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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-08-29 · Heft 35 (29.8.1913) · p. Seite 416

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 35 (29.8.1913)
Date
1913-08-29
Page
Seite 416 (sequence 8)
Language
German
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wegen gefallen lassen! Ich warne -Sie, und bitte Sie, gehen Sie sich mit ihm über nichts radicales mehr in ein Gespräch, es ist verlorene Muhe. Wenn dgl. geschehen muß, (wozu aber durchaus jetzt nicht der Momenth ist), so muß man ihn ganz annihiliren, dabey bleibe ich; ich kenne ja den Patron! Ueber alle kleinen Begebenheiten, und außenwerke kann man sich allenfalls mit ihm befassen so viel als Noth thut. Könnten Sie ihn'bereden, daß er sich eine Frau nimmt, Fleisch von seinem Fleische, und Geist von seinem Geiste, und mir die Kinder, wie in Pension übergiebt, das wäre ein großer coup!" Die literarische Bedeutung unserer Briefe besteht vor allen Dingen darin, daß sie über das Zusammenleben der beiden Schlegelschen Paare: Friedrich und Dorothea einer-, Wilhelm und Caroline anderseits, über Carolinens Tochter, Auguste Böhmer und über Schelling, den späteren Gatten Carolinens sehr viel enthalten. Die verkehrte Erziehungsweise der Auguste, ihr früher Tod und Schlegels kindisches Benehmen nach diesem Hinscheiden, die allmähliche Entfremdung August Wilhelms von Caroline, ihre Hinneigung zu Schelling, das Zerwürfnis zwischen den beiden Brüdern werden sehr klar beleuchtet. Dorothea, die sich mit viel Geschicklichkeit in diesen seltsamen Kreis einzuleben verflechte, wird allmählich, nur zum geringsten Teil durch ihre Schuld, aus diesem herausgerissen. An die Stelle der Bewunderung für ihre Schwägerin Caroline tritt nach und nach ein förmlicher Haß; sie will den auch heute noch übermäßig bewundernden Geistreichtum ihrer Schwägerin Caroline durchaus nicht gelten lassen, sondern erklärt, jene gebe sich vollständig in ihren Briefen ails, zeige aber in ihren Gesprächen niemals wirklichen Geist, ja, sie geht einmal so weit, sie geradezu für borniert zu erklären. Aber auch manche andere Personen werden in unseren Briefeil höchst merkwürdig beleuchtet, teils Berliner Damen, wie die berüchtigte Frau des Buchhändlers Sander und Helene Unger, über die Dorothea mit großer Erbitterung spricht, besonders wegen der Judenfeindschaft, die Frau Unger zur Schau trage, teils hervorragende Persönlichkeiten. Unter ihnen seien nur Tieck, Novalis-Hardenberg, Ritter und Clemens Brentano und besonders Goethe erwähnt. Das erste Zusammentreffen mit ihm wird höchst amüsant geschildert, aber auch sonst kommen lnanche Nachrichten über ihn vor, u. a. die nachfolgende, recht befremdliche über Goethe und Madame Paulus, die so lautet: „Goethe hat eine Zeitlang mit ihr gespielt und endlich sie verlassen, wie er es allen macht; doch ist er ihr immer noch gewogen, und bittet sie öfterer als die anderen, wenn er Gesellschaft hat". Von ganz besonderer Bedelltung sind ferner die Stellen, in denen Dorothea über Friedrichs Roman „Lucinde" und ihren eigenen Roman „Florentin" schreibt, es wird aus diesen Aellßerungen ganz klar, was man freilich auch vorher schon voraussetzte, daß Dorothea allein die Heldin der Lucinde ist; für Florentin erfährt man, daß der zweite Band ziemlich fortgeschritten war, man wird eingeweiht in die Nöte, welche die Beschaffung eines Verlegers machte; auch manche Personen, die man in diesem Buche geschildert wähnte, zum Beispiel D'Alton, werden gelegentlich erwähnt. Indessen, der Reiz unserer Veröffentlichung besteht nicht nur in den literarischen, sondern vor allen Dingen in den persönlichen Mitteilungen. Zweimal spricht sie von ihrem Vater, allerdings nur mit Hinblick auf ihren körperlichen Zustand, aber auch diese Hinweise aus Moses Mendelssohn sind nicht uninteressant. Das eine Mal sagt sie „ich bin nun gewiß, daß ich den Status von Gesundheit von meinem Vater geerbt habe,, ich leide, an denselben Schwächen", und das andere Mal „ich