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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-08-22 · Heft 34 (22.8.1913) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 34 (22.8.1913)
Date
1913-08-22
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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e/s Berlin, 19. August. Die Pensions-Witwen- und Waisenkasse des Verbandes der jüdischen Lehrervereine versendet ihren Zwölften Jahresbericht. Das Jahr stand unter dem Zeichen der Einführung' der Reichsversicherungsordnung für Privatangestellte. Da dieses Gesetz naturgemäß eine Umgestaltung der Kasse nach sich ziehen mußte, fanden Neuaufnahmen nicht statt. Das Vermögen der Kasse beträgt 232 900 Mark; an Pensionen wurden ausgezahlt an zwei Witwen je 300 Mark, an vier Mitglieder je 600 Mark. tya Berlin, 19. August. , Vom 2. bis 9. September findet in Wien der 11. Z i v n i st e n k o n g r e ß statt. Die Eröffnungsrede hält der Berliner Botaniker, Universitätsprofessor Dr. Otto W a r - b u r g. Ueber die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern referiert Nahum So ko low, der Herausgeber der seit über dreißig Jahren in Warschau erscheinenden hebräischen Tageszeitung „Hazesirah". Dr. L c v i n (Haifa) spricht über „Das neue Judentum in Palästina". Den Tätigkeitsbericht der zionistischen Zentralleitung erstattet Rechtsanwalt Dr. Arthur H a n d t k e (Berlin), während der Bericht über die zionistischen Bankinstitute von Dr. K a tz e n e l s o n (Libau) und über den „Jüdischen Nationalfonds" von Justizrat Dr. Bo den he im er (Köln) erstattet wird. Von den weiteren Referaten verdienen noch das von Dr. Nuppin (Jaffa) über „Die zionistische Arbeit in Palästina" und das von Professor Dr. Weizmann (Manchester) über die Gründung einer jüdischen Universität in Jerusalem allgemeineres Interesse. Berlin, 19. August. Der „D eu t sch e Kr eis der Jüdischen Tu r n ersch af t" wird sich an dem Jubiläumsschauturnen gelegentlich des XI. Zionistenkvngresses in Wien mit einer Mannschaft von 120 Mitgliedern beteiligen. Die verhältnismäßig starke Beteiligung der Turnerinnen ist ein erfreuliches Zeichen dafür, mit welchem Eifer in den jüdischen Turnvereinen auch au der körperlichen Hebung des weiblichen Geschlechtes gearbeitet wird. So entsendet unter anderem der „Jüdische Frauenbund für Turnen und Sport" eine aus zwölf Damen bestehende Fechterriege und acht weitere Turnerinnen, weitere Dainenriegen entsenden der Berliner und Hamburger „Bar- K v ch b a" sowie Breslau lind München, die natürlich' auch mit zahlreichen männlichen Mitgliedern vertreten sind. Posen schickt eine Riege, welche die ebenso neuartige wie wirkungsvolle Hebung des „Gewehrsprungs" vorführen wird. Weitere Anmeldungen liegen bisher aus folgenden deutschen Städten vor:. Halberstadt, Heidelbergs und Stettin. Bei dem Turnfest des ersten Tages wird der Deutsche Kreis durch eine Reihe von Musterriegen vertreten sein. Der zweite Tag, der einem sportlichen Meeting Vorbehalten 'ist, bringt als Hauptpunkt des Programms eine Kreisstaffette, bei der auch Deutschland mit. einer tüchtigen Mannschaft starten wird. Die Rudervereine werden voraussichtlich einen großen Teil des Weges, der sie zum Turnfest führt, in ihren Booten zurücklegen. In allen Vereinen wird rege für das bevorstehende Ereignis geübt, so daß anzunehmen ist, daß die jüdischen Turnvereine Deutschlands neben ihren Turnbrüdern aus den anderen Ländern erfolgreich bestehen werden. 