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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-08-15 · Heft 33 (15.8.1913) · p. Seite 387

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 33 (15.8.1913)
Date
1913-08-15
Page
Seite 387 (sequence 3)
Language
German
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387 Gemeindebundes den Antrag gestellt, die Frage der Errichtung jüdischer V o l k s s ch u l e n i n d e n G r o ß g e m e i n d e n auf die Tagesordnungdes n ä ch st e n Gemeindet a g e s zu setzen. In einer auf der jüngsten Tagung in Essen gefaßten Resolution sprechen sich die A u s s ch ü s s e der beiden Provinzialverbände für die konfessionelle jüdische Volksschule unter den gegenwärtigen Verhältnissen aus, erklären sich aber im Prinzip für die allgemeine Volksschule. Welche Stellung der Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes zu diesem Anträge einnehmen wird, entzieht sich einstweilen der Kenntnis. Eine Entschließung wird, da die meisten Ausschußmitglieder noch in den Sommerferien weilen, wohl erst zu einem späteren Zeitpunkt getroffen werden können. Es dürfte zu diesem Behufe eine besondere Ausschußsitzung bald nach den Ferien einberufen werden. — Die Herren in Rheinland- Westfalen, die jenen Beschluß gefaßt haben, werden sich doch nicht im Ernste der Erwartung hingeben, daß die Großgemeinden ihre Schulpolitik nach den Richtlinien einrichten werden, die ihre Beschlüsse aufstellen. Ueber den einzigen Effekt, den ihre Beschlüsse, falls eine Majorifierung der Großgemeinden auf dem Gemeindetage von Erfolg sein sollte, haben könnten, dürften sie wohl nicht im unklaren sein. Es liegt nähe, daß dann der Gemeindebund selbst auf das äußerste gefährdet würde. Es wird nötig sein, daß sich alle wahren Freunde der Erhaltung des Gemeindebundes zur Abwehr der ernsten Gefahr, die um eines platonischen Erfolges wegen heraüfbeschworen wird, zusammenschließen. * In einer Berliner Zeitung stand kürzlich folgendes Stellengesuch: „Dr. Phil, sucht Stelle als Privatfekretär oder ähnl. Geht auch als Chauffeur. „Dr. Phil.", Postamt 5, Grunewald- Straße." Dieses Inserat gibt der „Magdeburgischen Zeitung" Anlaß zu nachstehenden Betrachtungen, die auch jüdische Leser interessieren dürften. Auch das ist ein Bild aus der Reichshauptstadt. Es ist nur ein besonders krasser Refrain zu dem alten Liede von dem geistigen Proletariat, das durch lleberangebvt entsteht und sich in der Großstadt sammelt. Eine persönlich und nationalökonomisch sehr traurige Sache, der man nur durch Aufklärung einigermaßen abzuhelfen hoffen kann. Nur soll man den Leuten nicht Vorwürfe machen. Wer kann denn fngcn, daß gerade sie aus materiellen Absichten studiert haben, das Gegenteil wird häufiger sein: und wer hat den Mut, Eltern den Ehrgeiz zu verargen, aus ihrem Sohn möglichst viel — eben nicht nur im materiellen Sinne — zu machen; wer möchte den Optimismus junger Menschen lieber gänzlich austreiben, die immer wieder, für sich auf ein Gelingen des Vabanquespiels hoffen, das das akademische Studium für viele ist? Es kann die Versorgung auch dem Tüchtigen mißlingen, und die Sache liegt eben deshalb um so schwieriger und trauriger, als die geistigen Proletarier keineswegs einfach die Unbrauchbaren sind! Abraten soll man, aber nicht im strafenden Tone des vielleicht von geistigen Bedürfnissen nicht beschwerten Gutsituierten, der „jenen Hochmut nie besessen". Es gibt Beispiele von wohlhabenden, ja reichen Leuten, die selber nichts gelernt hatten und nun auch ihren Sohn nichts lernen ließen mit der Begründung, das geistige Proletariat sei schon groß genug! Das ist es freilich, und der schnöde Witz ist traurig, aber nicht schlecht, der erzählt, wie ein Geschäftsunternehmen in feinen: Budget noch einen Posten für monatlich 60 Mark zu stehen hat, und daß der Prokurist dafür die Anstellung eines Schreibers empfiehlt,' worauf der Chef antwortet: „Dafür bekommen wir doch keinen Schreiber, dafür bekommen wir höchstens einen Akademiker!" — Wie ist so etwas aber möglich? Wie kann es zu einer solchen ökonomischen Paradoxie kommen, daß Leute, die jahrelang besonders viel gekostet haben, ehe sie überhaupt etwas verdienten — um nur dies hervorzuheben und von allen schwierigen, im allgemeinen wohl noch nicht richtig beurteilten Fragen der Brauchbarkeit jener Kreise für praktische Berufe abzusehen — daß also diese Leute ökonomisch um so niedriger bewertet werden? Durch die Ueberfüllung allein erklärt sich das sicherlich nicht; eher eben