Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1913)
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 405 (sequence 9)
- Language
- German
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405 enggesteckten Grenzen seines Denkungshorizonts kann er nicht anders, als die Menschheit in feindliche Lager spalten und das Wort der Bibel „Gehörst du zu uns oder zu unseren Feinden", zur Rechtsmaxime erheben. Ist das aberwirklich der Weisheit letzter Schluß?' Ist der Nationalismus in der Tat das Erlösende, Endgültige, der feste Pol in der Flucht der Erscheinungen? Mit Nichten?) Es gab Zeiten, wo er, der heute zum Fetisch geworden, mit der Rolle des Aschenbrödels sich begnügen mußte und ganz andere, freilich nicht minder einseitige Tendenzen vorherrschten. So hatte /man, um nur ein Beispiel anzuführen, im 18. Jahrhundert dem Phantom des Allgemein-Menschlichen, Humanen, Kosmopolitischen nachgejagt, während alle anderen sozialen, religiösen und besonders nationalen Bestrebungen als lächerliche und schädliche Schwärmereien hingestellt würden. Es wäre sehr traurig um den majestätvollen Begriff „Mensch" bestellt, sollte er sich in das Prokrustesbett derartig einseitiger, einander in der Praxis aufhebender Doktrinen zwängen lassen wollen. Aus ihrem ersten Blatt läßt die Bibel, dieses auch heute noch beste Lehrbuch der Menschheit, Gott sagen: Wir wollen einen Menschen schassen in unserem Ebenbilde. Wohlgemerkt, einen Menschen und keinen Nationalisten, womit nach der jetzt herrschenden Mode der Mensch allerdings erst beginnt. Damit erscheint das Wesen der menschlichen Individualität für alle Zeiten sestgelegt. Im Gegensatz zum Tier, das immer in sich und mit sich allein bleibt, muß der Mensch, wollend oder nicht, aus sich selbst herauswachsen und zur Umgebung, d. i. Familie, Stadt, Land, Religion in Beziehungen treten, die sich wie konzentrische Kreise in immer größerem Umfang um ihn legen. Die Verpflichtungen, die sich ihm daraus ergeben, sind, anstatt sich gegenseitig auszuschließen, vielmehr darauf angelegt,, einander zu ergänzen und gerade, in ihrer Ergänzung jetten Komplex zu schassen, der das. hervorstechendste sittliche Merkmal des Gattungsbegriffes „Mensch" ist. Zu sagen, daß er einen dieser Kreise verlassen müsse, um in dem anderen ersprießlich zu wirken und sich diesem allein hinzugeben, ist ein Attentat auf die Einheitlichkeit, welche die schönste Zierde der menschlichen Individualität isU). Das ist auch der Standpunkt des Judentums, nicht bloß heute, er war es auch zur Zeit seines nationalen Bestandes gewesen. Das nationale Bewußtsein, das nach der Ansicht gerade der modernen Rassentheoretiker bei den Juden der Vorzeit sehr stark ausgeprägt war, hat diese dennoch nicht gehindert, dem Menschen als solchen die gebührende Würdigung zuteil worden zu lassen in der richtigen Erkenntnis, daß die Verpflichtung gegen Nation und Vaterland eine Gefühlsunterlage besitzt, die weder tiefer noch breiter ist als alle anderen menschlichen Beziehungen. Wenn das Absonderung bedeutet, dann könnte mit demselben Recht auch dem. Bürger, der für seine Ortsgemeinde tätig ist, oder dem um das Wohl seiner Familie sich bemühenden Vater der Vorwurf separatistischer Velleitäten gemacht werden, während doch gerade umgekehrt durch den sittlichen Bestand der Familie das Wohl des Staates am besten gefördert wird. Von Separatismus könnte erst dann gesprochen werden, wenn sich Herausstellen würde,'daß mit der rein ideellen Solidarität der Juden und ihren Wirkungen eine Vernachlässigung und Schädigung anderer berechtigter und dringender Interessen Hand in Hand geht. Allein, gerade das Gegenteil ist der Fall. So ist z. B. die uneingeschränkte Wohltätigkeit der Juden bis auf den heutigen Tag sprichwörtlich, und ebenso ist es notorisch, daß sie an allen..nationalen und sozialen Angelegenheiten teilnehmen, literarische und künstlerische Interessen fördern und das alles mit einem Eifer, der manche ») Vgl. zu den nachfolgenden ' Ausführungen: Philippson, Gesammelte Schriften I, S. 98, 141, 167. 