Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1913)
- Date
- 1913-08-15
- Page
- Seite 393 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Da mochte Wohl im Heere und im Volke die bange Sorge herrschen, wer die Führerschaft übernehmen, ob Simon sich unter diesen Umständen entschließen, würde, an die Spitze zu treten. In jenen bangen Tagen nun war es, daß ein Sänger und Dichter, diesen Wunsch und diese Forderung des Volkes und des Heeres als den Willen des E w i g e n in unserem Psalm Zum Ausdruck brachte.. Und wie aus 1. Mäkk. 13,. 1—6 zu ersehen ist, hat Simon in der Volksversammlung in Jerusalem erklärt: „Fern sei es von mir, mein Leben zu schonen in jeder Zeit der Gefahr; denn ich bin nicht besser als meine Brüder, sondern ich will rächen mein Volk und die Heiligtümer und unsere Frauen und die Kinder, weil alle V ö l k e r sich zusammengetan, um uns auszurotten." Daraus übernahm er unter dem Jubel des Volkes das Führeramt, und es gelang ihm, die Unabhängigkeit Judäas vom Joche der Heiden zu erringen, die Burg in Jerusalem von den Feinden zu befreien, die Ruhe und die Sicherheit, wieder herzustellen und den Wohlstand zu mehren. Dafür lohnte ihn die Liebe und Verehrung seines Volkes, welches-ihn in der-Würde des Hohenpriesters und des Volksfü'r sie n bestätigte und sie als erblich in seiner Familie erklärte. So wurde Simon der Makkabäer gewissermaßen das, was einst Malkizedek bei den Heiden gewesen ist. Wie ich aus H. L. Stracks^ „Einleitung in das Alte Testament", S. 127, ersehe, ist F. Bäthgen der einzige Forscher, welcher den Psalm 110 als wahrscheinlich makkaväisch bezeichnet. Näheres darüber ist mir nicht bekannt, weil ich das bezügliche Werk nicht besitze. Aber noch bevor ich wußte, daß schon Bäthgen daran gedacht hat, bin ich zu einer sicheren Meinung über diesen Psalm gelangt, wie ich sie oben ausgeführt habe. „Ullk Ilraeliten lind Lürsm einer kür den anderen." Sifra ed. Weiß zu 3. Buch Moses, Kap. XXVI, Vers 37. Eine Studie von Dr. Armin Abeles, Wien, on dem bekannten Heineforscher und Literarhistoriker Gustav Karpeles hörte ich gelegentlich das Wort: die Juden haben die Tugenden ihrer Fehler, das eine Variante des von der Stael herrührenden Ausspruchs darstellt: Les qualitds de ses delauts. Die Wahrheit, die in jenem Wort' unstreitig enthalten ist, wird keine Einbuße erfahren, wenn man eine kleine Aenderung daran vornimmt und sagt: Es ist das Schicksal der Juden, daß selbst solche Eigenschaften, die zu allen Zeiten und allerorten als notorische Tugenden angesehen wurden, sobald sie den Juden anhaften, als Fehler, ja sogar als schwerwiegende Laster ausgegeven werden. Die Probe auf die Richtigkeit dieser Behauptung kann man leicht machen, wenn man den Begriff, dessen Darstellung die in der Ueberschrift dieser Abhandlung enthaltenen Worte dienen, einer genaueren Prüfung unterzieht: die vielgerühmte und vielgelästerte Solidarität der Juden. Es gibt wohl keinen, auch nur halbwegs gebildeten Menschen, der im Zweifel darüber wäre, daß die. Solidarität, d. i. sittliche und gegebenenfalls auch materielle Gemeinbürgschast, zu den kostbarsten Gütern der Menschheit gehört, wenn nicht ihr allerkostbarstes ist. Sie wird deshalb von den größten Denkern, Kant inbegriffen, in allen Tonarten der Logik und Dialektik gepriesen und als dasjenige bezeichnet, wodurch der Vorzug des Menschen vor dem Tier, prägnanter ausgedrückt die Gottesebenbildlichkeit des'ersteren, am glänzendsten in Erscheinung tritt. Auch das Tier vereinigt sich triebsmäßig zu Haufen und Herden mit den gleichartigen seiner' Spezies; zur .Solidarität aber; d. i. einer bewußten, in freier Absicht geschaffenen Vereinigung, die Zweck und Bestimmung in sich felbst trägt, bringt es einzig und allein der Mensch. Was dort als Produkt blinder Naturkräste