Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1913)
- Date
- 1913-08-29
- Page
- Seite 412 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229105--69710-3282027- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
412 Erwiderungen nach rechts und nsch links. Von einem Parteilosen. on meiner Ferienreise zurückgekehrt, finde ich beim Durchblättern der jüdischen Zeitungen nicht weniger als drei Repliken gegen meine Bemerkungen in Nr. 27 dieses geschätzten Blattes (S. 320 f.) Der „Israelit" in seiner Nr. 30, S. 3 f., und Herr Dr. Carlebach im Leitartikel der „Jüdischen Presse" Nr. 28 replizieren in äußerst erregtem Tone gegen die „Allg. Ztg. d. Jud.", wie gegen mich, wobei sie gewohnheitsgemäß mit Verdächtigungen nnd Verdrehungen am wenigsten sparsam umgehen. Aber auch Herr Dr. Seligmann ist durchdas bißchen Kritik, das ich an seiner Argumentation geübt habe, beunruhigt. Nun, meine Parteilosigkeit ermöglicht es mir, gegen jedermann objektiv zu sein, und ebenso auch gegen S., trotzdem ich hier als sein Verteidiger erscheine. Ich wende mich in dieser zweiseitigen Entgegnung zuerst Herrn Dr. S. zu, weit mich seine Angelegenheit weniger als die seiner Gegner aushalten dürfte. Herr Dr. S. fordert mich aus, „durch öffentlichen Nachweis seiner „Jrrtümer" und seiner „nicht stichhaltigen Argumente" ihm Gelegenheit zu geben, sich gegen diese Vorwürfe zu verteidigen". Nun, ich gestehe, daß ich bei jenen „Vorwürfen" nur die in Carlebachs Leitartikel im „Israelit" Nr. 22 aufgezählten drei Momente im Auge, gehabt habe. Seli-gmanns .Deutung von Sprüche der Väter 2, 11 mußte ich mit Rücksicht darauf, daß sie der Auffassung aller bekannten Kommentatoren völlig widerspricht, als einen „Irrtum" ansehen. Bachers entlegene Interpretation darf S. nicht als allbekannt voraussetzen. Ebenso müßte ich -seine falsche Verknüpfung von zwei nicht zusammenpassenden Regeln (Kol Israel beclieskas kasclirus usw.) als einen „Irrtum" bezeichnen, unbekümmert darum, ob dieser Fehler aus Versehen oder aus sonstigen Ursachen entstanden ist. Wenn S. ferner die „Gesetzesaufhebung" seitens der Orthodoxie dadurch beweisen will, daß sie jedem Restaurateur und Metzger einen Aufseher bestellt, so ist wohl dieses bei den Haaren herbeigezogene Argument noch etwas mehr als „nicht stichhaltig". Denn erstens beanspruchen solche Regeln, welche die jeweilige religiöse Erziehung zur Grundlage haben, keinesfalls eine allgemeine und dauernde Gültigkeit, und zweitens darf man bei freiwillig sich auferlegten Erschwerungen, die gerade die weitgehende Peinlichkeit in der Gesetzesbeobachtung zur Voraussetzung hat, von allem eher als von „Gesetzesaufhebung" sprechen. Das sind die „Jrrtümer" und die „nichtstichhaltigen Argumente", von welchen ich — gegen die Insinuation des „Israelit" Nr. 25, S. 7, erklären mußte, daß die „Allg. Ztg. d. Jud." sich mit ihnen keinesfalls identifiziert. Nun können wir zu den Gegnern S.s übergehen. In dem Leitartikel Nr. 22 des „Israelit" hat Herr Dr. Earlebach die erwähnten drei schwachen Momente der S.schen Ausführung dazu benutzt, um S. zur Zielscheibe seines rücksichtslosesten Sarkasmus zu machen und ihn vor aller Welt zu degradieren. Aus Grund dieser vereinzelten Punkte bestreitet er ihm jede Kompetenz auf talmudi s ch^rabbin is che in Gebiet, ja selbst das Religionsschulpensum der vierten Klasse soll S. unbekannt sein. Betreffs des Herrn Dr. Wohlgemuth behauptet C., „daß es seiner wissenschaftlichen Würde nicht entspricht, auf die Angriffe S.s zu replizieren, es hieße ihnen eine Bedeutung beimessen, die ihnen beileibe nicht zukommt". Da nun dieser Carlebachsche Artikel weder die Schlußbemerkung „Fortsetzung folgt", noch sonst eine Andeutung auf weitere Behandlung dieses Themas aufweist, und dazu noch seiner ganzen Komposition nach als ein Abgeschlossenes, Ganzes, erscheint, so mußte ich als den Grundgedanken Carlebachs annehmen, daß Dr. Wohlgemuth und der „Israelit" es nun als unter ihrer Würde betrachten, mit der S.schen