22 Berlin, 19. August. Herr Dr. Leopold Hir-schberg, der in den weitesten Kreisen Deutschlands bekannte niusikalische Vortragskünstler, ist gleichzeitig einer der findigsten und glücklichsten Sammler auf dein Gebiete der neueren deutschen Literatur. Es war ihm das erstaunliche Kunststück gelungen, mit unverhältnismäßig geringen Mitteln eine geradezu beispiellose, kostbare Büchersammlüng zustandezubringen. Sie beschränkt sich aus deutsche Literatur dos achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts, und sie dürfte hinsichtlich der Vollständigkeit von Erstdrucken der klassischen und romantischen Zeit kaum ihresgleichen unter den deutschen Privatbibliotheken finden. Die Bibliothek des Dr. Leopold Hirschberg erregte den Neid aller deutschen Sammler. Nunmehr ist dieser kostbare literarische Schatz in den Besitz der königlichen Universitätsbibliothek Berlin übergegangen. Allerdings hat der vom Glück so überaus begünstigte Sammler sich die Gesamtausgaben Vorbehalten. Er soll ferner die Bedingung gestellt haben, daß die von ihm gesammelten Lücherschütze in einem gesonderten Zimmer der Universitätsbibliothek ausgestellt und als „Bibliothek Leopold Hirschberg" für alle Zeit kenntlich gemacht werden. Was vor vielen Jahrzehnten beim Ankauf der berühmten Meuselbachschen Sammlung durch Friedrich Wilhelm IV. dem damaligen großen Büchersammler und -kenner seitens der Bibliothekverwaltung nicht zugestanden wurde, das hat sein glücklicherer Nachstreber für sich durchzusetzen verstanden. So hat Dr. Leopold Hirschberg beizeiten für seinen Nachruhm als Bibliophile wohlweislich zu sorgen gewußt. V. Z. Berlin, 19. August. Für den Dozenten der Nationalökonomie Dr. Kwtz e.Njst e i n, der auf einer Erholungsreise im Riesengebirge plötzlich gestorben ist, fand heute mittag 12 Ühr in der neuen Halle des jüdischen Friedhofes zu Weißensee unter großer Beteiligung der Anverwandten- und Bekannten des, Verstorbenen eine Trauerfeier statt. Als Vertreter der Freien Hochschule war der erste Vorsitzende, Dr. Max A p e l, erschienen. ' Die Gedächtnisrede hielt Rabbiner Dr. Weiße. — Eine zweite Tranerfeier fand am Nachmittag für den bei der Swinemünder Bootskatastrophe ertrunkenen, erst am Sonnabend gefundenen Fabrikanten Goldcmann, dessen ertrunkener Sohn bereits am Mittwoch vergangener Woche zur letzten Ruhe bestattet worden ist, unter überaus starker Beteiligung der Kaufmannswelt ebenfalls in der neuen Halle des jüdischen Friedhofes zu Weißensee statt. Auch hier hielt Rabbiner Dr. Weiße die ergreifende Gedächtnisrede. W. Posen, 15. August. Nach' mehrstündiger Verhandlung fällte kürzlich das Kaufmannsgericht unter Vorsitz des Stadtrats Löhning in einer Sache, die schon manche Wandlung erfahren hat, eine interessante Entscheidung. .Dem 'Rechtsstreit liegt folgender Tatbestand zugrunde: Ein zwanzigjähriger junger Mann namens W. bewarb sich bei dem Inhaber der Firma K. um die Stelle eines Korrespondenten und Privatsekretärs. Das Engagement kam Zustande, aber der junge Mann, ein Mitglied des deutsch-nationalen Handlungsgehilfenverbandes, wurde vor die Alternative gestellt, diese Mitgliedschaft zu lösen oder auf das Vertragsverhältnis zu verzichten, da der Chef aus Prinzip