7) Vgl. Philippson, a. a. O. r* ich denke auch hier in erster Reihe an unsere Freunde mit ihrew-wohlmeinenden Ratschlägen — nachdenklich stimmt und/auf den. Gedanken, bringt, daß ein weniger vielleicht mehr bedeuten würde. Wenn sich nun die Juden freuen, daß ihre diesbezüglichen Leistungen das eine oder andere Mal anerkannt, oder daß einmal dieser, oder jener aus ihrer Mitte etwas in Wissenschaft, Kunst und Literatur leistet, was über das Mittelmaß hinausgeht,' will man darin Separatismus sehen. Freut sich der deutsche Schuhmacher nicht seines Hans Sachs, der Tiroler Bauer nicht des Andreas Hosei?). Woher kommt aber dies alles? Woher stammt der sprichwörtliche Eifer der Juden in der Betätigung des Gemeinsinns? Man sagt, es sei das gute jüdische Herz. Warum ist es aber so gut, dieses jüdische Herz? Man sagt, es sei durch die langdauernde Bedrückung weich geworden. Aber die Erfahrung lehrt das Gegenteil. Meist will auch der Gedrückte wieder drücken, wenn sich ihm Gelegenheit dazu bietet. Es ist an sich weder gut noch böse, es ist ein soziales oder, wenn man will, ein solidarisches Herz. In der Schule der Solidarität, die, wie wir vorhin zeigten, ein Attribut seiner Religion ist, hat der Jude durch viel tausendjährige Hebung nicht nur sozial -denken, sondern auch empfinden gelernt, und dies desto wärmer und inniger, je mehr man ihn künstlich von seiner natürlichen Umgebung sernzuhalten suchte; eine Erscheinung, die vielleicht am besten mit Nietzsche als „das Pathos der Distanz" bezeichnet werden kann. Je mehr sich die Zeiten und die Verhältnisse vom Ideal allgemeiner Menschenliebe und sozialer Gerechtigkeit entfernten, umso eifriger war der Jude bestrebt, die sozialen und sittlichen Forderungen des Tages im eigenen, kleinen Kreis zu verwirklichen und damit der Welt, die von ihm nichts wissen wollte, zu zeigen, wie man durch die Förderung des Guten, sei es auch im kleinsten Kreis, am besten für das Große und Allgemeine wirkt. 4 Infolge der ihm innewohnenden ethischen Solidarität hat das Judentum, dem es nicht beschieden war, für Nation und Vaterland direkt zu wirken, in umso erheblicherem Maß indirekt dafür gewirkt. Durch das zähe Festhalten an seiner Religion zeigte und zeigt der Jude auch heute, noch, wie die religiöse Ueberzeugung zur sittlichen Weltanschauung wird; durch die Pflege des Familienlebens, die Förderung seiner religiösen Institutionen, die ja allesamt sozialer Natur sind, trägt er zur Hebung und Förderung der Kultur — auch der nationalen — weit mehr bei, als manch einer durch direkte politische Betätigung"). Das ist auch das einzige, was unsere Feinde bei uns gelten lassen wollen, indem sie — freilich in nichts.weniger als schmeichelhaftem Sinne — von einer Verjudung der Kultur sprechen, ohne zu bedenken, daß sie. dadurch, wollend oder nicht, das Existenzminimum, das sie uns allenfalls einzuräumen geneigt sind, zu einem Maximum emporschrauben. Dem aber sei wie nun wolle, wahr bleibt, was Steinthal gewissermaßen als Schluß- Punkt seiner jüdischen Weltanschauung hinstell?"): „Das Judentum ist Humanität, und weil Menschlichkeit mit jeder Nationalität sich verträgt, wenn sie voll der Nation ernstlich gewollt wird,'so verträgt sich natürlich auch das Judentum mit jeder humanen Nationalität. Es ist hiernach kein Widerspruch zwischen Jude sein und Deutscher sein und Mensch sein, sondern diese drei schlingen sich so ineinander, daß wir das eine nur sein können, indem wir die beiden anderen sind, und es umsomehr sein werden, je mehr wir dieses sind. Der jüdische Deutsche kann zu den besten Deutschen zählen und der deutsche Jud-e zu den besten Juden — man nenne ihn so oder so, er wird.zu den besten Menschen zählen." Das ist die Solidarität der Juden, dafür bürgt in .Israel einer für den anderen. - ö) Vgl. Steinthal, „Juden und Judentum", S. 75.' h Vgl. Philippson a. a. O. 10) „Juden und Judentum", S. 15.