Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1913)
- Date
- 1913-08-29
- Page
- Seite 411 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Blatt kein besonderes Interesse haben. Aber es gab doch einige Momente, die auch das jüdische Interesse tangieren. Gerade im gegenwärtigen Momente, wo sich auch innerhalb der Preußischen Judenheit eine von der organisierten Lehrerschaft inaugurierte' Bewegung sür die Konfessionalisierung der Volksschule und damit , im Zusammenhang eine bedauerliche Gegnerschaft gegen den politischen Liberalismus bemerkbar macht, entbehrt es nicht eines Pikanten Reizes, aus den Reden des Landtagsabgeordneten. Dr. Marx, Düsseldorf, und anderer Hier zu hören, von welchen Gesichtspunkten aus für die konfessionelle Volksschule und. gegen die Simultanschule argumentiert wird. Die letztere, die Simultanschule, ist danach eine Forderung der Sozialdemokraten, sie erzieht zur Religionslosigkeit, zum Heidentum, „wir verlangen," so rief ein Redner aus, „die konfessionelle Schule, die Erteilung des Religionsunterrichts im Namen der Kirche und die Beaufsichtigung des-Religionsunterrichts durch die von Christus dazu eingesetzte. Instanz, das ist die Kirche." Weit interessanter, als die hier aufgestellte These, daß die Volksschule die Kinder vollständig in die Erziehungsobhut der Kirche zu stellen habe, ist die Annahme zweier weiterer Anträge, in denen auch die Konsessionälisierung der gehobenen Volksschulen und der Fortbildungsschulen verlangt wird. Aus den weiteren Reden ist ferner ersichtlich, daß man sich auch schon mit dem Gedanken trägt, den konfessionellen Charakter der mittleren und der höheren Lehranstalten zu verlangen. Das also ist die zwingende Logik und Konsequenz der Forderung der konfessionellen Volksschule, und da will man uns einreden, daß es zu unserem Heile geschieht, wenn auch wir uns auf diesen Weg locken lassen? Im übrigen muß anerkannt werden, daß auf dem diesmaligen Katholikentage irgendwelche antisemitische Aeußerungen fast gar nicht zu hören waren. Selbst in der schärfsten Kritik der „Freimaurerei", des „Monismus" und des „Modernismus" finden sich nicht, wie es sonst bei den Antisemiten gang und gäbe, irgendwelche Anspielungen aus Juden und Judentum. Rur ein einziger Redner, .der Dominikanerpater B o n a v e n t u r a aus Berlin, konnte es sich nicht versagen, in einer Bemerkung über die Presse den Satz auszusprechen, daß sie vielfach im Dienste des modernen Kapitalismus und in Verbindung mit Israel und all den anderen antichristlichen Tendenzen stehe. Der Herr Dominikanerpater überschätzt nach Art der Antisemiten den Anteil der Juden an der Presse. Und es lag für ihn wirklich kein Anlaß vor, als einziger auf dem ganzen Katholikentage mit dem antisemitischen Kalbe zu pflügen. Daß inzwischen die Berliner Zentrumsstimme der „Germania", die ja auch sonst in antisemitischen Stilübungen es . mit jedem Ahlwardtorgan ausnimmt/ sich in heftigen Pückleriaden ergeht, weil ein großes liberales Blatt der Reichshauptstadt eine schmerzhaft empfundene Kritik des Katholikentages gebracht hatte, kann nicht weiter auffallen, denn von der edlen Gerechtigkeits- und Wahrheitsliebe dieses Blattes sind wir Juden längst gewohnt, daß es die „Sünden" aller liberalen Organe als jüdische Sünden bucht. * Wie in der Not der Teufel Fliegen frißt — so recken jetzt die antisemitischen „Deutsch-sozialen Blätter" in der höchsten Not, da das H e i n e - D e n k m a l i n H a m b u r g ausgestellt werden soll, ihre Hände zu dem sonst so verpönten Juden Baltin, in letzter Stunde noch von ihm einen Protest gegen das Hamburger Heine-Denkmal erwartend. Dieser Appell an Ballin ist in jenem duftigen Stil verfaßt, der dem genannten antisemitischen Skandalblättchen von jeher eignet, und sei als literarisches Kuriosum hier vorgeführt'. Der Erguß lautet: „Es erscheine die Frage angebracht, ob wirklich die Regierung Hamburgs sich selbst, dem Deutschen Reich und dem Kaiser die' Schmach antun will, die