Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1913)
- Date
- 1913-08-15
- Page
- Seite 394 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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394 Frage als dringend erscheinen: Gibt es eine Solidarität der Juden? Wenn ja, wie ist sie.beschaffen? Welches sind ihre Ursachen und Folgen? Die erste Frage kayn durch ein einziges Wort beantwortet werden, und dieses Wort spreche ich mit aller Wärme und Ueberzeugung aus: Jawohl! es gibt eine Solidarität der Juden. Wobei ich mich aber nicht genug beeilen kann, hinzuzufügen: Eine Solidarität nicht etwa im landläufigen, zu schweren Jrrtümern und Mißverständnissen führenden Sinn einer Politischen, nationalen oder gar internationalen .Organisation, sondern vielmehr, wenn man so sagen darf, unter der Schwelle des Bewußtseins lebend, jedenfalls aber ausschließlich in des Wortes rein ideellster Bedeutung. Daraus ergibt sich vor allem die Haltlosigkeit jener gleichfalls sehr verbreiteten Annahme, wonach die Solidarität der Juden eine Folge des Politischen und gesellschaftlichen Druckes ist, der auf ihnen lastet. Schon die Weltgeschichte lehrt das Gegenteil. Sie zeigt nämlich, wie oft gerade infolge des Druckes von außen der Gemeinsinn der Völker sehr stark leidet, wenn nicht in das Gegenteil, umschlägt. So z. B. hatten zur Zeit der Perserkriege gegen Griechenland Haß und Zwietracht der einander befehdenden griechischen Kleinstaaten gerade infolge des lang andauernden Kriegszustandes eine unerträgliche Steigerung erfahren. Sozusagen unter den Augen des Feindes zerfleischten sich Spartaner, Athener und Thebaner dermaßen, daß der Untergang des Reiches nur noch eine Frage der Zeit geworden war. Ebenso hat der von langer Hand vorbereitete feindliche Zug Karls des Großen nach Spanien die dort befindlichen arabischen Stämme untereinander gespalten, den Sturz des arabischen Kalifats und in letzter Folge die Austreibung der Mauren aus Spanien bewirkt. Auch das alte Reich Judäa war von Parteiungen zu keiner Zeit mehr zerklüftet, als von dem Tage an, da Rom seinen Fuß aus dessen Nacken setzte und ihn von dort nicht eher wegnahm, als bis Jerusalem gänzlich zermürbt war, was der Talmud ausdrücklich mit den Worten bestätigt: Infolge des grundlosen Hasses der Parteien ist Jerusalem untergegangen. Diese Beispiele, die durch viele andere aus der neueren Zeitgeschichte, auch der neuesten des Balkankrieges vermehrt werden könnten, beweisen zur Genüge, baß das Zusammengehörigkeitsbewußtsein einer Volksgemeinschaft zu den politischen und sozialen Verhältnissen, unter denen sie lebt, in einer sehr losen ursächlichen Beziehung steht. Gewiß, niemand wird bestreiten, daß die traurige Ausnahmestellung, in welche die Juden gebracht und mit allen Mitteln der List und Gewalt jahrhundertelang gehalten wurden, sie enger aneinander sich schließen ließ. Das sind jedoch bloß' Reflexbewegungen, worin die Reaktion jedes Körpers sich kundgibt, der einem stärkeren Druck ausgesetzt ist. Die Solidarität der Juden ist aber viel älter als der Druck, der auf ihnen lastet. Sie saugt ihre Kraft aus einer Wurzel, die ihre Fasern tief in das Erdreich hinabsenkt. Diese Wurzel ist die jüdische Religion, die ein Produkt, des jüdischen Volksgeistes ist. Gemeinsinn und Solidaritätsgefühl sind ein der jüdischen Religion, d. h. dem Judentum eingeborenes Attribut, das ihm gleichsam als Geschenk in die Wiege gelegt worden war. . Das Wort „Wiege" legt es nahe, von der Geburt selbst zu sprechen. Wie ist denn das Judentum in die Welt getreten? In seinen Neisebildern sagt Heine einmal: Das Judentum