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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-08-22 · Heft 34 (22.8.1913) · p. Seite 404

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 34 (22.8.1913)
Date
1913-08-22
Page
Seite 404 (sequence 8)
Language
German
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Politische Parole noch auch,, wie manche Forscher, meinen, ein unter. .Feindesdruck entstandenes.Schlagwort der Abwehr, sondern: vielmehr. die Auflösung der religiösen Substanz in ihre sozial-ethischen. Attribute.. Will man nämlich, den eigentlichen Zweck.jener, sinaitischen Vereinigung kennen lernen, so braucht man nur,. wie bei jedem anderen Verein, das Statut zur Hand zu nehmen. Dieses Statut hat bloß einen.Paragraphen: „Du sollst lieben deinen. Nächsten, wie dich selbst." In diesem Gebot,, dessen Priorität trotz allen gegenteiligen Behauptungen wir.Juden, nicht laut, und energisch genug für. uns in Anspruch nehmen können , und von welchem erst in jüngster Zeit ein. hervorragender christlicher Gelehrter, der derzeitige Rektor der Berliner Universität, Graf Baudisfin behauptete, ,-daß.darin, ein. ethischer Grundsatz ausgesprochen sei, der, in seinem vollen, Sinn..verstanden, eine Steigerung nicht mehr erfahren kann""), ist nicht, nur der Zweck, sondern auch der Bestimmungsgrund der jüdischen Religion, enthalten, deren Subjektivation der aus den Höhen des Sinai geschlossene Bund darstellt. „Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst", das.will mit anderen . Worten besagen: Nur einander an. Wert gleichstehende Menschen können eine aus ein gemeinsames Ziel gerichtete Verpflichtung eingehen. Ein flüchtiger Blick in dir Bibel bestätigt das Gesagte. Alle in ihr enthaltenen Gebote, die aus den Monotheismus bezüglichen inbegriffen, stellen, sich als. Bundespflichten sozialer Natur dar, welche die Gleichheit und Gleichartigkeit aller im Bunde Vereinigten. Zur'.Voraussetzung und die schließliche Vereinigung aller Menschen überhaupt zum Endziel haben. Aeußerlich schon durch den Gebrauch der. Einzahl in der Ansprache kenntlich gemacht,, wenden sie sich ausnahmslos an die Gesamtheit und'nehmen den einzelnen nur insoweit in Betracht, als er ein sittliche Bürgschaft.leistendes Mitglied des Ganzen ist. Vom Judentum, als dessen wesentlichen Bestandteil wir ihn nunmehr. erkannt haben, ging der Geist der Solidarität aus die Juden selbst über. Das ist es,, was ich vorhin im Gegensatz zu.Heine als ein.Glück des Judentums bezeichnet habe. Denn ohne den Solidaritätsgedanken wäre das Judentum als Religion, allein, nicht fähig gewesen, den wilden Stürmen zu trotzen, die es zu entwurzeln drohten. Erst mit Hilfe dieses sozialen Ferments konnte es geschehen, daß die, schweren Zeiten diesem kleinen Volk nicht nur nichts anzuhaben vermochten, sondern daß es auch aus feinen Nöten innerlich gefestigt hervorging. .Wie es..Pflanzen gibt, die nur im rauhen Klima gedeihen, so hat . der dem Judentum inhürierende Solidaritätstrieb in den rauhen Zeiten der.Bedrückung eine sehr günstige Entwicklung .dahin genommen, daß er zur. Solidarität der Juden geworden ist. Hier, war es ausnahmsweise geschehen, daß der Fluch der bösen Tat fortzeugend Gutes hat geschaffen. Zur schwachen, wehrlosen Minorität herabgedrückt, in einen Zustand völliger Rechtlosigkeit gebracht, von allen Seiten bedrängt und bekämpft, war es der nackte Selbsterhaltungstrieb, der die Juden — vielleicht oft gegen ihren Willen — zur Solidarität gedrängt hat. Um Jude zu sein, genügte es nicht, sich zu. dem Glauben der Väter zu bekennen, es bedurfte auch der ausgiebigen Unterstützung aller Institutionen, die sich aus der Religion als sozialem Faktor ergaben, welche jedoch auf staatliche' Beihilfe nicht rechnen konnten. Die Gründung' von Volksschulen bereits in talmud.ischer Zeit,, die Schaffung' von humanitären Institutionen aller Kategorien, von Krankenhäusern, Armenanstalten, Siechen- und Versorgungsheimen, die Einrichtung volkstümlicher Vorträge innerhalb und außerhalb des Gottesdienstes, kurzum alle die Ingredienzien, aus welchen die moderne, soziale Kultur sich zusaMme.nsetzt, find