Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1913)
- Date
- 1913-08-29
- Page
- Seite 417 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Man sieht aus diesen wenigen Proben, von welcher Bedeutung die hier zusammengestellten Briefe sind. Sie führen uns so lebendig in die Zeit und die Anschauungen der Romantik hinein, daß wir dadurch eine mannigfach' neue Anschauung von den Bestrebungen jener seltsamen Epoche gewinnen. Km Grabr des Maimonides. ährend meines letzten Aufenthaltes in Madrid — im Oktober 1912 — wurde eine literarische Neuerscheinung, die farbenreiche Wiedergabe einer Orientreise des bekannten Schriftstellers Gomez Carrillo vielfach lobend besprochen. Derselbe Autor hatte zuvor seine Erlebnisse in Indien, China, Japan und Griechenland mit einem beneidenswerten Reichtum der Erkenntnisse und Empfindungen veröffentlicht. Nachdem mich eine Zeitungsprobe lebhaft angeregt hatte, war ich sofort bemüht, das Buch in der ersten Libreria der Hauptstadt zu erstehen. Auf eine seltsame und unerwartete Schwierigkeit mußte ich dabei stoßen. Das Buch war in französischer Sprache erhältlich, nicht aber in des Landes Idiom, das heißt, die Uebersetzung war vorhanden, das Original nicht. Nachdein ich die gleichen Erfahrungen in den anderen Buchhandlungen der Kapitale machen mußte, nahm ich, angesteckt von dem orientalischen Gleichmut der Einwohner, auch diese Kulturwidrigkeit ruhig hin und kaufte das Werk in der Sprache der gallischen Nachbarn. Pelerinage Passionne mit dem Untertitel Jerusalem et la Ter re Sainte ist in Paris bei der Societ6 des Editions Louis Michaud herausgekommen. Für die Uebersetzung und Vorrede zeichnet Albert Glorget. Dieses Buch trägt eine sehr eigenartige Physiognomie. Viele Stellen daraus, um hier ein banal gewordenes Wort mit gutem Recht zu wiederholen, scheinen mit des Autors Herzblut geschrieben. Die Trauer um sein Volk wird ihm unwillkürlich zum Gedicht. Vor allem das Kapitel „Tiberiade" überschrieben überzeugt in seiner sieghaften Rhetorik, ohne im entferntesten in den Fehler des Phrasentums zu verfallen, von dem schlechten Gedächtnis der spanischen Nation für ihre Größen vergangener Jahrhunderte, zumal wenn diese nicht den: alleinseligmachenden Glauben angehören. Hoch über allen steht Maimonides, der Mann, den die heute an seinem Grabe knienden Sephardim ihren Erlöser nennen. Die Provinz Galiläa, von deren üppiger Fruchtbarkeit Josephus nicht genug erzählen kann, ist seit der Zeit der Kreuzzüge verödet und verdorrt. Jesus in seinem heiligen Zorn prophezeite den unbußfertigen Städten, in denen er die meisten seiner Wunder getan, und die sich doch nicht besserten. Unheilvolles: „Wehe dir, Chorazin! Weh dir, Bethsaida! Ich sage euch, es wird Tyro und Sidon träglicher gehen am jüngsten Tage, denn euch. Und du, Capernaum, die du bist erhaben bis an den Himmel, du wirst bis in die Hölle hinuntergestoßen werden. Denn so zu Sodom die Taten geschehen wären, die bei dir geschehen sind, sie stünde noch heutigen Tages! Doch ich sage, es wird der Sodomer Lande träglicher ergehen am jüngsten Gerichte denn dir!" In schrecklicher Weise hat sich diese Malediktion erfüllt. Ruinen, interessant für den Archäologen, zeugen allein von dahingegangener Pracht. Nur Liberias, der denkwürdige Ort am südlichen Ufer des See Genezareth hat sich erhalten. Dank der zurückgekehrten und hier angesiedelten Juden, gibt der Boden wieder Brot und der See Fische wie zur Zeit, da des Menschen, Sohn hier 5000 Mann mit Weibern und Kindern speisen konnte. Ernest Renan, der diese Gegenden vor etwa 50 Jahren bereiste, sah auch hier nur Verwüstungen, welche er den Wirkungen des Islams zuschreibt: „Sans doute il y a eu ici, comme dans la Campagne de Rome, quelque changement de climat, amene par des causes historiques. C’est l’islamisme, et surtout la reaction musulmane contre les croisades, qui ont dess6clie, a la l'agon d’un vent de mort, le canton preEere de Jesus.