dadurch, daß die Akademiker so spät gewöhnt werden, für ihre Tätigkeit materielle Entlohnung zu finden. Daß gibt ihnen vielfach, natürlich mit Ausnahmen, dauernd einen Nachteil bei der Geltendmachung materieller Interessen im Vergleich mit jungen Leuten, die wie Wedekinds Kammersänger sich von jeher geschämt hätten, irgendeine Arbeit ohne Bezahlung zu leisten, vielleicht weil sie auf keine andere Weise ein Wertgefühl von ihrer Arbeit erlangel: konnten. Man klagt in den Kreisen der Geistesarbeiter häufig über unsere „kapitalistische Unkultur", die sie ausbeute und knechte. In der Tat wird heute ja im breitesten Maße ein Handel mit fremder geistiger Arbeit getrieben, wie mit irgendeinem beliebigen Handelsprodukt; und wer darüber klagt und knirscht, auch wenn es ihn gar llicht selber betrifft, braucht noch lange kein Feind des Kapitalismus überhaupt zu sein. Aber ob mit diesen wenig erfreulichen Verhältrüssen unserer heutigen Zivilisation die Erscheinung des akademischen Proletariats so viel zu tun hat, erscheint fraglich (die Erklärung aus dem „Kapitalismus" überhaupt sagt gar nichts und weist ja auch keinen gangbaren Weg der Abhilfe); denn Fälle, wie der, der den Anlaß zu diesen Bemerkungen gab, sind ja nicht Fälle von Ausbeutung, sondern von Brotlosigkeit. Die einzige denkbare Abhilfe, wie es fast scheint, liegt in einer Ausdehnung der staatlichen sozialen Fürsorge auch auf andere Kreise, als denen sie bisher ziemlich ausschließlich zuteil wurde. Diese Erweiterung ist ja ein Gedanke, der bei der Angestelltenversicherung zun: erstenmal praktisch wurde. In dieser Richtung — das wird noch Schwierigkeiten genug nmchen — wäre vielleicht etwas zu erreichen. Ob eine Organisation der Akademiker, die auf immer breitere Grundlagen zu stellen feit einiger Zeit Bemühungen im Gange sind, Aussicht auf Erfolg böte? Auf das Beispiel des handarbeitenden Proletariats kann man sich hier nicht berufen, die Verhältnisse sind zu verschieden. i# . Die Antisemiten in Galizien fetzen alle Hebel in Bewegung, um in diesem österreichischen Kronlande einen allgemeinen wirtschaftlichen Boykott gegen die jüdische Bevölkerung nach russisch-polnischem Muster zu organisieren. Ein Teil des niederen katholischen Klerus unterstützt die galizischen Judenfeinde in diesen Bemühungen und hetzt die Landbevölkerung andauernd gegen die Juden auf. Dieser Tage erschien eine polnische Broschüre, in der die Boykottpropaganda unverhüllt betrieben wird. Es wird darin u. a. ausgeführt, die Teilung Polens sei von vier Mächten vollzogen worden: von Rußland, Preußen, Oesterreich und — dem Judentum. Die Juden werden als die historischen Erbfeinde des polnischen Volkstums bezeichnet, und das polnische Volk wird aufgefvrdert, sich dieser inneren Feinde in der Weife zu entledigen, daß es alle geschäftlichen und wirtschaftlichen Beziehungen zu den Juden abbricht und diese dadurch zur Massenauswanderung zwingt. Dieses „Schutzmittel" sei durchaus gerechtfertigt und legal. — Die Broschüre wurde in einer Massenauflage hergestellt und durch antisemitische Agitatoren im ganzen Lande verbreitet. * Aus Jerusalem wird der „R. I. K." geschrieben: In den jüngsten Tagen sind hier wieder aus dem Jemen traurige Nachrichten über die Drangsalierung der dortigen Juden eingetrofsen. Da der an dem Schwager des Chachambaschi (Oberrabbiners) von Sanaa vor einigen Monaten verübte Mord ungesühnt blieb, wurde jetzt in der Gegend von Menaska ein Jude in noch grausamerer Weise umgebracht. Den: jungen Schalon: Jlkasar wurde nämlich auf den: Wege nufgelauert, und er wurde, als er ahnungslos vorbeikam, ergriffen und lebendig begraben. Diese beiden Mordtaten, die an Angehörigen der angesehensten jüdischen Familien verübt wurden, haben alle Juden des Jemen in tiefste Trauer und Bestürzung versetzte Die unerträglichen Bedrückungen, die die Juden seitens des Imam Jachja zu erleiden haben, halten an, ohne daß der türkische Mali es wagt, gegen den übermächtigen Imam einzuschreiten. Vor kurzem verklagte ein Jude einige Araber, die ihn ohne Grund mißhandelt hatten, beim Gerichtshof in Sanaa. Aber weder die jüdischen noch die türkischen Zeugen, die er stellte, wurden zur Zeugenschast zugelassen und so blieben die Uebeltäter wieder unbestraft. Ein Aries aus den: Jemen, der alle diesen Klagen vorbringt und in der Jerusalemer Zeitung „Hacheruth" veröffentlicht war, schließt mit der Bitte, die Juden in Jerusalem möchten dm Chachambaschi in Konstantinopel

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