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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-08-22 · Heft 34 (22.8.1913) · p. Seite 402

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 34 (22.8.1913)
Date
1913-08-22
Page
Seite 402 (sequence 6)
Language
German
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—— 402 gefährlichsten Umständen — die Verwundeten kurierten und pflegten. Und ein gewisser Siegmund Plessner auL.Pleß muß sich wohl besonders rühmlich hervorgetan haben; denn, nach der Verheißung seines obersten Kriegsherrn: „Gewisser Lohn wird treffen den, der sich auszeichnet", erhielt er im Frieden eine Stelle als Mathematiklehrer in Erfurt und bekam später seinen Abschied mit Hauptmannsrang. Ein Jude — man denke! Wer picht mit den Waffen mehr für den König streiten konnte, hungerte sich die Sparpfennige zusammen — der alttestamentarische Bchrgerverein brachte die Summe von 5079 Talern freiwillig als Beisteuer zum Kriege, die Frauen verkauften ihre Ketten und Ringe, ihre Stirnbinden, ja sogar ihre mit Gold beschlagenen Gebetbuchheckel, jeder und jede legte sich die größten Einschränkungen auf; der Krieg war ein Erzieher zu spartanischer Einfachheit und zum Philosemitismus. Oben erwähnte Ehrentafel der Breslauer alten Synagoge mit folgendem Text: „Im Befreiungskriege starben aus hiesiger Stadt und Gemeinde den Heldentod für König und Vatexsand: Meyer Hilsbach, Leutnant/ bei dem Königlichen Garde - Jäger - Bataillon, Ritter des Eisernen Kreuzes, den 2. May 1813 bei Gr.-Gprschen. Lazarus Zülchauer, Jäger bei dem Königlichen Leib-Grenadier-Bataillon, den 2. May 1813 bei Gr.-Görschen. Julius Burgheim, Jäger bei dem Königlichen Garde-Jäget-Bätaillon, den 2. May 1813 bei Gr.-Görschen, ist in der historischen Abteilung in der Jahrhundertausstellung der Freiheitskriege ausgestellt. Dieses Breslau, das Aschenbrödel unter den großen Städten, das das deutsche Volk wachrüttelte, daß der gute tumbe Michel an einem Märzmorgen 1813 nach alpdruckschwerem Schlafe aus der Wiege der Bedrängnis hinaus zur Freiheit sprang, dieses Breslau war bis auf den heutigen Tag eine Stieftochter Borussias. Die Denkwürdigkeiten des Grafen Hoym vermelden, wie der erste preußische Herrscher den reichen Stadtschatz und die schönsten'Gebäude der guten Wratislawia fortnahm, uM Kasernen aus den vornehmen Patrizierhochburgen' zu errichten und mit den angeeigneten Geldern das damals noch sehr kleinbürgerlich unscheinbare Berlin zu verschönern. Bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein hatte die Stadt unter den schweren Wunden dieser Mißhandlung noch zu leiden — und dennoch unverwöhnt von Kaiser und Reich, sind sie sehr gute Preußen geworden — die Breslauer. Da ganz Schlesien sich anschickte, das ehrwürdige historische Jubiläum von 1813 zu begehen, bestreitet die enormen Unkosten dieser patriotischen Feier Breslau allein. Ein sehr ansehnlicher Garantiefonds war daüfgebracht — Männer des Rats und des Rechts, Künstler, Gelehrte, Bürger aller Stände für das bedeutsame Projekt gewonnen — man nahm das Scheitniger Riesengelände aufs Korn, dieses kostbare Besitztum der Stadt, das für Paradezwecke jeder Art einen geradezu unvergleichlichen Platz bietet. Ausgedehnte Felder und üppige Wiesen, die sich an den alten Park anschmiegen, der nach Aussage kundiger Thebaner der edlen Gartenkunst als der schönste und wohlgepflegteste in Deutschland gepriesen wird, der Festplatz Lat exoebon, ein Raum, auf dem bequem die verflossene Pariser Weltausstellung untergebr-acht werden kann mit sämtlichen Sonderausstellungen anderer Kapitalen. Aus diesem Platz die Festhalle: aufsteigend in gefälliger Terrassenform, der Mittelpunkt ein ungeheures Tonnengewölbe, überdacht von