Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1913)
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 399 (sequence 3)
- Language
- German
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399 erben, der ja in seinem Geleitwort zu dem Buch „Deutschland in Massen" gegen das Wohlleben und den Luxus geeifert hat, gegen den derzeitigen Träger »der Kron^'äüH'üsPielen. Herr Ph. Stauss ruft sogar in einem Artikel, der anscheinend der Korrespondenz'des „Verbandes gegen die Ueberhebung des Judentums" entstammt, die . gesamten Parteien der Rechten zum Sturm gegen den „v e r j u d e t e n" Hof und die „verjudete" Regierung auf: „Die Rechtsparteien sollten endlich ganz entschieden erklären: die Verjudung deß Hofes und der Negierung ist die Ursache, daß so gegen die ganze Lebensveranlagung des Volkes gearbeitet wird, daß lediglich Geld- und Handelsgesichtspunkte im Deutschen Reiche regieren. Und die Rechtsparteien müßten in entschiedene Gegnerschaft treten zu einer Negierung, die nicht mehr deutsch genannt werden kann. Möge nmn es doch einmal versuchen, mit Freisinn und Sozialdemokratie, d. h. der Judenschast zu regieren. . Mittlerweile ist es eine oberste deutsche Aufgabe, ins einzelne klarzustellen, worauf der undeutsche Geist in den Negierungsgehegen Zurückgeht. Und das muß ohne Schonung geschehen. Es ist die höchste Zeit dafür." Nur eine Hoffnung hält diese betrübenden Vaterlandsfreunde noch aufrecht: Das Regiment Wilhelms II. wird ja — „Gott fei Dank" — einmal zu Ende gehen, und darum wird der Kronprinz schon jetzt mit den aufdringlichsten Lobeserhebungen gefeiert. „Dem Kaiser der Zukunft Heil" depeschierte der Hammerbund Magdeburg dem Kronprinzen anläßlich seines „herzerfreuenden Auftretens" bei der MaroKodebatte im Reichstage. Der „Deutschnationale Handlungsgehilfenverband" feierte ebenfalls auf seinem diesjährigen Handlungsgehilfentage in Frankfurt a. M. den kriegsfreudigen Kronprinzen als leuchtendes Vorbild einer mannhaften deutschen Gesinnung. Der Verbandsvorsteher Bechlh schloß seine Begrüßungsrede mit den Worten: „In dem mutigen Bekenntnisse unseres Kronprinzen betonen auch wir: Wir sind keine Friedensutopisten, denn ein Friede um jederr Preis führt schließlich zur Charakterpreisgabe." In Danzig hat jüngst auf Einladung des Kronprinzenpaares ein großes Gartenfest stattgefunden, das einen Korrespondenten der „Deutschen Tageszeitung" zu einer besonders byzantinischen Anhimmelung des Kronprinzen begeisterte. In dem Artikel „Ein Stündchen' bei Kronprinzens" hieß es unter anderem: „Der Kronprinz, im Gegensatz zu den Bildern von ihm, die ihn viel zu jung erscheinen lassen, eine stattliche männliche Erscheinung, sehnig und geschmeidig, mit gebräunter, kerngesunder Gesichtsfarbe, das Auge von durchdringender Schärfe, dabei aber große Herzensgüte verratend; die Kronprinzessin von bestrickendem Reize und einer auf den ersten Blick einnehmenden Natürlichkeit." Scheinbar nebenher glaubt das agrarische Blatt seinen Lesern noch eine besondere Freude machen zu könnest'durch die Mitteilung, daß der Kronprinz zu den Lesern der Deutschen Tageszeitung" gehöre und sein Hofmarschallamt dem Blatte von dieser Tatsache in einem gelegentlichen Telegramm Kenntnis gegeben habe. Nur hat der Kronprinz seinen aufdringlichen antisemitischen Verehrern vor kurzem eine schwere Enttäuschung bereitet. Er hat — Ballin antelegraphrert und ihn zu der glänzenden Leistung des „Imperators" beglückwünscht! Also auch er ist unfehlbar dem „Ballinismus" verfallen wie sein Vater. Auf wen sollen nun alle wahren Vaterlandsfreunde ihre letzte Hoffnung setzen, wenn auch der „Kaiser der Zukunft" versagt! Mit Auguft Bebel, der am 13. d. M. in Passug, Schweiz, im 73. Lebensjahre gestorben ist, scheidet ein Mann aus der deutschen Volksvertretung, der noch aus der Heroenzeit des Deutschen Reichstages in die Gegenwart hineinragte. Die deutsche Sozialdemokratie verliert in ihm ihren eifrigsten und überzeugtesten Vertreter, der deutsche Reichstag einen seiner besten Redner. Es war ein ästhetisches Vergnügen, Bebel noch vor einigen Jahren auf der