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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-08-22 · Heft 34 (22.8.1913) · p. Seite 406

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 34 (22.8.1913)
Date
1913-08-22
Page
Seite 406 (sequence 10)
Language
German
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B B 406 ‘fV? | if;, Der Antttrmit. Roman von Ern st Theodor Justi. VIII. üen Herr Oberstabsarzt, Sie scheinen -doch das -vV Rezept des unverwüstlichen Gedächtnisses zu besitzen. Ich muß auch einräumen, daß ich mich bezüglich der allgemeinen Abneigung der Christen gegen die Jüdinnen in der Tat getäuscht habe. Aber das Umgekehrte ist sicher nicht der Fall. Ich wenigstens kann und will es mir nicht denken, daß ein reines deutsches Mädchen einen Juden küssen, daß ein echtes deutsches Weib einem Israeliten sürs Leben angehören möchte." „Und doch muß ich auch in dieser Richtung Ihnen widersprechen, Herr Kreisrichter! Auch hier sind mir Dutzende von Fällen bekannt." „Das werden wohl arme Mädchen gewesen sein, die eine Versorgung brauchten." „Vielleicht! Aber warum sollte denn nicht auch hier schließlich die Liebe ihre Zauberkraft ausüben?" „Halten Sie das für möglich im besseren deutschen Bürgerstande?" „Warum nicht? Kommt es doch auch im Adel vor!" „Im Adel?" ' „Gewiß! Die Tochter des Ministers v. Westphalen heiratete ja den Sozialisten Karl Marx; die Gräfin Hatzfeld und Fräulein v. Dünniges waren beide Aristokratinnen christlicher Abstammung und liebten dennoch beide Ferdinand Lassalle." „Marx war getauft," warf der Kreisrichter ein. „Ja, ändert das die Physische Beschaffenheit?" „Das allerdings nicht!" „Und Ferdinand Lassalle ist als Jude gestorben und ruht in Breslau auf dem jüdischen Friedhose." „Marx und Lassalle; Ihre Beispiele sind sehr jungen Datums. Vor hundert Jahren wären solche Liebe und Ehe mit einem Juden ganz undenkbar gewesen!" „Die Ehe allerdings, doch die Liebe nicht! Ich erinnere nur an den württembergischen Hosbankier Süß Oppenheimer." „Den Juden Süß, den unser Hauff zum Gegenstand der Dichtung gemacht hat?" „Eben den. Die.-Geschichte bezeugt, daß seine galanten Abenteuer bei seiner bestechenden Persönlichkeit an keinem Standesvorurteil scheiterten. Wünschen Sie auch Beispiele ans unserer Gelehrten-, Künstler- und Beamtenwelt?" „Sollte es deren in der Tat geben?" „Zahlreiche! Ich nenne zunächst nur unseren liedersüßen Felix Mendelssvhn-Bartholdy." „Und wen führte er als Gattin heim?" „Cäcilie Jeanreneaud, die Tochter eines reformierten Pfarrers." „Pardon, mein werter Herr Doktor. Nur eine Zwischenfrage: Haben Sie selbst eine Jüdin zur Gattin gewählt?" „Nein, mein werter Herr Amtsrichter," sagte der Oberstabsarzt lachend. „Ich. bin total unverheiratet und beabsichtige auch nicht, auf meine alten Tage meinen Junggesellenstand noch zu verrücken. Ich bin auch sonst mit Juden weder verwandt noch verschwägert, wie es bei der Zeugenvernehmung ad g-eneralia heißt. Uebrigens ist es von mir als Arzt gar nicht zu verantworten, daß ich einem' Rekonvaleszenten Opposition mache und noch dazu mit so guten Gründen. Wahrhaftig," fuhr er fort, indem er auf die Uhr blickte, „wahrhaftig; da debattieren wir schon über zwanzig Minuten, und. meine Dienstpflicht beginnt sofort." : „Aber Sie sehest doch morgen nach mir?" „Ja, wenn Sie's so wünschen. Kollege Loewisohn hat mich um