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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-08-22 · Heft 34 (22.8.1913) · p. Seite 400

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 34 (22.8.1913)
Date
1913-08-22
Page
Seite 400 (sequence 4)
Language
German
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- Der Oberbürgermeister von Budapest. Dr. Franz Hel t a i ist. am 10. d. M. in .'Bad Ischl im 52. Lebensjahre gestorben. Dr.. H e l t.a i war der Sohn eines Arztes in Szentes und hatte nach Absolvierung der juristischen Studien seine Karriere als Journalist, begonnen. Er betätigte sich namentlich als .Fachschriftsteller. Im Jahre 1896 wurde er in den Reichstag entsendet. Als Referent für eine Reihe, wichtiger Gesetzentwürfe im volkswirtschaftlichen Ausschuß sowie bei den Verhandlungen, des Heeresbudgets in den Delegationen spielte er eine bedeutende Rolle. 1907 wurde er zum Direktor der Allgemeinen Gesellschaft und 1909 -zum Generaldirektor der Gaswerke Budapest ernannt. Er war ferner Präsident des Landesvereines für chemische Industrie und des Vereines der Gas- und Wasserfachleute Oesterreich-Ungarns. Im Februar d. I. wurde er zum Oberbürgermeister von Budapest gewählt. Einige Wochen später wurde er. in das Magnatenhaus berufen. , . Dr. Heltai war ein treuer. Sohn, des jüdischen Stammes¬ und das. ungarische Judentum verlierb in ihm einen seiner besten Söhne. . , * Aus London wird geschrieben: . Im Unterhause ist wiederum eine Sonntagsruhebill eingebracht worden, die zwar Ausnahmebestimmungen für Juden Vorsicht, aber in recht ungenügender und, wie man vielleicht glauben darf, absichtlich wirkungsloser Form. .Es soll denjenigen jüdischen Geschäften, die am Samstag geschlossen halten, am Sonntag bis' 11 Uhr vormittags gestattet sein, ihre Läden zu öffnen, vorausgesetzt, daß sie während dieser Sonntagsstunden nur Juden beschäftigen und — nur jüdische Kundschaft bedienen. Wie sich der wohlmeinende Lord, der -diesen Entwurf eingebracht, die praktische Handhabung dieser Gesetzesbestimmung, eigentlich denkt, ist schwer einzusehen- Schließlich werden die Ladeninhaber von jedem Herrn und jeder Dame, die ihre Betriebsstätte betritt, die Vorlage eines Konfessionszeugnisses von der zuständigen Behörde oder gar vom Oberrabbinate von London beanspruchen müssen, eine Prozedur, die jedenfalls ein wahrer Hohn auf den vielgerühmten englischen Geschäftsgeist-wärch. Obgleich'die Bill von Mitgliedern aller Parteien eingebracht ist, darf man doch' hoffen, daß sie nicht in der vorliegenden Form Gesetz wird.- - * Der frühere Ministerpräsident Luzzatti hat, wie dem „B. T." aus Rom gemeldet wird, die Begründung eines internationalen Komitees angeregt, das im Namen der Zivilisation Rumänien die endliche E m a n^ >i p a t i o n d e r Juden aufnötigen soll. Dem Komitee sollen angehören Balfour, Professor E u ck e n, V i s c o n t i V e n o st a, M a r t i n i und andere hervorragende Männer, unter ihnen in erster Linie Präsident Wilson. Einem solchen derartigen moralischen Drucke werde Rumänien schließlich nachgeben müssen. — Der Bukarester Korrespondent des genannten Blattes, der dieser Tage eine Unterredung mit dem früheren rumänischen Minister Co st in es cu hatte, schreibt unter anderem: Ich befragte den rumänischen Staatsmann dann über einen Gegenstand, über den die rumänischen Politiker gewöhnlich nicht sehr ^gern. sprechen, über die Lage der jüdischen Bevölkerung .Rumäniens, und. Herr Costinescu antwortete mir. mit Aufrichtigkeit: „Ich bin überzeugt, daß sich auch die Lage der Juden ändern wird, Man kann es nicht geschehen lassen, daß alle Juden, die im Heere dienen oder dienten, nicht rumänische Bürger werden. Sie gaben dem Lande den höchsten Tribut, den das Vaterland von seinen Söhnen verlangen kann, sie müssen also auch alle Rechte genießen." „Und wie soll dieser Akt der Gerechtigkeit verwirklicht werden?" „Ich denke, in einer Kammersitzung zur Revision der Verfassung könnte ein aus einem einzigen Paragraphen bestehendes Gesetz votiert werden, in dem alle Juden zusammengefaßt sind, die