denke, ich werde so wie mein Vater sterben, nämlich aus Schwäche, ohne Schmerzen, ein bloßes Erlöschen". Häufiger als der Vater, wird die damals noch lebende Mutter erwähnt. Man erfährt, daß Dorothea nach ihrer Trennung von Simon Veit mit ihrer Mutter in Korrespondenz stand, und daß diese nicht eben sehr einverstanden mit dem Verfahren der Tochter war, obwohl Dorothea einmal berichtet „meine Mutter hat mir übrigens sehr freundlich und ziemlich vernünftig geschrieben". Allerdings folgte auf diesen freundlichen Brief ein ziemlich strenger, so daß Dorothea meldet, „wenn meine Mutter nicht ihren Sinn ändert und fortfäyrt, mich so zu beleidigen, so kann ich nicht in Berlin wohnen". Ganz besonders streng urteilt sie über ihren Bruder Abraham. Sie nennt ihn einmal geradezu einen gefühllosen Barbaren und braucht über ihn die furchtbar starken Worte: „ev ist", sie schreibt dies aus Paris 1802, „um nicht ein Haarbesser als jeder junge Berliner Jude,, nur daß er noch feinere Wäsche, und noch gröbere Arroganz besitzt; eigentlich begreif ich nicht, lieber Schleiermacher, wie sogar Sie soviel aus ihm machen konnten? jeder Commis eines ordentlichen Hauses in Paris ist artiger und gebildeter als er, weil er Ihnen in Berlin fein vorgekommen ist, so ist es nur, weil die anderen Berliner noch gröber sind, hier nimmt er sich sehr tölpisch aus". Nebst den Betrachtungen über die Ihrigen sind die Bemerkungen über ihren religiösen Standpunkt von sehr großer Bedeutung. Einmal fragt sie Schleiermacher (1801), „denken Sie, ich sei so Stvckjüdin?" und ein ander Mal berichtet sie, daß sie viel in der Bibel lese und fährt dann fort, „ich lese mit Aufmerksamkeit beide Testamente, und finde nach meinem Gefühl jetzt das Protestantische Christentum doch reiner und dem katholischen weit vorzuziehen; dieses hat mir zuviel Aehnlichkeit mit dem alten Judentum, das ich sehr verabscheue. Der Protestantismus dünkt mich aber ganz die Religion Jesu zu sein und die Religion der Bildung. Im Herzen bin ich ganz, soviel ich aus der Bibel verstehen kann, protestantisch; das öffentliche Bekenntnis davon halte ich nach meinem Glauben , gar nicht für nötig, denn, sogar in diesem öffentlichen Bekennen liegt mir eine katholische Ostentatiop, Herrschsucht und Eitelkeit. Genug, daß ich es weiß und es glaube". Diese Aeußerung ist um so merkwürdiger, als Dorothea, wie allgemein bekannt ist, später zum Katholizismus, übertrat und. sich einerstrengen, geradezu mystischen Richtung anschloß. Es ist sodann wohl bekannt, daß Dorothea später in sittlichen Dingen sehr streng dachte und ihre Jugendverfehlungen bereute. Um so merkwürdiger bleibt es, daß sie damals das Recht der Frau, frei über sich zu verfügen, proklamierte, "und wie sie selbst mit Entschiedenheit ihren eigenen Weg ging, auch für ihre Freundinnen' ähnliche Freiheiten verlangte. Eine ihr am nächsten stehende Berliner Frau, Henriette Herz, die mit dem Arzt Markus Herz verheiratet war, war wie bekannt, mit Schleiermacher aufs innigste verbunden. Diesem schreibt nun Dorothea einmal am 22. August 1800: „Dafür sei Gott gedankt, daß Sie sich endlich Nicht mehr von Herz einen Maulkorb anlegen lassen, es war sündlrch, daß Sie es bisher litten. Es muß nichts in der Welt geben, um das man sich den Despotismus gefallen läßt. Man kann nicht von den Leuten verlangen, sie sollten verständig sein, aber warum jene das Gegenteil von anderen sollen verlangen können dürfen, ist doch auch nicht abzusehen." Und als Markus Herz gestorben war Und fernes Frau in ziemlich ärmlichen Verhältnissen zurückließ, schrieb sie (1803): „Recht indigniert bin ich, daß Herz der Jette nicht ein besseres sort gemacht hat. Ist es wohl erhört, daß sie sich jetzt sio quälen muß, nachdem sie ihm ihre herrlichsten Jahre hrngab! Nicht erhört ist es! Auch das nicht einnral! Wie konnte der Mensch sich unterstehen und so viel Geld jährlich verzehren, ohne für sie gesorgt zu haben! Bitterböse bin ich chm noch ins tiefe Grab dafür."

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