Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1913)
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 403 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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403 fromme Christin, den Rekonvaleszenten mit Lektüre, aus der bekannten Traktätchenliteratur der Missionare und ist unausgesetzt bemüht, junge Israeliten zur „äileirrseligmachenven Kirche" zu bekehren. Eines Abends, an welchem ihre glühende Beredsamkeit nach ihrer festen Ueberzeugung die junge Mannesseele unseres Kurt aufs höchste zu fesseln schien und sie sicher meinte, jetzt würde und müßte das ihr heilige Werk der Bekehrung von vollem Gelingen gekrönt werden, sprach der gegen die schöne Gestalt der lieblichen Schwester durchaus nicht gleichgültige, von ihrem trefflichen Pflegewerke oft hingerissene junge Kaufmann zu ihr: „Bitte, Schwester, aus meiner Brieftasche ein in Form eines Lesezeichens bedrucktes Blatt herauszunehmen, das mir ein Vetter aus Amerika vor einem Jahre geschickt hatte, und das in englischer und deutscher Sprache all das enthält, was den Inhalt meiner Religion ausmacht. Es gelte Ihnen als Antwort auf den Versuch Ihrer Bekehrung. Ich bitte dann am nächsten Tage nach einer gründlichen Studie dieses Blattes in Ihren Auseinandersetzungen gefl. sortzufahren." Am anderen Morgen erschien die liebenswürdige Missionärin etwas ruhig gemessen, aber nicht minder freundlich wie sonst im Krankenzimmer des jungen G., und dankend für das Blatt, das sie G. wieder behändigte, erklärte sie, hier ihre, auf die Seele gerichtete charitative Tätigkeit einstellen zu müssen. „Ich würdigte bislang als Tochter meiner Konfession allerdings nur meine als die vorzüglichste, Ihre mir vom Hörensagen nach dem landesüblichen Urteil der Volksmenge oder nach der Lehre christlicher Katecheten bekannte Religion galt mir als eine minderwertige, weil ich unter „Judentum" meist frommen Dienst, Wertheiligkeit und starre Satzungsübungen nach dem alten Bundesgesetze Moses verstanden habe. Daß die Nächstenliebe im 3. Buche Moses geschrieben stehe, daß die Unsterblichkeit, Gottebenbildlichkeit, edle Humanität und Sittlichkeit, Erlösung von Sünde durch Gottes Gnadenmittel, das Reich des Messias, und vor allem der Gott der Liebe und nicht der Rache, wie wir Christen es ausschließlich als Lehren des Evangeliums in uns ausnahmen, auch als jüdische Gebote gelten: das wußte ich nicht, das ist mir völlig neu.. Darin liegt die Begründung des Willens, andere Juden zu bekehren, was uns als eine fromme Tat gilt. Die Worte Ihres jüdischen Predigers belehrten mich nun allerdings eines Besseren — ich bescheide mich — ich halte still und wünsche nun, daß viele den Gehalt Ihres so sorgfältig ausbewahrten Druckblattes sich zu eigen machen, insbesondere die junge Welt innerhalb der jüdischen Konfession, und die lapidar-stilistisch gehaltenen Sätze in tausend und abertausend Exemplaren gedruckt und zur besseren Würdigung des Judentums auch außerhalb desselben beitragen mögen!" Gerührt von diesem Zeugnis einer so selten schönen Seele erhob sich der junge Bekenner seines geliebten jüdischen Glaubens, ergriff die beiden Hände seiner gerechten christlichen Schwester und versicherte mit großer Begeisterung: „Sie haben mich gesund gemacht, leiblich und geistig und mich den geliebten Meinen wiedergegeben. Dank und Gottes Lohn!" Das Blatt ist ein Predigtfragment aus einer Neujahrsrede, es ist 30 Jahre alt und ist, als ob es heute und für heute geschrieben wäre. Es sollte in alle europäischen Sprachen * übersetzt, von den jüdischen Gemeindevorstehern in Massenauflagen verbreitet, allen Konfirmanden, Lehrlingen, Jugendvereinen und insbesondere den Familien als heiliges Vademekum übermittelt werden, die so leichten Herzens um weltlicher Vorteile