Reichstagstribüne zu sehen und zu hören: die sich fast überstürzenden Worte förmlich heraussprudelnd, jeden bedeutsamen Satz mit wuchtiger Stimme in den Saal hinausschmetternd und mit heftigen Gestikulationen begleitend, so stand er da, dieser bewegliche Mann unter Mittelgröße mit den vor innerer Erregung geröteten Wangen, den blitzenden Augen und dem überschäumenden Temperament. Da war, nichts Gemachtes noch Erkünsteltes, nichts Einstudiertes iknd mühsam am Schreibtisch Ausgetifteltes. Frei und natürlich flössen die Worte von den beredten Lippen, er brauchte sie nicht zu suchen, sie kamen ihm von selbst. Bebel trat auch, so oft eine Gelegenheit sich bot, energisch für die Rechte der Juden ein, weniger aus Liebe zu ihnen, als aus Liebe zur Gerechtigkeit, die die Richtschnur seines Lebens bildete. Das kommt auch in seiner Schrift „Antisemitismus und Sozialdemokratie" (Berlin 1894) zum Ausdruck. Er bekämpfte die Ritter des Judenhasses, weiler in ihrer verwerflichen Agitation die größte Gefahr für den Fortschritt der Menschheit erblickte, und wendete aus sie häufig das bekannte Wort Kaiser Friedrichs an: „Der Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen Kerle". Auf dem Sozialistenkongreß in Brüssel im Jahre 1891 war Bebel auch der erste, der für die. Resolution gegen den Antisemitismus eintrat. Seine Lebensarbeit galt ausschließlich der Sozialdemokratie, für deren Ausbreitung er weit mehr als parlamentarischer Führer durch seine Schriften gewirkt »hat. Am bekanntesten auch in bürgerlichen Kreisen ist sein Buch über „Die Frau", das eine ihm selbst oft unbequem gewordene Schilderung des Zukunftstaates bietet. Auch diese Schrift enthält einige Auslassungen, die feine Stellung zum Judentum beleuchten. Die Zahl seiner Broschüren und Flugblätter sind in Millionen von Exemplaren verbreitet worden. * Unter der Ueberschrift „Alter und neuer Adel", behandelt die „Franks. Ztg." folgenes Londoner Gesellschaftsereignis: Unter den aristokratischen Eheschließungen der letzten Zeit verdient die des jungen Lord Rocksava ge, ältesten Sohnes und Erben des Marquis v. Cholmondleey, mit dem schönen Fräulein S a s s o o n eine Erwähnung als ein neues Beispiel der Verbindung zwischen dem englischen Hochadel und der jüdischen großen Finanz. Welche von den beiden Familien die bessere ist, mag sich fragen. Der zweithöchste Rang in der englischen Pairie hat feinen sozialen Wert, aber die Sassoons haben in der spanisch-orientalischen Judenschaft Hunderte von Jahren eine fürstenähnliche Stellung eingenommen. Ihre Vorfahren, die sich „Jbn Schoschan" nannten, saßen im Mittelalter in Toledo, wurden im 15. Jahrhundert vertrieben und wandten sich' gleich Tausenden ihres Stammes in den Osten. In Bagdad standen die Sassoons bis vor wenigen Generationen an der Spitzerer dortigen Kaufmannschaft; der türkischen Negierung gegenüber traten sie als. erbliche Vorsteher ihrer Glaubensgenossen auf, und das Haupt des Geschlechts führte sogar den Titel eines „Nasi" oder Fürsten, der mesopotamischen Judenschaft. Als kluge Leute merkten sie aber „schon vor langer Zeit, daß es mit der türkischen Herrlichkeit zu Ende gehen' werde, sie hatten auch den richtigen' Instinkt, an wen sie 'sich am, schließen müßten. Als vor etwa hundert'Jahren die Engländer ihr^ erstes Vizekonsulat am Persischen Gölf gründeten, wanderte der damalige Sassoon von Bagdad nach Bnfchir aus, Um sich unter den Schütz der britischen Flagge zu stellen. Von hier gelangte die Familie in der Folge nach Bombay. Die Firma Sassoon errang die führende Stellung im indischen Handel, sie beherrscht noch heute das Produktengeschäft mit dem fernen Osten; den Namen des „indischen Rothschild" gab man ihrem Chef, Sir Abdallah David Sassoon, schon vor sechzig Jahren. Vor mehreren Jahrzehnten verlegte die Farniliie endlich ihren Wohnsitz von Bombay nach London. Sie ist dann in mehreren Zweigen mit dem Baronetadel geschmückt worden, und ihre jüngeren Glieder haben die vorschriftsmäßige Erziehung der englischen oberen Klasse erhalten und den Orientalismus abgestreift, aber ihren Glanben beibehalten.