Genehmigung zur Errichtung eines Denkmals für einen Schuft zu erteilen, von dem die! Geschichtsforschung nachgewiesen hat, daß er das Musterbild eines Erpressers und eines von den tierischsten-Instinkten besessenen Menschen gewesen ist? Sind die Beziehungen zu diesem Vertreter, menschlichen Auswurss.wichtiger als diejenigen zum Oberhaupt des Deutschen Reiches? Kann hier des Kaisers Berater Bälli n nicht eingreifen und einmal beweisen, daß er deutsches Empfinden versteht? Oder hat Ballin in Hamburg selbst weder Ansehen noch Einfluß? Kann der deütsche Kaiser noch in Hamburg seinen Fuß niedersetzen, wenn dieses Denkmal errichtet wird? Hie Deutscher Kaiser! Hie Judenmachts" ' Könnte man nicht, bemerkt dazu die „W.sa. M.", fast Mitleid haben mit einer geistigen Verwirrung, die ' so, einherschwankt zwischen strolchhaster Anmaßung und-byzantinischer Kriecherei vor allerhöchsten rückwärtigen Hemisphären?! * . , .. Welches Maß von Hochachtung die großen „Patrioten", die A n t i s e m i t e n,. vor den bedeutenden Männern ihres eigenen Vaterlandes haben, das ergibt sich wieder einmal aus den „Deutsch-sozialen Blättern",, dem Wochenorgan jener Partei. Es wird dort ein Bericht geliefert über die Rede, die ein Irgendwer in der antisemitischen Ortsgruppe zu Halle a. S. über das Thema: „Karl August v. Hardenberg und. die Judenemanzipation in Preußen im Jahre 1812" gehalten hat. Es heißt darin: „Der Redner zerriß an Hand des reichlichen Materials den Nimbus, mit welchem in der Schule und in den meisten Geschichtswerken die Persönlichkeit dieses Mannes geflissentlich umgeben wird, und stellte den Zuhörern Hardenberg als denjenigen hin, der er in Wirklichkeit war, als den größten Hochverräter an unserem.deutschen Volke. Mit jüdischem Gold'bestochen, ganz unter dem Einfluß seiner früheren Maitresse und späteren Frau, der getauften jüdischen Schauspielerin Charlotte Schönemann, stehend, war es Hardenberg, der durch das dem König Friedrich Wilhelm III. äbgerungene Judenedikt vom 11. März 1812 den Juden in Preußen Staatsbürgerrechte verschafft und so der eigentliche Urheber all des Elends ist, unter dem das deutsche Volk unter jüdischer Geldherrschaft seufzt." Es ist jetzt, wie die „Breslauer Zeitung", der wir «.diese Notiz entnehmen, schreibt, eine gute Gelegenheit, diesen „Hochverräter" Hardenberg in unserer historischen Ausstellung in einem ausgezeichneten Bildnis sehen zu können. Man wird dann wissen, wie dieser „Verbrecher" aussah. — Um aber ernst zu sprechen, ist es nicht ein 'Skandal, wie dieses antisemitische Gesindel die Preßfreiheit mißbraucht? * Wie wir der in Tunis erscheinenden „Tunisie sranyaise" entnehmen, ist zwischen den Mohammedanern und Juden in Tunis ein Konflikt entstanden, der größere Dimensionen annehmen kann, wenn die Zentralregierung in Paris nicht bald ein entscheidendes Wort spricht. In Tunis besteht eine technische Schule für Weber, die den Namen des verstorbenen Präsidenten Emile Loubet führt. Die Schule wurde sür Bewohner-von Tunis ohne Unterschied der Nationalität und der Konfession gegründet. Nun hat dieser Tage ein junger tunesischer Jude, der die geforderten Vorstudien absolviert hat, um Ausnahme in diese Anstalt nachgesucht. Vor einigen Tagen nun erhielt der Betreffende den Bescheid, daß seinem Aus- . nahmsgesuch nicht stattgegeben werden könne, weil das Gewerbe, welches er. in dieser Anstalt erlernen will, in Tunis nur von eingeborenen Muselmännern äusgeübt werden dürfe. Man sieht, daß es sich hier um einen wichtigen wirtschaftlichen und kulturellen Kamps handelt, den die Mohammedaner jetzt gegen die Juden von Tunis eröffnen. Wie heikel diese Frage übrigens ist, geht auch daraus Hervor, daß der Studiendirektor, an den der zurückgewiesene jüdische Hörer den Rekurs ergriffen hat, sich nicht traute, selbst eine Entscheidung zu fällen, sondern den Einschreiter wissen ließ, daß er die Frage für eine so wichtige prinzipielle halte, daß er sie dem Mirnsterrate zur Entscheidung unterbreitet habe.