Argumentation sich weiter zu befassen, und daß ferner auch Herr Dr. Carlebach, der hier Herrn Dr. W. gegenüber die Rolle jenes Dieners, den der Rabbi mit der Beantwortung der Frage eines Ignoranten beauftragt habe, übernommen, die gesamte Beweisführung S.s mit diesem Schmähartikel abgetan habe. Wie sollte ich es nun aber begreifen, daß Herr Dr. W. und der „Israelit", welche gegen die w enigen und unmotivierten und daher für die orthodoxe Laienwelt ganz unschädlichen Nichtlinienparagraphen so unendlich viel einzuwenden hatten, jetzt mit einem Male, gerade gegen diese frappierende Argumentation S.s sich in majestätisches Schweigen hüllen. Und wie sollte ich es mir ferner erklären, daß C. diesen ausführlichen Darlegungen S.s nichts mehr als ironische Tiraden gegenüberzustellen für nötig findet. Schätzen. auch diese Herrn den wissenschaftlichen Gehalt jener Argumente noch so niedrig ein, so können sie doch ihren faszinierenden Charakter wenigstens in bezug auf die Laienwelt nicht bestreiten. (Vgl. „Israelit" Nr. 30, S. 4.) Ich konnte daher für dieses vermeintliche Verfahren des „Israelit" und seiner Getreuen nur die einzige Erklärung finden, daß die altbewährte Methode des „Israelit", jeder unbequemen Debatte mit einer geheuchelten Miene der Ueberlegenheit schweigsam aus dem Wege zu gehen, oder sich mit einigen ironischen Bemerkungen aus der Verlegenheit zu helfen, hier wiederum in Anwendung gebracht wurde. Diese Praktik darf jedem, der mit Dem Pamphletismus des „Israelit" literarisch paktiert, ohne weiteres zugetraut werden, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil diese Kampfesmethode in erster Linie die Kritiklosigkeit des Lesers zur Voraussetzung hat, welch letztere die Basis für alle Polemik des „Israelit" abgibt. Die Richtigkeit dieser meiner Behauptung bestätigt der „Israelit" mit denselben Worten, mit denen er diesen Vorwurf zurückzuweisen sucht. Nr. 30 S. 4 schreibt er nämlich, daß die „Allg. Ztg. d. Jud." nur deshalb von Zeit zu Zeit durch mich auf ihn und seine Mitarbeiter Angriffe richten läßt, weil man in liberalen Kreisen seine Polemik gegen-S. „recht wohl empfindet". Wohl gemerkt also, daß ich das Schweigen des „Israelit" getadelt und ihn.in Nr. 27 in allen Variationen zur Polemik herausgefovdert habe, soll nur deshalb geschehen sein, weil die „Allg. Ztg. d. Jud." seine Hiebe auf die Nichtlinienmänner sehr schmerzlich empfunden habe. Wenn maü also einen Gegner ständig reizt und provoziert, so beweist dies, daß man ihn sehr fürchtet. Das ist der neueste Syllogismus des „Israelit"! Nun, der „Israelit" wird uns hoffentlich darob nicht zürnen, daß wir ihn diese Stupidität nicht zutrauen, sondern überzeugt sind, daß sein großes Vertrauen auf die Urteilslosigkeit seiner Getreuen ihm den Mut zu solch logischen Purzelbäumen verleiht. Auch Herr Dr. Carlebach, der jene altbewährte Methode dem „Israelit" gründlich abgeguckt hat, bringt dieselbe auch in der „Jüd. Presse" mit großer Geschicklichkeit zur Anwendung, und zeigt, daß er dem „Israelit" auch darin nicht nachsteht, daß auch er, indem er meine Behauptung von seinem Spekulieren auf die Kritiklosigkeit seiner Leser zu widerlegen sucht, diese Behauptung gleichzeitig zur Evidenz bekräftigt. Ich habe nämlich einerseits die von ihm im „Israelit" Nr. 22 genannten drei inkorrekten Momente in Seligmanns Ausführung — wie oben bereits erwähnt — ebenfalls als solche erkannt. Anderseits aber habe ich dagegen protestiert, daß er durch eine ironisierende Aufbauschung derselben die ganze Seligmannsche Beweisführung diskreditiert zu haben vorgibt. Daraus konstruiert C. einen Widerspruch in meinen Worten und wirst mir daher in der „Jüd. Presse" Nr. 28 vor, daß ich „mich selbst der Vorspiegelung falscher Tatsachen schuldig entlarvt habe", weil ich einerseits „seine Nachweise als „Witzchen und Mätzchen" karikieren" will, und dann „mit einem Male mußte ich zugestehen, daß ich die Jrrtümer Seligmanns nicht übersehen habe". Gesetzt den Fall, Herr Dr. C. weist in der