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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-08-15 · Heft 33 (15.8.1913) · p. Seite 395

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 33 (15.8.1913)
Date
1913-08-15
Page
Seite 395 (sequence 11)
Language
German
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395 Deutschen Reich glücklicherweise nur selten Vorkommen. Denken Sie nur an Bestechung und Amtsmißbrauch." „Zugestanden, Herr Kreisrichter. Ein Strafgesetzbuch will aber vollständig sein, und Vollständigkeit war doch schwerlich die Absicht der alten Kaiser und der Konzilien, die die Mischehe untersagten. Die haben doch wohl einem recht häufigen Ereignis entgegentreten wollen." ' „Der Gesetzgeber will auch entfernte Gefahren verhüten, und die Kirche besonders hatte schon im Alten Testament das Vorbild, die Ehe mit Andersgläubigen als Anreiz zum Abfall von der wahren Religion zu verdammen." „In diesem Punkte will ich nicht mit dem Rechtshistoriker streiten. Aber aus der Gegenwart könnte ich Ihnen Dutzende von Beispielen ansühren, in denen jüdische Mädchen und Frauen, die weder gesungen noch auf der Bühne gemimt und gesprungen, von christlich-germanischen Jünglingen und Männern geliebt, gefeiert und gefreit worden sind." „Dutzende?" fragte der Freiherr befremdet. „Gewiß! Wohin Sie blicken, in den Gothaer, den Universitäts- und Justizkalender, unter Medizinern und Kaufleuten, unter deutschen Dichtern und Denkern, Gelehrten und Künstlern — überall finden wir Liebe und Ehe mit jüdischen Frauen." „Den Gothaer gebe ich Ihnen preis," sagte der Freiherr etwas kleinlaut. „Ich weiß es nur zu gut, daß so mancher Edelmann die vielverspottete Vergoldung des alten Wappenschildes mit dem hebräischen Metall nicht geschellt hat." „Ja, das geht bis in den hohen und höchsten Adel." „Aber bezüglich der Dichter und Denker habe ich doch meine Zweifel." „Die Sie leicht beseitigen können." „Da fällt mir gleich Schlegels Lucinde ein. Sie erinnern sich wohl der etwas schwülen Erzählung." „Allerdings." „Und wer war das Urbild, der Lucinde?" „Dorothea, die Tochter des jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn." „Aber das waren doch nur Liebschaften, Romane, vorübergehende flüchtige Verhältnisse, nicht staatlich und kirchlich sanktionierte Ehen." „Pardon. Bei Schlegel doch! Er hat die Geliebte schließlich zu seiner legitimen Gattin gemacht." „Ein Ausnahmefall." „Bewahre! Auch Varnhagen van Ense hat eine Jüdin, hat Rahel Levin heimgeführt. Mein Lieblingsdichter Theodor Fontane nennt die Zeit Friedrich Wilhelms III. sogar die eigentliche Zeit der jüdisch-christlichen Eheschließungen, von denen man nur deshalb jetzt so wenig weiß, weil alles, was derart vorkam, ganz natürlich gefunden und nicht als etwas Besonderes in die Herzen und in die Zeitungen eingetragen wurde." „Die Zeit Friedrich Wilhelms III. und die sriderizianische Epoche sind nicht mehr die unsrige; wir sind nationaler und unseres Deutschtums uns mehr bewußt geworden." „Der Zug des Herzens ist derselbe geblieben. Gustav Frey- - tag beispielsweise ist unser beider Zeitgenosse, und doch hat auch er in hohem Alter noch mit einer Israelitin sich vermählt." „Der Dichter Freytag, der den Juden doch so brav ausgespielt hat, und' eine geschiedene Jüdin! Freytag verschwägert und vervettert mit den Stammesgenossen eines Schmeye Tinkeles, eines Beitel Jtzig, eines Ehrental und Schmock! Begreif', wer's kann, sage ich mit Oberst