Erfindungen des jüdischen Volksgeistes. Sie sind Produkte der sozial-ethischen Konzentration der Juden, h Vgl. „Allgem. Zeit. d. Judentums" 1913, 10, 1. die ihrerseits auf die Solidarität als Ursprungsquelle zurückgeht. Wie kommt es nun, daß die Solidarität, die, wie ich nachgewiesen zu' haben glaube, einen Eckstein im Gebäude der Weltkultur bildet, den Juden zum.Stein des Anstoßes geworden ist? Bei der Aufwerfung dieser Frage denke ich keineswegs an diejenigen, in deren Augen Juden und Judentum und alles, was damit zusammenhängt, von vornherein als minderwertig und deshalb auch als indiskutabel erscheint. Gegen derartige Vorurteile, die im letzten Grunde auf physiologischer Unzulänglichkeit des Denkvermögens beruhen, werden selbst homöopathische Mittel des gesunden Denkens nichts auszurichten vermögen. Vielmehr' sind es unsere Freunde, die ich im Auge habe, öder diejenigen, die sich mindestens als solche ausgeben - und ihre Freundschaft dadurch dokumentieren, daß sie uns wohlgemeinte Ratschläge erteilen. Wie diese beschaffen sind, das kann durch ein einziges Beispiel beleuchtet werden. Es ist ein Ausspruch des hier bereits einmal erwähnten Berliner Universitätsprofessors Paulsen, den ich-nicht bloß deshalb anführe, weil er in der.Philosophenwelt besonders als Ethiker sehr geschätzt ist, sondern vielmehr weil er in-seinen Schriften ausdrücklich betont, kein prinzipieller Gegner der Juden und des Judentums zu sein. Und doch scheut er sich nicht in seinem System der Ethik')-zu sagen: I „Das geht nicht, wer stolz darauf, ist, nicht zu den Söhnen des deutschen Volkes zu gehören, sondern zu den Söhnen Israels, der hat kein Recht, sich darüber zu beklagen, daß das deutsche Volk ihn nicht zum Richter oder zum Lehrer seiner Kinder will. Entweder oder —ganz Jude bleiben oder ganz Deutscher werden; beides sein, ganz Jude und ganz Deutscher, ist immöglich." Paulsen und seine zahlreichen Vor- und Nachläufer vergessen aber, daß ähnliche Ratschläge den Juden schon vor zwei- und dreitausend Jahren gemacht worden waren. Damals galt-es, phönizisch, dann assyrisch-babylonisch zu werden, später sollten und wollten die Juden griechisch sein"). Hütten unsere Vorfahren aber auch nur einen jener Ratschläge befolgt, wie sollten und könnten wir, ihre Nachkommen, die Forderung Paulsens erfüllen, ganz Deutsche zu werden, ganz zu schweigen davon, daß in solchem Fall auch von einem Christentum nicht gut gesprochen werden könnte. Das find allerdings nur Einzelheiten, die aber beweisen, daß hier eine bedenkliche Begrifssverwechslung vorliegt, der Begriffe von Solidarität und Separatismus. Schuld daran sind nicht diejenigen, welche diese Verwechslung begehen, sondern die Anwendung einer einseitigen Betrachtungsweise, die das ganze moderne Leben - in Beschlag zu nehmen droht: das Nationalitätenprinzip. Seit dem Ablauf der europäischen Revolutionen sind die einseitige Betonung und straffe Hervorkehrung des nationalen Moments, die eine Folge der sozial-materialistischen Weltanschauung ist, das Charakteristikon der menschlichen Gesellschaft. Von seinem einseitigen Standpunkt aus hält sich der Nationalismus für berechtigt, alle und jeden, die nicht seine Mühle mahlen, als schädliche Feinde rücksichtslos zu bekämpfen. Wobei er aber vergißt, daß die kausale Betrachtungsweise, auf der er beruht, nur eine neben vielen anderen ist, . wodurch das Weltgeschehen erklärt werden kann. Vielleicht gelingt es mir durch Wiedergabe einer kleinen Episode, Deren Zeuge ich war, das Gesagte zu verdeutlichen: In einer Versammlung, welche der Vorbereitung einer kleinen, rein wissenschaftliche Zwecke verfolgenden Organisation gegolten, erhob sich einer der Anwesenden: Meine Herren, sagt er, ich sehe, wir wollen uns heute hier organisieren. - Ich kann aber die Notwendigkeit hierfür mit dem besten Willen nicht einsehen. Gegen wen wollen wir uns denn eigentlich organisieren? Aehnlich macht es der einseitige Nationalismus, Infolge der y S. 552, zitiert bei Güdemann, „Apologetik d. I.", S. 87. G) Vgl. Steinthal: „Juden und Judentum", S. 79.

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