Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1913)
- Date
- 1913-08-29
- Page
- Seite 418 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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418 mehr auf sich warten. Cordoba, das sich heute, wie es scheint, deines Namens erinnert, wird dich morgen feiern wie den, größten seiner Söhne, an denen es wahrlich keinen Mangel leidet." _ . Sollte der Antor nicht allzu optimistisch hoffen? Freilich, an großen Söhnen leidet Cordoba keinen Mangel. Hier sind die beiden Senecas geboren, hier Lücanus, dessen Dichtungen den Neid des Nerv erregten, hier Averroes, der schristgelehrte Mann, der arabische Ausleger des Aristoteles, dem Dante mit anderen erlauchten Heiden eine helle Wohnstätte im Limbns patrum gewährt. Hier aber tagte auch das verfluchte Tribunal der Inquisition, ein Ketzergericht, dessen Grausamkeit selbst die Spanier im Zeitalter der wahnsinnigen Johanna zu Widerstand empörte. - Vergessene Seelen, ihr aus fernen Sternen, Kinder Jupiters, .Allahs und Jehovahs, hat auch euch gerechter Zorn zu einer Verwünschung getrieben? Habt ihr ihn herabbeschworen, den kümmerlichen Untergang einer Stadt, in der man einst des Lebens Rätsel löste? Ein altes Märchen klang mir im Ohr, da ich Cordobas Boden betrat. Ich träumte von der Prachtliebe der Kalifen, den Springbrunnen und Lustwäldern ihrer Paläste, den tausend Lampen und buntgewirkten Teppichen in ihren Moscheen. Man mußte sie doch sofort gewahren, „los arbres pour s asseoir ä leur ombre, les fontaines jaillissantes pour rever a leur bruit, le silence et les mosquees aux legers minarets, s elevant a chaque pas du sein d’une terre pieuse,“ wie Lamartine die Gegenden schildert, in denen die mohammedanische Welt unter segensreicher Sonne das Szepter geführt. Die gewaltige Kuppel, von dreizehnhundert Riesensäulen getragen, die Heine uns vorgaukelt, mußte sie nicht austaucherr im Frührot zwischen Orangenhainen wie ein Gruß des Orients? Arme Sehnsucht nach dem Lustschloß, das die Jugend gebaut, welch' herbe Enttäuschung ward dir Vorbehalten! Das spanische Mekka, die blühende Hauptstadt' der Omaijaden, schläft heute fest und still, keine Bewegung des schöpferischen Lebens dringt bis zu ihm. Aus den ausgestorbenen Gassen lastet bezwingende Schwermut, einsame Palmen aus sandigen'Hügeln schütteln das Haupt. Wo die Ebene sich senkt, strömt der Guadalquivir, seine Wasser spiegeln die vielbogige römisch-maurische Brücke und die verfallenen arabischen Mühlen. Wo die Sierra sich türmt, hausen im Desierto di nuestra Senora die Eremiten, das Kreuz haben sie aus den Fels gepflanzt, betend tun sie Pönitenz. Und sie, die Mezquita, die Moschee, wie das Volk die Kathedrale in sympathischer Halsstarrigkeit nennt, sie stellt sich nach orientalischer Gewohnheit den Blicken der profanen Welt so leicht nicht bloß. Eine feindlich steinerne Mauer hütet diese Festung Gottes, die man zwangsweise zur Prvselytin gestempelt. Ihresgleichen gibt es nicht aus diesem Erdenrund. Verwirrend wirkt das Labyrinth der Säulengänge, erscheinen die schwergewölbten Wände, aus denen „des Korans arabische Sprüche klug und blumenreich verschlungen!" Verwirrend, aber faszinierend. Die. Augen kommen nicht zur Ruhe, einsallende Lichtstrahlen treiben aus polychromen Holzdecken, dem farbigen Marmor der Säulen, dem byzantinischen Mosaikfußboden ein gar