keine Zugehörigkeit seiner Angestellten zu diesem Verbände dulde. W. erbat sich Bedenkzeit und kam während der Engagementsdauer, die vom 9. Mai 1910 bis 27. März 1911 währte, zu keinem bestimmten Entschluß, bis ernstliche Erkrankung den jungen Mann nötigte, ein Sanatorium aufzusuchen. Im August desselben Jahres übermittelte ihm sein Chef folgendes Zeugnis: Herr W. war (abgesehen vom häufigen Zuspätkommen) vom 9. Mai 1910 bis März 1911 (dann wurde er krank) in meinem Geschäft in der Hauptsache als Privatsekretär beschäftigt. Seine Führung war bei seiner Bildung eine gute. Auch seine Leistung ist in Anbetracht seiner Jugend gut zu nennen. Herr W. stenographierte bei seinem Eintritt zirka 160 Silben, übte sich so, daß er weit über 200 Silben kann; er schreibt die Maschine „Ideal" ziemlich flott, wenn ihn auch längeres Arbeiten dabei ermüdete. Herr W. ist sehr befähigt und außerordentlich belesen und versuchte sich auch in schwierigste Probleme zu vertiefen. Dabei treten, wie es sich von selbst bei seiner Jugend versteht, nicht bloß die Vorzüge, sondern auch manche Nachteile in die Erscheinung. So hat ihm nach meiner Ansicht die Mitgliedschaft beim deutsch-nationalen Handlungsgehilfenverband in Hamburg, trotzdem er sich, wie er versicherte, von vielem 'frei weiß, ideell sehr geschadet. Wenn Herr W. gesund, pünktlich, zuverlässig, treu, nicht mitgerissen von manchen Strömungen, das Ziel also erreicht haben wird, welches er erstrebt, wird er eine unschätzbare Kraft sein. — Gegen dieses Zeugnis reichte W. die Anfechtungsklage beim Kaufmannsgericht mit der Maßgabe ein, er wünsche lediglich ein konkretes Urteil über Tatsachen, und zwar über die kaufmännischen Dienste, die er geleistet. Der beklagte Chef verteidigte in längeren Ausführungen seine minutiöse Auffassung von. dem Pflicht- und Verantwortlichkeitsgefühl seiner Angestellten und hält den Gerichtshof nicht für zuständig, da es sich um einen Privatsekretär handele, der nur minimale kaufmännische Dienste geleistet habe. „Uns trennen Welten!" ruft er dem Vorsitzenden zu, als dieser ihm nicht beizupslichten vermochte^ daß die Zugehörigkeit des Klägers zum deutsch-nationalen Handlungsgehilfenverbande nicht einen Bruch der Vertragsbedingungen bedeute, zumal Beklagter unter Kenntnis dieses Umstandes ihn acht Monate in seinen Diensten geduldet habe. Das Gericht erklärte nach' längerer Beratung den Klageanspruch für begründet, setzt den Text des auszufertigenden Zeugnisses fest und verurteilt den Beklagten zur Anerkennung desselben. Der Antrag des Beklagten, den Wert des Streitgegenstandes auf 300 M. statt 200 M. sestzusetzen, wird abgelehnt, so daß ihm hierdurch die Berufungsinstanz verschlossen ist. Dahingegen , steht ihm der Be- . schwerdeweg wegen Erhöhung des Objekts offen. W. Aus der Provinz Posen, im August. Posen. Geheimer; Sanitätsrat Dr. Joseph Paulh, einer unserer geachtelten Mitbürger, vollendete am 10. d. M. sein siebzigstes Lebensjahr. Beinahe ein halbes Jahrhundert wirkte er in unserer Stadt, nicht bloß in sehr umfangreicher, von größter Humanität getragener Berufsarbeit, sondern zugleich in unermüdlicher, auf das Gemeinwohl bedachter Tätigkeit. Zahlreiche sozialmedizinische Anregungen gingen von ihm aus. Lange Jahre war er Chefarzt des Stadtkrankenhauses; erst vor

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