Vertretung für beide Tage ersucht. Ich komme morgen schon um 7 Uhr, da der Dienst um 8 Uhr beginnt. Uebrigens für heute noch keine Besuche, keine Akten und keine Korrespondenz! . Und nun leben Sie wohl!" „Adieu!" Siebentes Kapitel. Die Vorstandssitzung. Schon in den frühen Morgenstunden des Mittwochs bildete der Vorgang des voraufgegangenen Abends den Gegenstand lebhaftester Gespräche in ganz Mondenstein. Frau Fama hatte sich der antisemitischen Rede des neuen Kreisrichters sofort bemächtigt und sie mit stattlichen Zutaten ausgeschmückt. Hatte doch der Apotheker.Menzel, — Karlchen, wie er noch von den Kindheitstagen her allgemein hieß, — gleich bei seiner Heimkehr aus dem Dienstagsverein seiner Frau mitgeteilt, daß der neue Kreisrichter ein „Antisemit vom reinsten Wasser" sei. Dies Gespräch hatte Emil Kuntze, der Lehrling, zufällig mit angehört, und jedem Kunden, der die Apotheke betrat, wurde die interessante Nachricht vom „reinsten Wasser" als wertvolle Zugabe zu den begehrten Heilmitteln mitgegeben. So erfuhr es auch Herr Isidor Heymann, als er sich eine Tüte Malzbonbons gegen seinen Husten in der Apotheke selbst einkaufte. Herr Isidor Heymann war nicht nur der erste Papier-, Buch-, Kunst- und Musikalienhändler in Mondenstein, sondern auch der zweite Vorsitzende der Synagogengemeinde. Das letzte Ziel seines Strebens, die Würde des ersten Vorstehers, hatte er immer noch nicht erreicht, auch zu erreichen keine Aussicht, solange der alte und hochangesehene Herr Moser- Bloch lebte.7 Dafür war Herr Heymann aber auch Präsident der jüdischen Brüdergesellschaft, Schriftführer der Waisenstistung, Kassierer des Vereins gegen jüdischen Hausbettel und Ehrenmitglied der Gesellschaft junger israelitischer Handlungsgehilfen. Ob seiner unversiegbaren Beredsamkeit nannte man ihn scherzweise Heymann Cicero oder auch wohl Isidor Demosthenes; er wußte das auch und nahm es keineswegs übel. Er hatte in seiner Jugend das Gymnasium der Kreisstadt bis zur Untertertia besucht und eine Anzahl lateinischer und deutscher geflügelter Worte in die kaufmännische Lehrzeit hinübergerettet. Schade nur, daß ihm dabei mit zunehmenden Jahren nicht ganz selten das Gedächtnis einen üblen Streich spielte, und die lateinische Grammatik und die klassischen Namen sich eine mitunter gewaltsame Behandlung gefallen lassen mußten. Doch störte dies die große Seele und die noch größere Redelust Isidor Heymanns wenig, zumal in der ganzen Gemeinde niemand außer etwa dem Doktor Loewisohn, dem Herrn Rabbiner Dr. Brann oder dem jungen Jtsche ihn zu korrigieren befähigt oder gar gewillt gewesen wäre; denn Isidor Heymann war doch auch ein nicht zu verachtender Gegner, der bei aller Herzensgüte eine Anzweiflung seiner viertelakademischen Bildung nicht leicht hingenommen, vielmehr durch stundenlange Reden und mancherlei Spitzen zu ahnden gewußt hätte. Als Isidor Heymann nun beim Einkauf seiner Malzbonbons die große Neuigkeit mit beigepackt erhalten hatte, daß. der neue Kreisrichter als ein „Erzantisemit vom reinsten Wasser" sich entpuppt habe, so donnerte er dem jungen Pharmazeuten nur sein Lieblingszitat „tzuousgue Tante Catilina" in das etwas verdutzte Angesicht, und fort stürmte er in das der Apotheke gerade gegenüber gelegene Manufakturwarengeschäft der altrenommierten Firma Ephraim Bloch sel. Witwe

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