erscheint, ist hier bewußte, sichselbst vollendende Arbeit. Solidarität der Menschen, d. i. ihre gemeinsame, auf freier Absicht beruhende, sittliche Haftung und Verpflichtung, rst sonach der stärkste Exponent der sittlichen Freiheit oder, mit Kant zu sprechen, das einzig mögliche. Mittel zur Erreichung der höchsten und heiligsten sittlichen Zwecke, der freien Entwicklung der Gattung zur Menschheit^). Welche Ironie, welche Tücke des Schicksals, daß dieses herrliche Diadem der.Menschheit den Juden zur Dornenkrone geworden ist. Denn der eigentliche Kern all der Anklagen und Vorwürfe, die seit Jahrtausenden gegen Juden und Judentum erhoben werden, liegt in der irrtümlichen Vorstellung und mißverständlichen Auffassung beschlossen, die von der So-, lidarität der Juden gehegt werden. Im ganzen Mittelälter, das für die Juden bekanntlich bis tief in das 18. Jahrhundert reicht und in manchen Ländern heute noch besteht, wurden die jüdischen Gemeinden für die angeblichen oder wirklichen. Verfehlungen einzelner ihrer Gemeindemitglieder haftbar gemacht. Die Beraubung, Vertreibung und Tötung ganzer Gemeinden für die Vergehungen einzelner ward zu einer Rechtsinstitution erhoben. Man sagte, da die Juden sich solidarisch fühlen, so sollen sie auch den Fürsten und Behörden gegenüber als Einheit angesehen werden, und nur der Bestechung der Behörden, die in den Finanzen der jüdischen Gemeinden des Mittelalters als eine stehende Post erscheint, gelang es in manchen Fällen, solche Argumentation außer Kraft zu setzen. Eine Unzahl in bestialischer Weise zerstörter Synagogen und Friedhöfe, rauchende Scheiterhaufen, aus welchen die kostbarsten Bibel- und Talmudexemplare verbrannt wurden, die grauenerregenden Werkzeuge dunkler Folterkammern, Tod und Verderben von Tausenden und Abertausenden sind die doeuments Iruinaivs, die das Gesagte zur Gewißheit eines unanfechtbaren Tatbestandes erheben. Doch wozu im Dunkel des Mittelalters tasten, wir leben im grellen Licht der Neuzeit. Sind wir nicht Augen- und Ohrenzeugen, wie auch im heutigen Europa durch die Verurteilung eines einzelnen aus der Mitte der Judenheit diese als Ganzes getroffen.werden soll. Man nehme doch die erste beste einer gewissen Sorte von Zeitungen in die Hand. Die Juden sind dies und das, die Juden halten zusammen, der heilige Bund Israels, die jüdische Internationale, das solidarische Judentum, diese oder ähnliche Redewendungen bilden den Refrain jenes Hochgesanges, womit der edelste Gedanke des Menschengeschlechts, die Solidarität, von den Pionieren der ■ modernen Kultur, den Männern der Presse besungen wird. Indes nicht nur von Demagogie und Volksbetörung das Leben fristende Zeitungen, selbst Männer wie Wundt, Paulsen, Wellhausen, anerkannte und allbekannte Gelehrte, die in ihren Forschungen auf dem Standpunkt „voraussetzungsloser Wissenschaft" zu stehen vorgeben, tragen kein Bedenken, vom Judentum als einer internationalen Gemeinschaft zu sprechen. Wie das aber gemeint' ist und welche Vorstellungen darüber in den gebildeten Kreisen herrschen, dafür vermag ich aus eigener Erfahrung ein Beispiel zu setzen. An emer Unterrichtsanstalt, wo ich vor Jahren den Religionsunterricht zu erteilen hatte, fragte mich eines Tages ein Mitglied des Lehrerkollegiums: Sagen Sie mal, Herr Kollege, was ist es denn eigentlich mit dieser Alliance Jsraelite Universelle? Ist das eine Versicherungsgesellschaft? Der Herr Kollege dachte offenbar an die den gleichen Namen führende Lebensversicherungsgesellschaft „Alliance" und nahm an, daß die Juden in Wien oder in ganz Oesterreich in einer derartigen Vereinigung organisiert seien, woraus ihnen jedenfalls materielle Vorteile erwachsen. All diese; betrübenden Erscheinungen lassen die Beantwortung der *) Vgl. Steinheim: „Die Glaubenslehre der Synagoge". S. 273 ss.