Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1913)
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 398 (sequence 2)
- Language
- German
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398 verdienstvollem Großpräsidenten, Herrn Geheimrat T i rn e n d o r s e r, verpflichtet. Denn wie stets vorher, haben auch diesmal die Logen in Deutschland Hand in Hand mit uns an der Linderung der Not der von den Katastrophen Betroffenen gearbeitet und ihre Sammeltätigkeit mit der unserigen vereinigt. Der Anteil der Loge an all den Sammlungen, die, soweit der Balkan in Betracht kommt, noch nicht ganz abgeschlossen sind, beziffert sich bis heute auf rund 75 000 Mark. Auch das American Jewish Committee in New Pork schloß sich beim Balkanhilfswerk uns an und hat uns bisher 133 600 Mark für diesen Zweck zur Verfügung gestellt. Die Gemeinsamkeit der Arbeit mit unseren amerikanischen Glaubensgenossen ist eine in hohem Grade ersprießliche, und wir legen größten Wert aus diese Kooperation. Entsprechend der Fülle der Aufgaben,.,die der „Hilfsverein der Deutschen Juden" gerade im Jahre 1912 zu erledigen hatte, waren auch seine Aufgaben größer als in den unmittelbar vorhergehenden Jahren. Für seine regelmäßige Tätigkeit hat er 533 000 Mark ausgegeben und an außerordentlichen Ausgaben, für das Hilfswerk in Marokko und auf dem Balkan, sind bis zur Abfassung des Berichtes 410 000 Mark aufgewandt. Täglich aber wird die Not in den Ländern des Kriegsschauplatzes größer, und weitere Mittel sind für den Balkan inoch dringend notwendig. Fast eine Million Mark mußten wir vom 1. Januar .1912 bis zum Tage unserer Generalversammlung (13. April .1913) aufwenden, um alle den Forderungen gerecht zu werden, die die Not unserer Glaubensgenossen im Jahre 1912, das für die Juden des Orients und auch des Ostens ein schweres Katastrophenjahr gewesen ist, uns gestellt hat. , Daß wir in der Lage waren, die großen Opfer zu bringen, das durch wirtschaftlichen Niedergang, durch Unterdrückungen, durch Naturereignisse aller Art und blutigen Krieg hervorgerufene Elend unserer Brüder zu lindern und die Arbeit zu ihrer wirtschaftlichen und intellektuellen Hebung fortzusetzen, danken wir der nie ermüdenden Opferwilligkeit nicht nur der deutschen Juden, sondern auch der Juden des Auslandes, die treu wie bisher zu unserem Hilfsverein gestanden haben. Wir dürfen hoffen, daß ihre Unterstützung uns auch weiterhin zuteil werden wird, damit wir zum Besten der Gesamtjudenheit unsere Hilfstätigkeit immer weiter und wirksamer ausgestalten können. Aus dem reichhaltigen Inhalt des elften Geschäftsberichtes, der neben informierenden Angaben über die Lage der Juden in Marokko, Rußland, Galizien und Rumänien, über die Tätigkeit des Zentralbureaus für jüdische Auswanderungsangelegenheiten ausführliche Mitteilungen über die Reise der Kommission nach den Gebieten des Kriegsschauplatzes enthält und die Armut der Balkanjuden schildert, lassen wir hier das Kapitel, die „Hilfe nach dem Friedensschluß", folgen: Die Zukunft der Juden des Balkans ist recht düster. Die Delegierten mußten bei ihrer Mission über das augenblickliche Hilsswerk hinaus daraus Bedacht nehmen, zu erforschen, was mit den Juden nach dem Kriege geschieht. Sie haben auch diese ,Frage eingehend studiert und haben von vielen Städten ganz detaillierte Enqueten ausgenommen. Die „Union" muß aber in erster Linie ihre Mittel dazu verwenden, um die Not des Augenblicks zu lindern, die unmittelbaren, Schäden des Krieges zu heilen. Zu diesem Zwecke haben die vereinigten jüdischen Organisationen bisher an 600 000 Frank verausgaben müssen. Weitere 200 000 Frank werden bis zur Beendigung des Krieges inklusive der Repatriierung, der Flüchtlinge, der Installierung in ihren Wohnungen noch ausgegeben werden müssen und dann stehen die Juden des Balkans vor einer neuen Welt. Die meisten mit leeren Händen. Was muß geschehen, um ihnen weiter zu helfen? Nach eingehender Prüfung an Ort und Stelle sind die Delegierten zu dem Ergebnis gelangt, daß es unbedingt notwendig ist, Leihkasien in den verschiedensten Städten zu errichten, aus denen den Juden des Balkans Darlehen gewährt werden, damit sie sich in die neuen Verhältnisse eingewöhnen können. Die ersten