zu übermütiges Spiel. Von den Mihrabs, den Gebetnischen der Kalifen, mit der Feinheit und Anmut ihrer phantastischen Ornamentik zum Reiche des Kreuzes ist hier nur ein Schritt. Eine Renaissancekirche von großer Pracht und Schönheit ward eingesügt in das Gebiet des Halbmonds. Aus reichen Barockstühlen sitzen die Domherren und stimmen ihre einförmige Litanei an, abgestoßen von diesem Anachronismus wendet der Fremde seine Schritte. Wer durch die Puerta del Perdon eintrat in den Orangenhos, sich vorzubereiten aus das Wunder der Moschee, der empfindet einen Hauch von dem einstigen Zauber Cordobas, der im übrigen zur Mythe geworden. Margarete Marasse. Der Antisemit. Roman von Ern st Theodor Justi. IX. 0hnmächtig? Meinen Sie wirklich? Ich sage Ihnen, der Vorstand kann protestieren, petitionieren, agitieren. Ich sage Ihnen, der Vorstand darf nicht ruhen, bis dieser Hamann, dieser Urerzantisemit von Kreisrichter, versetzt ist."' „Gemach, gemach, Herr Heymann! Woher wissen Sie denn überhaupt, daß der neue Kreisrichter ein Antisemit ist? Und wie können Sie es beweisen?" „Woher ich's weiß? Wie ich es beweisen kann? Ist das etwa keine Tüte Malzbonbons?" „Gewiß; aber was hat die mit dem Kreisrichter zu tun?" „Sie kommt soeben aus Karlchens Apotheke, und Karlchen ist Mitglied des Dienstagsvereins, und der neue Kreisrichter hat gestern im Dienstagsverein eine Brandrede gehalten und sich vor versammeltem Kriegsvolk als Urerzantisemitenhäuptling Präsentiert, dekouvriert, deklariert." „Und hat es Ihnen Karlchen selbst gesagt?" „Nein, aber der Lehrling Kunze, und der ist zu dumm, um so etwas zu erfinden." „Da können Sie recht haben, Herr Heymann; aber wir können doch nichts tun, ohne zuerst unseren Rabbiner 31t hören." „Darin können wieder Sie recht haben, Herr Bloch. Uebrigens, Leo in fabula", dabei wies er durch das Fenster aus deu Marktplatz, aus den der Rabbiner aus der gegenüberliegenden Synagoge gerade heraustrat. „Ich will ihm doch winken, daß er hereinkomme." Bald öffnete sich die Ladentür, und der Rabbiner Dr. Braun trat ein. Er war ein Mann in reiferen Jahren. Aus den ärmsten Verhältnissen hervorgegangen, hatte er mit eiserner Energie sich durchgerungen, unter Hunger und Stundengeben Seminar und Universität besucht, und mit einer sehr gelehrten Dissertation über eine Stelle des Philo deu philosophischen Doktorhut erworben. Um nach achtjährigem Brautstand seine Rebekka heimsühren zu können, hatte er um jedes erledigte Rabbinat sich beworben, mochte der Ort auch noch so klein sein, und so war er in Mondenstein vor nahezu 26 Jahren zum Rabbiner gewählt worden. Seiner anfänglichen Hoffnung, in eine größere Stadt zu kommen, hatte er längst entsagt. Die Fortsetzung seiner philosophischen Studien hatte ihm der Arzt mit Rücksicht aus seine durch die Entbehrungen der Jugend sehr geschwächte Gesundheit verboten. Seiner- Ehe war nur ein srühverstorbenes Kind entsprossen. So war es denn sein ganzer Ehrgeiz, die Herzen seiner Gemeinde sich zu gewinnen und zu erhalten, eine sehr gemäßigte Reform des religiösen Kultus anzubahnen, die alten Bräuche nur, soweit sie der Gegenwart abstoßend erscheinen mußten, zu beseitigen und für Wohltätigkeit, Unterricht, Krankenpflege und Chorgesang nach besten Kräften zu wirken. Die große Neuigkeit 'war ihm nicht mehr ganz fremd. Seine Frau hatte aus dem Markt bereits davon gehört; er