dieses Verfassungsbrechers. Ja, meine Herren,, die Abberufung! Und wie weiland der alte Kato von Jthaka rufe ich und werde ich rufen bis zum letzten Atemzug: Dieses Carthago, dieses ceterum censeo muß zerstört, dieser antisemitische Kreisrichter muß abgesetzt werden. Dixi."

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