Ansätze zur Begründung dieser Leihkasien haben die Delegierten selbst gemacht und für Adrianopel, Saloniki, Monastir und auch für Konstantinopel entsprechende Mittel schon jetzt bereitgestellt, aber die Summen, die zur Verfügung stehen, reichen hierzu bei weitem nicht aus. Denn in erster Linie müssen die vorhandenen Mittel dazu verwendet werden, um die direkten Opfer des Krieges zu unterstützen. Nach Friedensschluß werden zahlreiche Invaliden,. Witwen und Waisen bleiben, ftzx die gesorgt werden muß. Bei den Bulgaren allein sind beispielsweise, an 400 Juden gefallen. Da mehr als die Hälfte dev zum Kriege.Ausgehobenen verheiratet war, werden Witwen und Waisen in großer Zahl noch lange auf unsere Hilfe angewiesen sein. Auch bei den Türken ist die Zahl der verheirateten Gefallenen nicht gering.; ’ Die Hilfe, die den Balkanjuden gebracht werden muß, ist um so notwendiger, als ohne unsere Hilfe der Wiederaufbau der Existenzen, der die 200 000 Juden selbständig und erwerbsfähig macht, unmöglich wäre, und die dann dauernd^ wie die Juden Rußlands, Galiziens und Rumäniens, an die jüdische Wohltätigkeit appellieren müßten. Gelingt es, die Juden des' Balkans nach dem Kriege wieder in den Stand zu setzen, ihre alten Berufe oder neue Beschäftigungen aufzunehmen, so wird es möglich sein, daß sie ohne fortlaufende finanzielle Hilfe zum Segen der Gesamtjudenheit sich weiter entwickeln können. i; Für Jahrzehnte hinaus allerdings werden sie unsere moralische Hilfe und für gemeinnützige Unternehmungen unsere Unterstützung brauchen. Wir werden ihnen noch mehr als bisher Schulen errichten müssen, damit ihre Kinder durch gute Erziehung wirtschaftlich selbständig werden; wir werden Klassen errichten müssen und Anstalten, mit deren. Hilfe die lang andauernden Nachwirkungen des Krieges überwunden werden können. Besondere Beachtung verdient der Bericht des Hilfsvereins über seine kulturelle Tätigkeit in Palästina. Die vielen von ihm errichteten und unterhaltenen Kindergärten, Schulen und höhere Lehranstalten, darunter das Technikum in Haifa, dessen Eröffnung voraussichtlich im April 1914 erfolgen wird, sind lauter Werke, die seiner sonstigen, nicht hoch genug einzuschätzenden Wirksamkeit im Interesse unserer verfolgten Stammesgenosien verschiedener Länder die Krone aufsetzen. Lernen und Lehren, Wissen und Erkenntnis bildeten von jeher die Devise des jüdischen Stammes, zeigten sich im Laufe der Jahrtausende als die bewährteste Waffe zur Verteidigung seiner Existenz gegen alle, die sie bedrohten. Wir besitzen keine Prophetengabe, wissen nicht, wie die Zukunft des jüdischen Stammes sich gestalten wird. Das eine aber wissen wir: die Zukunft des Judentums ist von der Pflege und dem Fortschritt seiner eigenen Kultur abhängig. Dem „Hilfsverein der Deutschen Juden", der im heiligen Lande, wo jetzt aus alten Ruinen neues Leben erblüht, echt jüdische Kulturarbeit ver- . richtet, gebührt darum der Dank der gesamten Judenheit. A. K. Die Wucht. Berlin, 19. August 1913. ie Hetze gegen den Kaiser und die gleichzeitige Umschmeichelung des Kronprinzen wird von den Antisemiten^ munter fortgesetzt. Ein Leitartikel des „Hammer" (1. August), „Die Freunde des Kronprinzen" betitelt, erhebt wiederum gegen den Kaiser den schweren Vorwurf, daß er in seinem persönlichen Verkehr zu wenig wählerisch sei. Es „scheinen aufrichtige und vornehme, weitblickende und ernste Männer grundsätzlich nicht mehr zur näheren Umgebung des Königs von Preußen zu gehören. Wo Zoten erzählende Windmacher den Fürsten umgeben, da geht das Unheil seinen Gang; das ist, Gott sei Dank, eine Eigentümlichkeit der weltgeschichtlichen Logik". Man kann aus diesem Stoßseufzer des antisemitischen Monarchistenfreundes unschwer die freudige Genugtuung herauslesen, daß — „Gott sei Dank" — auch Wilhelm II. seinem Schicksal nicht entgehen werde. In einem anderen Artikel dieser Nummer „Vergebliches Bemühen" wird der Kaiser für die übertriebene Wertschätzung des Luxus und des Wohllebens im Reiche verantwortlich gemacht: „Im Luxus ist unser Kaiser geradezu vorbildlich. In diesem Sinn wirkt er aufs Ossizierkorps, und daher kommt dann die Verbindung dieser Herren mit den Juden." Auch hier sieht man deutlich die Tendenz, den zukünftigen Thron-