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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-08-22 · Heft 34 (22.8.1913) · p. Seite 407

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 34 (22.8.1913)
Date
1913-08-22
Page
Seite 407 (sequence 11)
Language
German
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und Söhne, als deren alleiniger Inhaber jetzt nm> noch Herr Moser Bloch im Handelsregister eingetragen, war. „Es muß etwas geschehen, Herr Blpch," - so rief er schon beim Eintreten dem gänzlich unvorbereiteten alten Herrn ins Gesicht: „videant Consules, ne quid, ne quid". Die Schlußworte wollten ihm in seiner Erregung nicht gleich einsallen; sie waren aber auch gar nicht nötig, da Herr Moser Bloch, wie weiland Schäfer Bendix, auch kein, einziges Wörtchen Latein verstand. Obschon Bloch aus langjähriger Bekanntschaft das aufgeregte Temperament feines Vorstandskollegen genugsam kannte, so merkte er doch, daß in diesem Falle etwas ganz Besonderes vorgefallen sein müsse; denn so atemlos war Heymann noch nie hereingestürmt, so echauffiert hatte er sich noch nie auf den Stuhl fallen lassen, als heut; selbst den Morgengruß hatte er vergessen. „Was ist Ihnen, Herr Heymann? Um des Himmels willen, erzählen Sie. Was ist Ihnen Passiert? Doch keine Krankheit in der Familie? Keine Pleite in der Stadt?" „Das nun gerade nicht, unberufen; aber neben, ja über dem Wohl des einzelnen steht das Heil der Gesamtheit, und dieser, unserer jüdischen Gesamtheit droht Unheil, Gefahr, Verderben, Untergang! Wie sagt doch Kassandra: „Eine Fackel seh ich glühen, aber nicht in Hymens Hand, nach den Wolken seh ichs ziehen, das ist Scheiterhaufen Brand." Darum nochmals und abermals: „Videant Consules, ne quid, ne quid alimenti." „Hören Sie aus Herr Heymann, hören Sie auf mit den lateinischen Gedichten, die ich ja doch nicht verstehe, und sagen Sie mir poschet (schlicht) auf deutsch, was los ist?" „Was los ist? Der Wolf ist los; er bricht in die Hürde; der Hannibal steht nicht mehr ante porta, sondern bereits intra mures; ganz Israel ist bedroht; Philister über dir; der neue Kreisrichter ist ein „Stockerzantisemit vom allerreinsten Wasser." „Und das ist alles?" „Ich denke, das ist mehr als genug, das ist ein non plus ultra, ein non plus ultrastes tit der höchsten Potenz." „Nun, gelobt sei der Allmächtige, daß es nichts weiter ist." „Nichts weiter? Wo bleibt da Ihr Interesse für die Gemeinde?" „Dort, wo ich helfen kann, aber hier brauchts meiner Hilfe nicht; der Gott Israel verläßt nicht sein Volk; Wär's aber sein heiliger Wille, so würde meine Hilfe auch nichts nützen." „Wer sagt Ihnen das, Herr Moser Bloch? Können Sie als einzelner auch nichts Helsen, so kann es doch der Gesamtvorstand, dessen Leiter Sie sind. Was steht auf den belgischen Fünffrankenstücken? „IAmite fait lu, force" oder, wie die Römer sagten: „viris unitis". „Wie könnte der Vorstand helfen? Gegen den Kreisrichter ist er ohnmächtig." (Fortsetzung folgt.) Mersrischk Mittrilungkn — g?.: M. Dostojewski: Literarische Schriften. Mit einer Einleitung von N. N. Strachofs. Uebertragen von E. K. Rahfin. München und Leipzig: R. Pieper & Co., Verlag. Geh. 3 Mark, gebunden 4 Mark. Als Schlußband einer neuen großen Ausgabe des bedeutenden Schriftstellers Dostojewski ist ein ungemein interessanter Band erschienen, der die Biographie des Dichters, seine Puschkinrede und sehr aufschlußreiche Aphorismen für die Erkenntnis des eigenartigen und bedeutenden Mannes enthält. Wenn ich an dieser Stelle das Werk erwähne, so geschieht es wegen zweier Stellen, die sich in dem Abschnitte „Notierte Gedanken" finden. Diese Stellen sind überschrieben: Die Juden und der Jude. Ich lasse sie hier folgen: „Und wenn auch alle Juden in corpore, wenn das ganze Kahal wie eine Verschwörung über Rußland steht und den russischen Bauern aussaugt — oh, wir haben nichts dawider, wir sagm kein Wort, kein Wort! Sonst könnten wir ja gar am Ende den Vorwurf der „Unliberalität" einheimsen: man würde schließlich von uns denken, wir hielten unsere Religion für besser als die jüdische und bedrängten die Juden aus „religiöser Unduldsamkeit" — uni Himmels willen, was dann! Man denke nur und frage sich was dann!" „Alle die Bismarck, Beaeonssield, die französische Republik und Gambetta usw. — alle die sind, als Macht, für mich eine Vorspiegelung. Und je länger, desto mehr. Ihr Herr, wie der Herr aller, der Herr ganz Europas ist doch nur der Jude und seine Bank. Wir werden es ja erleben, daß er plötzlich sein Veto einlegt und Bismarck wie ein Stäubchen von seinem Platze gefegt wird.' Der Jude und die Bank beherrschen jetzt alles: sowohl Europa wie die Aufklärung, die ganze Zivilisation und den Sozialismus — besonders den Sozialismus, denn durch ihn wird er das Christentum mit der Wurzel ausrvtten und die christliche Kultur zerstören. Und wenn dann nichts als Anarchie.