Soldaten waren. Dadurch -verleihen wir beinahe allen jungen Juden das Bürgerrecht, und in der Zukunft könnten alle rumänischen Juden nach und nach das Bürgerrecht erlangen." Das ist für die rumänischen Juden ein schwacher Trost. Wenn nur diejenigen Juden, die Soldaten waren, das Bürgerrecht erhalten sollen, so bleibt , die übergroße Mehrheit nach wie vor entrechtet und das. Verhalten der rumänischen Regierung ein trauriges Zeichen der Zeit. . * Zur Kiewer Ritualmordafsäre wird der „Vofsischen Zeitung" aus Petersburg unter dem 13. August gemeldet: Die reaktionäre Presse beginnt die Vorbereitung des Kiewer Ritunlmordprozesses. So veröffentlicht das hier erscheinende Blatt „Semtschina" eine Erklärung, des getauften Juden Stembo, er müsse bezeugen, daß Ritualmorde keine Legende seien, sondern tatsächlich Vorkommen. Das hiesige Oppositionsblatt „Denj" will aus guter Quelle wissen, daß die Gerichtsverhandlrmg im Kiew e r R i t u a l m o r d p r o - zeß wieder auf unbestimmte Zeit vertagt werden soll. P e t e r s b u r g, 17. August. Die Gerichtsverhandlung im Kiewer „Ritüalmordprozeß" ist endgültig aus den 8. Oktober festgesetzt. Ferner wird aus Petersburg berichtet: lieber das Wohnrecht jüdischer Soldaten, die am russisch-japanischen Feldzüge teilgenoininen haben, ist ein Zirkular erlassen, laut welchem den mit einer Auszeichnung dekorierten Soldaten oder solchen, die ihren Dienst tadellos absolviert.haben, das allgemeine Wohnrecht im ganzen Reiche zusteht. - Um alle Mißverständnisse zu vermeiden, die ein solches Zirkular Hervorrufen kann, müssen solche- Juden ihre Rechte für ein allgemeines Wohnrecht im ganzen Reiche vor dem dirigierenden Senat ausweison und sich bestätigen lassen, weil sie oder ihre Nachkommen sonst leicht Gefahr laufen, von irgendeinem Gouverneur oder von der Polizei aus Grund eines anderen Zirkulars ausgewiesen zu werden. - Einiges Wenige aus Tagen der Mt. von Breslauer Iuden 1813 und der Iubelausstellung 1913. ' ' Von Clemens Berg. Napoleonifche Herrschaft hatte die Breslauer Juden ni große Not gebracht. Schwer lasteten die Einquartierungen der französischen Truppen auf ihren Beuteln und in ihren.Häusern; ^am schlimmsten aber war es ihrem Gemeindehaus in der Wallstraße ergangen, es hatte unter dem Bombardement fürchterlich gelitten, so daß der Aufenthalt in dem zerschossenen, mit zersprungenen Fenstern und der Türen beraubten Gebäude unmöglich geworden war: es bedurfte dringend einer größeren und dadurch leider für die ohnehin finanziell sehr heruntergekommenen Juden fast unerschwinglichen, sehr kostspieligen Reparatur. Und arm war die Breslauer Judenschaft in jenen schweren Tagen, sehr arm. Die hohen Kontributionen hatten . die Kaufmannschaft halb bankerott gemacht, selbst die noch für bemittelt galten unter den Gemeindemitgliedern waren mit der Abführung ihrer Beiträge zu den Gemeinbedürfnifsen im Rückstände. Sehr viele, sogar recht angesehene Familien entzogen sich auf immer ihren Verpflichtungen, indem sie einfach ins christliche Lager abwandelten/ Namentlich erregte die Taufe der fünf Brüder Kuh sehr großes Aussehen, und Witzbolde lästerten darob: In Breslau wolle kein Rindvieh mehr Jude sein. Aber dieser Massenaustritt im Jahre 1807 kostete die Gemeinde die für jene Zeit erstaunlich hohe Summe von 774 Reichstalern als Abgang von ihren gewöhnlichen Einnahmen, abgesehen davon, daß die restierenden Einkünfte seit drei Jahren von den Ueberläusern nicht mehr eingefordert werden dursten. Erschöpft und verschuldet hatte man am 15. September zur notdürftigen Deckung der Belagerungsunkosten um die Erlaubnis zur Erborgung von viertausend Reichstalern petitionieren müssen; wahrlich, die Vorsteher der Breslauer Judenschaft mußten sich gewaltig die Köpfe zerbrechen, woher sie auf-ehrlichem Wege das Geld beschaffen sollten,. uw das sie -von allen Seiten gedrängt, gemahnt und gesteinigt wurden. In dieser peinvollen Lage überraschte sie. ein Angebot der französischen Behörde, die sie zu einer Auktion Preußischer Milit.äreffekten beschiod, die

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