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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-08-15 · Heft 33 (15.8.1913) · p. Seite 396

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 33 (15.8.1913)
Date
1913-08-15
Page
Seite 396 (sequence 12)
Language
German
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396 „So geben Sie, bitte, die Bruchstücke." „Ich Willis versuchen, aber nur die sechs Schlußzeilen fallen mir ein. Sie lauten: Nicht lassen wolltest du das angestammte Gelübd' der Väter, doch im Herzen stammte In deiner Brust ein hoher heiliger Brand, Und reiner, als ihn frühere Geschlechter Geahnt, lebt Jesu Geist in dir und echter Als bei den Christen, die ich je gekannt." „Und wie heißt die Jüdin, der Schack diese Verse gewidmet hat?" „Die weise Freundin, wie er sie nennt, hieß Jvsephine v. Wertheim und lebte in Oberdöbling bei Wien. Auch andere christliche Dichter und.Künstler verehren sie, ein Bauernfeld, ein Grillparzer, ein Lenbach." „Obwohl sie Jüdin und alt?" „Jawohl! Der Einfluß jüdischer edler Frauen auf Dichter und Denker war übrigens keineswegs aus. Berlin und Wien beschränkt. In New Pork und Philadelphia lebten noch vor dev Zeit der Henriette Herz und Nahet Levin Jüdinnen, deren Salons die geselligen Zentralpunkte talentvoller Dichter und Schriftsteller, berühmter Staatsmänner und Generale waren. Sie haben doch „Jvanhoe" von Scott gelesen?" „Gewiß, in meiner Gymn-asiastenzeit." „Nun, das Urbild der Rebekka in Walter Scotts berühmtem Roman ist die amerikanische Jüdin Rebekka Gratz." (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — D i e Grausamkeit. Mit besonderer Bezugnahme auf sexuelle Faktoren. Bon Hans Rau. Mit 24 Illustrationen. Verlag Hermann Vnrsdorss, Berlin W 30. Das schon in dritter Auslage vorliegende Buch behandelt in ernster, wissenschaftlicher Weise gewisse Nachtseiten der menschlichen Seele, die schon die größten Geister, wie Hume, Hobbes, Kant, Schopenhauer, Nietzsche zum Nachdenken und zu Erklärungsversuchen veranlaßt haben. Auch der Verfasser gibt eine Erklärung für die Grausamkeit und bringt sie mit dem Sexualtriebe in Zusammenhang. Wenn er aber auch die Beschneidung bei den Völkern zu den Handlungen der Grausamkeit rechnet, so ist dein gegenüber zu betonen, daß sie bei den Juden immer nur als rein religiöser Akt betrachtet wurde, der nichts anderes als Gefühle wahrer Frömmigkeit auslöste. In der Geschichte waren die Juden ja nur Objekt der Grausamkeit, und wo der Bersasser von dem Unwesen der Geißler und den durch sie inszenierten Verfolgungen spricht, da bemerkt er, daß das nüchterne, fleißige Bolk der Juden ja von jeher seitens der Tagediebe und Herumlungerer angegriffen und bekämpft worden ist, uno daß die Juden damals und weiterhin auch durch die Inquisition entsetzliche Zeiten erlebt haben. Der Verfasser schließt sein Werk mit deit Worten, daß Mißstünde und Schattenseiten des Lebens sich nur beseitigelt lassen, wenn die Oesfentlichkeit von ihnen Kenntnis hat. Man nttlß zugestehen, daß der Verfasser seine Altsgnbe in einer würdigen, sachgemäßen Weise gelöst hat, die nur bestrebt ist, der Wahrheit, Gerechtigkeit lind Hmnnllitüt zum Siege zu verhelfen. Das iutereffante Werk verdient schon um dieser lobenswerten Tendenz willen lveite Verbreitung. Sanitätsrat Dr. S ch e r b e l, Lissa. * — D i e Freunde des Kronprinzen. Auch eine Schrlft zum 25 jährigen Regierungsjubiläum unseres Kaisers. Bvil Artur Lewinneck, Königsberg i. Pr. Hartungsche Buchdruckerei. Was uns in dieser Schrift hauptsächlich interessiert, ist die Darlegung, die zwar nicht das ganze Buch durchzieht, aber einen wesentlichen Teil ausmacht, nämlich Betrachtungen und Mitteilungen über die Stellung des Kronprilrzen zum Antisemitismus. Einzelne Kapitelüberschriften sind dafür sehr charakteristisch. Alan vergleiche 14- und S. 33. „Ist unser Kronprinz ein Antisemit? — Der Kronprinz in der Gesellschaft der Herren Bruhn, Liebermann v. Sonnenberg, Stöcker und Genossen. Antisemitischer Jubel. Die Hochzeitsgabe der Antisemiten für den Kronprinzen. Der klingende Lohn. Ein Geburtstagsartikel. Mißbilligung.' — „Die antisemitische Welle steigt. Der jüdische Gotha. Geistesfürsten über die Juden." Hervorzuheben ist ferner ein Satz (S. 27): „Die antisemitische Umgebung ist auf den Kronprinzen nicht ohne Einfluß geblieben. Der klassischste Beweis dafür ist seine vielbesprochene Rede im August 1910 anläßlich seiner Ernennung zum