willen ihren angestammten Elternlehren untreu werden. Ich übergebe es der Gesamtheit Israels. Was es heißt: „Ein Jude zu sein!" Ein Jude zu sein, das heißt: die reine und eine Gottheit, die da war, ist und sein wird in Ewigkeit, erkennen, bekennen und verehren, einen Glauben haben, der jeden Fatalismus, jeden Fetisch- und Bilderdienst, jede Menschenvergötterung und jeden Aberglauben ausschließt. Jude sein, das heißt: das Priestertum der Sittlichkeit und Tugend einpflanzen auf Erden, enthaltsam sein, die bösen Triebe bannen und die verderblichen Eigenschaften zügeln. — Jude sein, das heißt: die Grundsätze der unerbittlichen Gerechtigkeit, den unbeugsamen Rechtssinn, die.Unbescholtenheit in Handel und Wandel offenbaren und festigen in der Welt. — Jude sein, das heißt: die wärmste Liebe für die Mitwelt empfinden, nicht nur die Liebe stets im Munde führen und mit ihr prahlerisch großtun, sondern sie zu Fleisch und Blut werden lassen in der Seele und im Herzen, im Tun und Lassen. — Jude sein, das heißt: diese Liebe und diesen Edelsinn dermaßen handhaben und betätigen gegen alle Menschen, daß man nicht erst frage: in welche Kirche gehst du? zu welcher Rasse zählt man dich? wo stand einst deine Wiege? — Jude sein, das heißt: ein gesittetes, reines, keusches Familienleben höher schätzen als alle Genüsse, Zerstreuungen und Vergnügungen dieser Welt. — Jude sein, das heißt: nach Vernunft, Einsicht und Ueberzeugung selig werden wollen und andere selig werden lassen, keinen Gewissenszwang üben, keinen Kastendruck und kein Kerkermeistern der Vernunft begünstigen. — Jude sein, das heißt: Glaubens- und Gewissensfreiheit predigen, die Flagge der Duldsamkeit und Humanität allenthalben aufhissen und entfalten. — Jude.sein, das heißt: den Idealismus höher achten als alle Schätze und Güter dieser Erde, für eine Idee sich begeistern und dieser Idee, wenn es. sein muß, das größte Opfer bringen. — Jude sein, das heißt: mit edlem Stolz Hinweisen auf die Wunden, die drei Jahrtausende denen geschlagen, die nichts weiter verbrochen, als morgens und abends mit gefalteten Händen gesprochen zu haben: Schma Israel! Höre es, o Israel! Adonai unser Gott, ein einig, einziges, ewiges Wesen! — Jude sein, das heißt: mit heiliger Genugtuung zurückblicken auf einen Stamm, der die größten Denker, Dichter, Sänger, Psälmisten und Propheten gezeugt, aus ein Volk, an dessen Brüsten die ganze große Menschheit Religion und Humanität gesogen. — Jude sein, das heißt: für die Unsterblichkeit arbeiten und jene Zeit anbahnen, in der der Messias der Menschenverbrüderung in die Weltenposaune stoßen wird, um Freiheit zu kündigen den Geknechteten, Auferstehung den Toten, Ausrichtung den Gekränkten, Erhebung den mit Füßen Getretenen, Erhebung auch den unschuldigen Opfern eines Volkes, welche von Jahr zu Jahr verbluten unter der tyrannischen Klinge antisemitischer Rohheit, Verlogenheit, Ungerechtigkeit, Lieblosigkeit und fanatischer Intoleranz unter der Maske der Liebe und des Rechtes. — Das ist ein Jude! „Alle Urseliten lind Mrven einer kür den anderen." Sisra ed. Weiß zu 3. Buch Moses, Kap. XXVI, Vers 37. . Eine Studie von Dr. Armin Abeles, Wien. . (Schluß.) as und nichts anderes ist auch der Sinn jener oft gebrauchten und ebenso oft mißbrauchten Worte, womit die Lehrer des Talmuds, die der Geburtsurkunde des Judentums zeitlich und räumlich viel Näher als wir gestanden, die Bedeutung jenes Bundesschlusses kennzeichneten: „Alle Israeliten sind Bürgen einer für den anderen""). Das ist' weder eine 2) In Anlehnung an Schorr meint Rafael Kirchheim, daß dieser Ausspruch aus persischen Einfluß zurückzusühren sei. Ben Chananjah VIII, 788. Jedenfalls ist er zu einer Zeit entständen, wo in Palästina der Handel und das diesen bedingende Schuldscheinwesen in voller Blüte standen.