Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1913)
- Date
- 1913-08-15
- Page
- Seite 391 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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391 sichtlichkeit erschwere und mißverständliche Aufassungen begünstige. Allgemein' wird betont, daß dieser Entwurf noch keine genügende Grundlage für den Unterricht bilde, sondern eine sorgfältige Ausarbeitung erheische. ' Sachlich lobt Dr. Eschelbacher die Beschränkung des hebräische^ Lehrstoffes aus das Notwendigste. Für den systematischen Religionsunterricht empfiehlt er anstatt der dem Dr. Coblenzschen Lehrbuch entlehnten Einteilung den Lehrgang im Buche von Dr. F. Feilchenseld (herausgegeben von Dr. Freund). Dem stimmt Dr. Levi zu, der ferner das Pensum der biblischen Geschichte besonders flüchtig bearbeitet findet. Dr. Samuel lobt die Aufnahme der nachbiblischen Geschichte, mit Berücksichtigung der lokalen und provinziellen. Nichtig sei es, daß unsere Jugend nur schwer mit dem Geiste der talmudischen Zeit oder der Epoche des Schulchan aruch vertraut gemacht werden könne. Ein fester, religiöser Standpunkt erleichtere dem Lehrer diese Aufgabe, und fei unerläßlich zur Fruchtbarmachung für die Gegenwart. Alle Geschichte aber habe nur so viel Wert, als Gegenwart und Zukunft in ihr ruhen und aus ihr herausgearbeitet werden können. Diese Anregungen werden Dr. Rosenthal und Dr. Levi, der an Stelle von Dr. Bäck in die Schulkommission des Provinzialverbandes gewählt wird, als Material überwiesen, lieber die Einsetzung einer Prüfungskommission für Volksschullehrerinnen zur Abnahme einer Prüfung für den Religionsunterricht referieren Dr. R o s e n t h a l und Dr. N e u m a r k. Der erstere legt dar, daß die jüdischen Lehrerinnen keine Gelegenheit hätten, sich in sachlicher und methodischer Hinsicht für dieses wichtige Lehrfach vorzubereiten. Er sei zur Selbsthilfe geschritten, indem, er in Köln solchen Unterricht erteile; es fehle aber an einer öffentlichen Anerkennung durch eine vor einer staatlichen Behörde abzulegende Prüfung. In ähnlicher Weise äußert sich Tr. Nenmnrk. Es wird beschlossen, durch eine Kommission von drei Mitgliedern Lehrplan, Lehrziele und Prüfungsordnung für jüdische Vvlksschullehreriunen ausarbeiten und solche nach Annahme durch.den Verband an das Provinzialschulkollegium der Rheinprovinz gelangen zu lassen, mit dem Ersuchen um Bildung einer Prüfungsbehörde. In die Kommission werden berufen Dr. Jakob, Dr. Neumark, Dr. Rosenthal. Ein weiteres Referat: „Die jüdische Schuljugend und die jüdischen Feste", behandelt Dr. Norden flüchtig, weil die Zeit vorgerückt ist, an der Hand eines Zirkulars, welches die Gemeinde Elberfeld in jener Angelegenheit an ihre Mitglieder erlassen. Um eine einheitliche Regelung der Schulverhältnisse zu erzielen, haben sich die Eltern sämtlicher, die höheren Schulen in Elberfeld besuchenden Kinder dahin geeinigt, diese an folgenden sechs Tagen vom Unterrichte fernzuhälten und an den Festgottesdiensten teilnehmen zu lassen: 1. Pessach, 1. Schowuauß, 1. und 2. Tag Roschhaschono, Jomkippur, 1. Succoth. Der gute'Eindruck gegenüber den Schulbehörden und der günstige Einfluß auf die Jugend feien unverkennbar. Dr. Norden ist aus Wunsch der Versammlung bereit, allen Mitgliedern das erwähnte Zirkular zugänglich zu machen. Mit dem vielfach geäußerten Wunsche einer zweiten Tagung im Winterhalbjahr und Dankesworten an Dr. Norden schließen die Verhandlungen um 6)4 Uhr. Gents Lmpkrhlmrs eines jüdischen lönnkiers und andere Iudsiira. Von L u d w i g G e i g e r. riedrich v. Gentz, der berühmte Publizist, gewiß einer der hervorragendsten politischen Schriftsteller Deutschlands, von dessen Beziehung zu Juden bei anderer Gelegenheit in diesen Blättern gehandelt wurde, stand, wie schon damals gezeigt worden ist, mit mehreren Juden im engen Verkehr. In seinen äußerst reichhaltigen Tagebüchern (herausgegeben aus dem Nachlasse Varnhagen v. Enses, vier Bände, Leipzig 1873, deren Benutzung durch den Mangel jeglichen Registers sehr erschwert wird), spricht er namentlich während seiner Wiener Zeit von seiner Verbindung mit dem Wiener