“ Carrillo bewunderte in der Nachbarschaft von Liberias lachende Felder, mit Blumen bedeckte Wege, weidende Herden auf fetten Triften. Viele der Juden, die das Wunder vollbracht, und zwar gerade die Aristokraten, denen auch die große Synagoge außerhalb der Stadt in der Nähe der antiken Thermen gehört, sind spanischen Ursprungs. Ihnen war die Genugtuung zuteil, das Grab des Philosophen Moses ben Maimon, Maimonides genannt, zu hüten, des Mannes, der in seiner Heimatstadt Cordoba ein tüchtiger Talmudist gewesen, der aber nach seiner Flucht emporgewachsen' zu den lichtvollen Höhen, da er aus der Bibel und dem Aristoteles seine Weisheit schöpfte. Was der pilgernde Spanier von heute mit dem heiß und ungestüm fühlenden Herzen an der stillen Stätte empfunden, das möchte ich wörtlich wiedergeben: „Maimonides! — Es gibt im Orient kein menschlich Wesen, das diesen Namen nicht mit Ehrfurcht ausspricht. Die Christen, die Araber, die Juden, sie alle wissen, was dieser erhabene Mann gewesen. Wir allein, wir Spanier, wir wissen es nicht. Nein, wir wissen es nicht, so wohl bewandert wir auch in der Geschichte des Mittelalters sind. Wir wissen, daß er ein großer Philosoph, ein großer Gelehrter, ein großer Theologe gewesen ist. Das aber ist nichts. Um eine Ahnung seines wahren Wertes zu bekommen, muß man ihn hier auf dem Boden des Talmuds, wo die jüdische Rasse noch die ganze Kraft ihrer Hoffnungen bewahrt, betrachten. Hier, in Palästina, erscheint Maimonides als erhabenste Gestalt unter den Kindern Israels nach Moses. Die Sephardim beten zu Füßen seines Grabes wie zu jenem eines.Propheten, Aus allen Teilen der Welt kommen die Hebräer, die ihre Lippen bei der Berührung eines heiligen Steines zu reinigen wünschen, in frommer Pilgerschaft in diesen kleinen Winkel Galiläas. Die armen Tiberiaden würden diese Reliquie nicht mit all jenen Jerusalems vertauschen." So spricht der schöpferische Geist des Mannes, dex es versuchte, in seinem „Führer der Umherirrenden" Religion und Philosophie in Einklang zu bringen, zu den fernsten Generationen eines sich unverfälscht erhaltenden Stammes. Der Gefahr seiner Ausführungen war sich Maimonides, der in der Zeit des schwersten Druckes geworden, nur zu klar. „Ich bin nun so!" sagte er. „Wenn mich der Gedanke drängt, und ich kann ihn bloß in der Weise darstellen, daß er einen unter Zehntausenden, 'einen Denkenden befriedigt und fördert, während er vielleicht der großen Masse unerträglich erscheint, so spreche ich kühn und offen das Wort aus, das den Vernünftigen erleuchtet, mag auch der Tadel der unwissenden Menge mich treffen." Das alte Lied! Der drängende Gedanke bleibt es, der kühn durch Zeiten und Welten steuert, wenn jener, der ihn gehegt, längst ans Kreuz geschlagen ward. Weiter und weiter klingt seine Weisheit — die Pyrenäen überfliegt er nicht. Heftig eifert Carrillo gegen den Geist der Finsternis in seinem Vaterlande, und also klingen seine Worte aus: „Im Namen Spaniens beuge ich -heute das Knie vor deinem Grabe, Maimonides, und ich spreche zu dir: „Du, der du alles verstehst, verzeihe uns, daß wir deiner ein Jahrtausend lang vergessen haben. Die Stunde deines Ruhmes läßt nicht