-übrigbleibt, da wird dann der Jude an der Spitze des Ganzen stehen. Denn indem er den Sozialismus predigt, bleibt er als Jude mit seinen Stammgenossen doch außerhalb, und wenn der ganze Reichtum Europas vertan ist, bleibt die. Bank des Juden — dann mag der Antichrist kommen und die Anarchie herrschen." Man hat beim Lesen der zweiten Stelle — denn die erste ist gewiß höhnisch gemeint — eine etwas unklare Empfindung. Meint der Verfasser es ernst, oder ist das Ganze herber Spott? Und ist es wirklich ernst, so kontrastiert diese Prophezeiung, die sich zwar nicht allein aus Rußland , aber doch auch auf Rußland bezieht, in seltsamster Weise mit den Zuständen, wie sie sich augenblicklich in dem großen östlichen Reiche und mit einer gewissen Aehnlichkeit auch in Deutschland entwickelt haben. L. G. & Jüdische Geschichte. Von S. Müller. Große Ausgabe. I. V. Metzler, Stuttgart 1913. Unter den deutschen Fachschriftstellern des jüdischen Religionsunterrichts steht der Hauptlehrer S. Müller aus Heidelberg in der vordersten Reihe. Seine Stellung ist festnmrissen. Sein Spezialgebiet ist die Geschichte, und seine Schulbücher, welche die biblische und die spätere Geschichte der jüdischen Gemeinschaft behandeln, erfreuen sich eines hohen Ansehens. Von seinem im Jahre 1911 erschienen Buche „Jüdische Geschichte in Charakterbildern" läßt der fleißige Verfasser bereits jetzt, nach zwei Jahren, eine Zweite Auflage folgen. Dieselbe bietet in der Stofsbehandlung die gleichen schon seinerzeit hervörgehobenen Vorzüge, hat aber ihren Umfang von 333 auf 401, also um 78 Seiten erweitert, einmal durch' ein Personen- und Sachregister, vor allem aber, indem sie die jüdische Geschichte nicht wie dort mit der Zeit.nach der Zerstörung des zweiten, sondern schon des ersten Tempels beginnen läßt. Diese Zugabe war notwendig, weil die Juden in ihrer charakteristischen Eigenart als rabbinische Juden bereits mit der Zeit der babylonischen Verbannung zu leben beginnen. Diese Neuerung ist ebenso zu begrüßen, wie die Gliederung des Stoffes in die Abteilungen: Altertum, Mittelalter, Neuzeit, eine Gliederung, welche die Uebersicht erheblich erleichtert. Gewünscht hätten wir allerdings in einer kurzen Einleitung eine Uebersicht über die bisherige Vergangenheit des israelitischen Volkes. Das Buch soll doch nicht bloß als Zweiter Teil einer biblischen Geschichte gedacht, sondern auch als selbständige Darstellung zu benutzen sein. Dann aber dürfen die vorausgeherwen Ereignisse doch wohl nicht als so gegenwärtig vorausgesetzt werden, daß mau beginnen kann: „„Juda war verwüstet" usw. Auch die Stoffauswahl gibt noch hier und da zu Bedenken Anlaß. Es geht z. B. nicht gut an, in einer Darstellung der jüdischen Geschichte den Philosophen Philo (Seite 59) oder einen Ludwig Philippson (Seite 312) mit je einer Anmerkung zu erledigen, namentlich' wenn man der Beruria (Seite 85 ff.) oder Moritz Lazarus (Seite 321 ff.) fast fünf Seiten widmet,, womit natürlich die Bedeutung der beiden letzteren nicht eingeschränkt werden soll. Doch diese einzelnen Ausstellungen beeinträchtigen nicht den hohen Gesamtwert des Buches, welches in klarer, warmer, gewählter Sprache die großen Persönlichkeiten oder Ereignisse voll und lebendig zeichnet, reiche Bilder liefert, ohne weitschweifig zu werden, anschaulich schildert, ohne trivial zu werden, und namentlich die Neuzeit bis zu den allerletzten Erscheinungen hinab berücksichtigt. — Möge dieses Buch in dieser vollständigeren und vollkommeneren Gestalt recht oft Gelegenheit finden, sei es als Lesebuch der Erwachsenen oder als Lehrbuch der reiferen Jugend, zu belehren und 31t erwärmen, bei Juden und Andersgläubigen eine höhere Würdig,lng unserer jüdischen Kulturgemeinschaft herbeiznsühren. Dr. G r z y m i s ch. *

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