Wrangel." „Das zu begreifen, scheint mir gar nicht so schwer. Man kann moralisch und — meinetwegen — ästhetisch über einzelne oder viele Juden entrüstet sein, man kann Schurken und Ungebildete dieser Nation oder Religion an den Prangers stellen und lächerlich machen, aber doch keinen Abscheu, sondern heiße Sehnsucht nach einer schönen Jüdin empfinden. Uebrigens hat Freytag in Soll und Haben ja selbst mit der Figur des Bernhard einen Beweis geliefert, daß er Juden und Juden wohl voneinander zu unterscheiden weiß. Auch anderwärts hat er manches Wort zu ihren Gunsten gesprochen." „Juden und Juden? Ich finde keinen Unterschied." „Und doch bringt, um mit Rosegger zu sprechen, „diese Rasse" so merkwürdige Gegensätze hervor. Sie hat der Menschheit ja den höchsten Fluch gebracht und auch den höchsten Segen." „Den höchsten Segen?" „Jawohl. Rosegger denkt dabei natürlich an den Heiland. Aber auch der Freigeist, der Pantheist sieht bewundernd gerade zu einem Juden auf." „Sie sprechen von Spinoza." „Gewiß! Gezeichnete doch unser Goethe noch in späteren Jahren jenen außerordentlichen Mann als denjenigen, der neben Linne und Shakespeare die größte Wirkung auf ihn ausgeübt hat. Er war sein Herr und Meister." „Allerdings." „Und wie der Pantheist seinen Spinoza feiert, so sieht der Sozialist zu seinem Marx und seinem Lassalle aus, die beide auch dem Judentum entstammen, und er sieht in ihnen — ganz im Gegensatz zu uns — der Menschheit größten Segen. „Leider, leider! * Doch Sie sind mit Ihrer Dichter- und Denkerliste gar schnell zum Ende gelangt. Schlegel, Varnhagen und Freytag sind immerhin nur drei und lange noch kein Dutzend."' „Gewiß! Aber ebenso gewiß nicht die einzigen. Ich habe mich ja auch nicht auf dieses „examen rigorosum" präpariert. Uebrigens fallen mir eben noch ein paar weitere Beispiele ein." „Und die wären?" „Zunächst der schwungvolle Georg Herwegh, der seine ausopferungswerte Emma Siegmund heimgeführt hat; sodann der schwermütige Lenau, der Sophie Loewenthal so unglücklich und freudig liebte." „Aber nicht freite." „Weil sie ihn nicht nahm. Aber wenn sie glückliche Paare wollen, so brauchen wir wiederum nur an die Familie Mendelssohn zu denken, insbesondere an den Maler Wilhelm Hensel, der mit Fanny vermählt war, und an seinen Schwager Dirichlet, der die Rebekka heiratete." „War nicht Dirichlet Mathematiker?" „Gewiß. Und das bringt mich auf seinen Fachgenossen Eduard Kummer, der Ottilie Hitzig zur Gattin hatte." „Seltsam, aber das Dutzend ist noch immer nicht voll." „Doch nähert sich's dem Ende; denn eben erinnere ich mich an den Sprachforscher Heyfe, dessen Ehe mit einer Jüdin unser beliebter Novellist Paul HeYse entsproß, entsinne mich auch noch des Schauspielers Devrient und seiner lieben Gattin Therese geborenen Schlesinger." „Hensel, Kummer, Devrient, Dirichlet waren keine Dichter." „Allerdings! Aber ich kenne sogar eine jüdische Greisin, der ein deutscher Dichter eines seiner herrlichsten Gedichte gewidmet hat." „Eine jüdische Greisin? Welcher Dichter?" „Graf Schack!" „Unmöglich! Schack, ein deutscher Edelmann und nicht nur der Abstammung nach." „Ganz meine Ansicht, und doch hat er eine greise Israelitin in seinem letzten Gedicht, einem wundervollen Sonett, verherrlicht." Ich habe es nur sehr bruchstücksweise in der Erinnerung. Gegen das Nachlassen des Gedächtnisses mit den Jahren hat unsere ärztliche Kunst noch kein Heilmittel gefunden."

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