Rothschild, durch den er dessen Familie und seine Brüder, die in den übrigen Hauptstädten Europas die Finanzmacht repräsentierten, kennen lernte, nennt ihn brav, bezeichnet ihn geradezu als „seinen Freund", notiert unzählige Male seinen Besuch und nicht selten auch die Gelder, die er durch ihn erhalten hall Auch mit den übrigen Wiener jüdischen oder aus dem Judentum stammenden Finanziers stand der ewig geldbedürstige Diplomat, der sich seine Geheimnisse gut bezahlen ließ und ebenso sein Eintreten für die großen Finanzleute gewiß nicht umsonst preisgab (Zuweisung von Geschäften, Beschaffung von Titeln und Orden), in mannigfacher Verbindung. Nachrichten darüber, wobei die Namen Eskeles, Arnstein und andere figurieren, finden sich in den Tagebüchern häufig. Zu diesen Wiener Finanziers gehört auch der wahrscheinlich (bestimmt kann ich es freilich nicht behaupten) dem Judentum entstammende Leopold Nikolaus Edler v. Herz. Am 16. Oktober 1813 empfiehlt Gentz^) den Genannten seinem Gönner, dem Fürsten Metternich, vermutlich zur Beteiligung an den großen österreichischen Finanzgeschäften. Gentz beginnt damit zu sagen: „ich habe mit diesem Manne nie in einer näheren Verbindung gestanden und nicht das geringste Motiv, für ihn zu sprechen." Er glaubt aber eine Berücksichtigung deswegen empfehlen zu dürfen, 1. weil die vier Häuser, die bisher ausschließlich von der Regierung herangezogen worden waren: Arnstein u. Eskeles, Fries u. Co., Geymüller, Steiner, kein ausschließliches Privilegium haben, 2. weil Herz der liberalste aller Wiener Bankiers sei, dem es mehr um Ehre als um Gewinn zu tun sei, und 3., weil er der beweglichste und gewandteste aller dieser Menschen sei. Denn während jene ungern reisten und durch ihre etwaigen Reisen mehr Schaden als Nutzen stifteten, „würde er jede Reise unternehmen, die man ihm austragen möchte, und die ihm anvertrauten Geschäfte mit guter Art und Geschicklichkeit treiben". Ob dieses Schreiben irgendwelchen Erfolg gehabt hat, ist mir nicht bekannt. Daß Gentz auch diese Sache nicht nur zum Nutzen des österreichischen Staates betrieb, sondern zur Förderung seiner eigenen Verhältnisse, ist wohl anzunehmen. Jedenfalls stand Gentz später mit dem genannten Herz in sehr reger Verbindung. Dies geht nus vielen Stellen des Tagebuchs hervor, z. B. II S. 399 sf., III S. 10, 11, 78, 266, 318, 327, 372, 377. Man erkennt daraus, daß Gentz sowohl häufig den Besuch des genannten Bankiers erhielt, als daß er mehrfach sein Gast war. Am 23. Januar 1828 notierte Gentz, daß er den Besuch des Sohnes jenes Bankiers erhalten und über den Tod seines Vaters ein trauriges Gespräch mit ihm geführt habe. - Bei dieser Gelegenheit mag noch aus eine sehr wichtige Verbindung hingewiesen werden. Es ist bekannt, daß Gentz den Schriftsteller Ludwig Börne, so bedenklich, ja verächtlich ihm dessen politische Ansichten auch sein mußten, wegen seines glänzenden Stils schätzte. Und man hat auch vielfach behauptet, daß er an dem Plane, von Börnes Vater, dem alten Jakob Baruch in Frankfurt a. M., beteiligt war, Börne nach Wien zu ziehen. Aus den Briefen Börnes an Jeanette Wohl, 1821 und 1822 (Historisch-kritische Ausgabe Bd. 9, aus die ich in diesen Blättern bereits einmal hingewiesen habe), ist ersichtlich, daß der Vater diese Angelegenheit eifrig betrieb, daß Börne aber diese Anerbietungen nach einigem Schwanken energisch ablehnte. Seine Ablehnung wurde nicht etwa hervorgerufen dadurch, daß er die Versuchung scheute, nicht dadurch, daß er befürchtete, wie eben jener Gentz oder Adam v. Müller oder Friedrich v. Schlegel, sich erkaufen lassen zu können und aus einem Verteidiger liberaler Ideen, aus einem Angreifer Oesterreichs zu einem Verfechter konservativer Anschauung und Lobredner des habsburgischen Systems zu werden. Er traute sich vielmehr' Charakterstärke genug zu, um *) Briefe von und an Friedrich v. Gentz. Auf Veranlassung und mit Unterstützung der Wedekind-Stistung zu Göttingen herausgegeben von Friedrich Carl Wittichen f und Ernst Salzer. 3. Bd., Schriftwechsel mit Metternich. Erster Teil: 1803—1819. München und Berlin, Druck und Verlag von R. Oldenbourg. 1913. XIII. und 483 S.