ist keine Religion, es ist ein Unglück. Es soll hier nicht untersucht werden, was in diesem Ausspruch Wahrheit und was auf Rechnung der Satire zu stellen ist. Bei Heine läßt sich das niemals genau abwägen, schon gar nicht, wenn er auf das Judentum zu sprechen kommt, dessen Wesen in seiner ganzen Tiefe zu erfassender sich wohl kaum angelegen sein ließ. Dem mit der Religionsgeschichte des Judentums nur einigermaßen Vertrauten aber sage ich nichts Neues, wenn ich die Behauptung aufstelle: Bei seiner Geburt mindestens war das Judentum entschieden von Glück begünstigt. Es ist unter viel glücklicheren Auspizien in Erscheinung 'getreten als alle anderen Religionen. Nicht durch Schwert und Feuer, nicht in Strömen unschuldig vergossenen Blutes, sondern auf Grund freiwilliger Verpflichtung in der Form eines Bundes geschlossen zwischen Gott und Israel. An dieser Bundesschließung hatten alle teilgenommen, das ganze Volk mit allen Männern, Kindern, Weibern, Fremdlingen, vom Holzhauer bis zum Wasserträger. Schon durch diese äußere Form, die hier zugleich einen Teil des Wesens bildet, gibt sich das Judentum als ein vorzugsweise soziales Gebilde zu erkennen oder als eine religiös-sittliche Gesellschaft vor Gott; die Zweck und Bestimmung in sich selbst trägt. Wie in einer geschlossenen Gesellschaft, die auf einen guten Ruf Wert legt, jeder einzelne für das tadellose Verhalten der anderen Mitglieder moralisch mitverantwortlich ist, so oder ähnlich wird man sich jene Vereinigung am Sinai denken müssen, die in der freien Absicht geschaffen ward, in gemeinsamer, sittlicher Verpflichtung den Willen Gottes auf Erden zu erfüllen.' (Schluß foiQt.), Der Intilemit. Roman von E r n st Theodor I u st i. VII. nicht so ganz, wenn man sich des Keimes jener Sympathie erinnert, auf den der Dichter selbst hinweist." „Und der wäre?" „Die Freundlichkeit, die ein Jude ihm dereinst als Knabe erwiesen hat." „Also nur Dankbarkeit." „Allerdings; aber ob aus Dank oder einem anderen Motiv, er bekennt sich doch aus freien Stücken zu jener Zuneigung und nicht zu Ihrem Abscheu. Doch lassen wir Storms Sympathie aus sich beruhen? Weit wichtiger ist etwas anderes, gewissermaßen das experimentuin erueis." „Sie meinen?" „Je nun, wie steht es mit dem §6nus femininum"? Ist Ihnen der häßlichste Germane auch lieber als das schönste jüdische Mädchen?" „Auf diesem Gebiete habe ich zuwenig Erfahrung", antwortete der Freiherr nach einer kleinen Pause. „Ich, um so mehr", lachte der Oberstabsarzt. „Meine erste Angebetete war eine jüdische Opernsängerin. Und ist es mir allein so gegangen? Wie haben unsere Brüder für die kleine Lucca geschwärmt! Hat sich doch der große Bismarck selbst mit ihr zusammen photographieren lassen." „Ah, das war ein Scherz, ein zufälliges Zusammentreffen." „Mag sein, aber sicher doch kein Zeichen des Abscheus. Uebrigens hat sie zweimal einen christlichen Edelmann geheiratet, zuerst den Baron Rahden und dann den Freiherrn v. Wallhosen." , „Sie greisen da ein paar Ausnahmesälle heraus, und in denen handelte es sich um gottbegnadete Künstlerinnen. Die Macht der Töne vermag viel, und auch die Macht der Lampen vor den Brettern ist nicht zu unterschätzen. Aber an sich —" „An sich," siel der Oberstabsarzt ein, „ist der Abscheu sicher nicht die Allgemeinempfindung der Christen gegen die Jüdinnen gewesen, sonst hätten sich Staat und Kirche die wiederholten Verbote gegen die gemischten Ehen ersparen können." „Aus dem Verbot einer Handlung läßt sich die große Neigung zu ihrer Begehung noch nicht ohne weiteres folgern. Unser Strafgesetzbuch bedroht auch etliche Verbrechen, die im