keetor magnikieentissimus der Königsberger Universität . . . ." doch braucht man die Hoffnung nicht aufzugeben, daß mit den Jahren diese Erscheinung verschwindet. Es ist ziemlich gleichgültig, ob in der Tafelrunde oder bei Bierabenden des künftigen Herrschers Juden erscheinen oder nicht; aber durchaus nicht gleichgültig ist, daß der Kaisersohn zu einer billigeren Auffassung -des jüdischen Wesens, Glaubens und Einflusses gelangt. iß. 6. * Luft m e n s ch e n. Roman aus der Gegenwart von S. Schachnowitz, Frankfurt a. M. Verlag des „Israelit" G. m. b. H. 1912. Der Roman enthält die Geschichte des Samuel Maßlow, der aus einer kleinen lithauischen Stadt nach einer größeren Universitätsstadt (Königsberg oder Berlin) kommt, wo er sich in ernster Arbeit die Elemente deutscher Bildung aneignet. Er wird infolge einer Ansprache, die er in einem jüdischen literarischen Verein gehalten hat, Lehrer bei einem reichen Kaufmann Bergsen, lernt dort das wirklich orthodoxe jüdische Leben kennen, schwankt aber einstweilen zwischen Orthodoxie und Zionismus, fühlt sich auch einen Moment zmu Christentum hingezogen. Infolge eines Brieses seiner Mutter, mit der er immer in Beziehung gestanden hat, unterbricht er seine Studien, fährt nach Rußland zur Militärstellüng, wird aber als Sohn einer alleinstehenden Witwe sreigelassen. Er soll aus Kiew abgeschoben werden, findet aber durch einen ehemaligen Berliner Freund, der dort Polizeibeamter geworden ist, Schutz, einen Freund, der bei einem Aufstande stirbt, nachdem er sich vorher noch zu seinem alten jüdischen Glauben bekannt hatte. Maßlow reist wieder zurück, wird Schriftsteller und Sekretär des jüdisch-russischen Hilfskomitees. Durch die Lektüre von S. R. Hirschs Schriften wird er vollkommen der Orthodoxie gewonnen. Er macht sein Doktorexamen, sieht seine Jugendfreundin wieder, die er in Kiew bereits einmal gesehen, aber wieder verlassen hat, nachdem er sie für eine Prostituierte gehalten, als welche sie eingeschrieben war, um in der russischen Stadt geduldet zu werden; das Mädchen hatte sich in Deutschland an ihren Jugendfreund gewendet, sich aber, da sie keine Antwort von ihm erhalten, ums Leben gebracht. Nachdem er diese Jugendfreundin verloren und auch den Tod seiner Mutter erfahren hat, geht er nach Palästina, um eine neue Heimat zu finden. Das Werk ist ein Tendenzroman der schlimmsten Sorte. Der Verfasser versteht unter Juden nur den streng Orthodoxen und den Zionisten, jeder Ueberläufer ist ihm ein Lump, charakteristisch dafür ist besonders die Schilderung eines höchst gewissenlosen Menschen, der bald als Trunkenbold, bald als Missionar, bald als Mädchenhändler geschildert wird. Dazu ist das Buch, von dem man nicht recht weiß, ob es von einem russischen Autor stammt, also ins Deutsche übersetzt oder Lriginaldeutsch geschrieben ist, in einer höchst verwahrlosten Sprache abgefaßt, auch die Ausstattung des Werkes ist höchst dürftig. Im ganzen eine durchaus unerfreuliche Erscheinung, charakteristisch nur dadurch, daß man daraus erkennt, wie die Orthodoxen selbst in ihren feuilletonistisch'en Arbeiten für ihren Standpunkt agitieren. Wieso das Werk zu seinem eigentümlichen Titel gekommen ist, in dein man eine Behandlung der Luftschiffahrt vermuten möchte, läßt sich nicht sagen. L- G. Sxrechsasl. lieber den Familiennamen Weill erlaube ich mir, ebenfalls eine Erklärung anzusühren, die allerdings nicht rnehr mehr und nicht tveniger als eine Vermutung sein soll. Möglicherweise ist Weil eine Metathesis von Lewi. Die verschiedene Schreibweise des Namens bald mit 2 l, bald mit h statt i, ja sogar mit h nach y dürste tvohl davon herrühren, daß die in einer und derselben Gemeinde diesen Namen tragenden Familien sich dadurch voneinander unterschieden, daß sie ihre Namen verschieden schrieben. Diese Bariierung war ganz besonders nötig, wenn auch die Bornamen zweier Häuser gleichlauteten. Ist diese Behauptung über die Etymologie von Weil richtig, dann darf die verschiedene Schreibweise nicht aussallen, da der Name Lewi ebenfalls unter den verschiedensten Formen erscheint: Levi, Levh, Lewy usw. Allerdings wäre dabei noch zu untersuchen, ob die Träger dieses Namens Weil als Lewijinr zur Thora ausgerusen werden. Uebrigens findet man hierzulande den Namen Weil nicht selten auch bei Christen, bei welchen aber der Name Levi auch vorkommt. B r u m a t h i. Elf. Dr. L e v y, Rabbiner.

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