einem Nonplusultra von. Kuppel, wie sie imposanter keine amerikanische Exposition auszuweisen hat, an genialer Kühnheit der Konstruktion höchstens noch mit dem Eiffelturm zu vergleichen, ein Werk, das in seiner glücklichen Vollendung aus. Eisenbeton der Baukunst neue Bahnen eröffnen wird. Neben dieser Festhalle erhebt sich gleichfalls, aere perennius, ein Ausstellungsgebäude mit sünsundsünfzig Prachtsälen, in denen hundert Kongresse im Jubeljahr der guten Wratislawia tagen, pokulieren und Festschmause abhalten werden, nachdem sie die erstaunlich reich' beschickte historische Ausstellung in der Jahrhunderthalle besichtigt — einen Reichtum, den man wochenlang bestaunen und studieren kann — ich erwähne als das köstlich Ergötzlichste nur die Säle, in denen Napoleon in der Legende und in der Karikatur veranschaulicht wird — ein Ragout für Liebhaber historischer Kuriositäten. Ein Festspiel von Hauptmann (die Aufführung wurde inzwischen verboten), Festkonzerte als Clou, die Ausführung einer Sinfonie des allzufrüh zu denhimmlichen Chören äbkomandierten Mahler, olympische Spiele, wen sollte das nicht locken, einen Abstecher nach dem selbst „im Reich" noch so unbekannten Breslau zu wagen? Wer bei sinkender Sonne auf einer der Terrassen des Hauptrestaurants sitzt und die Blicke lustschweifen läßt über den von farbenschimmernden Tulpen umkränzten See, hinüber nach der laubumrankten Pergola, in der Tausende von geputzten, frohen, eleganten Menschen vergnügt wandeln, das Bäuerlein wie der Graf, Bruder Student wie der Herr Offizier, wer über das weite Parkland sieht, in dem aus dem dunklen Grün, in dem die historischen Gärten eingereiht sind, wie Perlen in einem Schmuck — hell und weiß zierliche Pavillons aufleuchten — der wird sich erstaunt fragen: ist dieses Eden voll Poesie wirklich der vielverlästerte Breslauer Boden? Und wenn dann, wie von Feenhand gerührt, alle die weiß strahlenden Bauten mit Girlanden von Licht geschmückt, wenn die Pergola, wie durchzogen von Millionen von Riesenglühwürmchen aufleuchtet, und die gleißenden Wogen des Lichts sich mit den Wellen der Töne sanfter Musik vermählen, in der Frauenlachen und entzückte Menschenstimmen aufjauchzen, wer würde hier nicht bekennen, daß hier alle Märchenpracht übertrosfen wird durch das lebendige Wirken eines starken Gemernkörpers, strotzend von Intelligenz, und .Kraft. Vor Jahren hat ein halber Narr, ein rumänischer Bohemien, der sich, der Himprel weiß wie in die Literatur verirrte, Breslau in einem über die ganze Erde verbreiteten deutschen Blatte: eine zurückgebliebene Großstadt geschimpft. Das Wort hat viel böses Blut gemacht — aber es hat die alte Wratislawia gehetzt, gespornt, getrieben, sich auf sich zu besinnen und sich in einer ganz unerhört wirksamen Wunderkur zu verjüngen. Es geht den Breslauern wie den Juden: Verkannt — gehetzt — geschmäht — und dennoch: Ihre Feinde müssen ihnen zu ihrer Verherrlichung dienen. Bekehrung. Eine wahre Begebenheit Juni 1913. Von'Dr. Leimdörfer,'Rabbiner und Prediger zu Hamburg, in junger Mann aus einer mir seit 30 Jahren' befreundeten Familie, Kurt G., liegt fast 6 Wochen im Sanatorium des Professors F. in H. Die ausgezeichnete Pflege dort läßt hoffen, daß er seinem Berufe, in dem er sich nach Ueberanstrengung eine schwere Krankheit zugezogen, wiedergegeben wird und ebenso seiner hochachtbaren Familie, die ihn zu einem tüchtigen, religiös-sittlichen Menschen erzogen hat. Im Sanatorium wirkt eine anmutige barmherzige Schwester, äußerst gewandt, zuverlässig, bei den Patienten sehr beliebt. Sie widmete Tage und Nächte hingebungsvoll und eifrig der Wiedergenesung unseres Kurt G. Vor einiger Zeit zerstreute, sie, die

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