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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-08-15 · Heft 33 (15.8.1913) · p. Seite 386

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 33 (15.8.1913)
Date
1913-08-15
Page
Seite 386 (sequence 2)
Language
German
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386 sind eins. Sind wir ideal interessiert, sind wir auch religiös; steht uns die religiös-sittliche Kultur höher als die allgemeine, ist uns auch das Judentum mehr als die Umwelt. Und das ist die Rettung. Meinethalben zwei Sekten, aber beide Judentum, in beiden Lagern volles, begeistertes Judentum. Mich plagt die Sorge um unsere Einheit nicht; so oft wir sie wirklich brauchen werden, wird sie auch da sein. Wenn es uns nur gelingt, die indifferenten Juden zu liberalen Juden zu machen, die auch die Pflichten des liberalen Judentums mit übernehmen und nicht erlahmen, wir siegen: Gutta cavat lapidem: „Tropfen auf Tropfen höhlt den Stein." Und fo hat es auch fchon Rabbi Akiba, des Judentums großer Märtyrer gesagt: „Wenn der weiche Wassertropfen fähig ist, den harten Stein auszuhöhlen, werden auch die Worte der Thora unsere Herzen sich wieder gefügig machen" (Ab. di R. N. VI). Dir Woche. Berlin, 12. August 1913. er in Bukarest nun zustande gekommene Friede schließt eine zehnmonatige Kriegsperiode ab, eine Periode blutigen Kämpfens und Ringens, das schließlich zu einem Kampfe „aller gegen alle" ausgeartet war und auch das übrige Europa dauernd in Atem und Sorge erhielt. Das alte biblische Wort: „Hochmut kommt vor dem Fall", hat sich fo recht an Bulgarien bewährt, das von allen Seiten verlassen, militärisch und wirtschaftlich erschöpft, des mühsam eroberten Adrianopel wieder verlustig, im Bukarester Frieden Bedingungen eingehen mußte, die eine starke Verkürzung seines Siegespreises bedeuten. „Man müßte", so schreibt das „B. T.", „dieses zähe und starke Volk im tiefen Fall all feiner Hoffnungen bedauern. Aber das Mitgefühl mit ihrem Geschick wird durch die Erinnerung an das erstickt, was sie und ihre einstigen Verbündeten „im Namen des Kreuzes" an Jammer, Blut und Elend durch Thrazien und Mazedonien getragen haben. Das Mitleid in diesem Kriege ist nur auf seiten der unschuldig Verfolgten, dieser jämmerlich abgeschlachteten.und mit -viehischer Roheit in langen Monaten gequälten Bevölkerung der Städte und Dörfer, auf der Seite dieser armen anatolischen Soldaten, die stumpf und ergeben, von ihren Familien losgerissen wurden und nun als Gefangene in irgendeinem Winkel des Balkan mitten zwischen erbarmungslosen Feinden vegetieren." Immerhin ist der zweite Balkankrieg zu seinem Abschluß gekommen. Aber es ist kein befreiendes Aufatmen, das das Wort Frieden unter den Völkern auslöst. Denn trotz des Bukarester Friedensdokumentes liegen die Gefahren und Konfliktsmögligchkeiten der neuen Balkankonstellation zu offen zutage, als daß man hoffen könnte, aus jener Wetterecke Europas werde auf lange Zeit hinaus kein unheilschwangeres Gewitter mehr aufsteigen. Nur die völlige wirtschaftliche Erschöpfung der Balkanstaaten gibt für einige Zeit die Gewähr, daß das Morden und die Greuel einen vorläufigen Abschluß gefunden haben. Ein Moment der Unsicherheit bleibt schon durch die Tatsache erhalten, daß die Großmächte auf die eine oder andere Weise ' den Bukarester Friedensvertrag revidieren werden. Wenn man auch keine großen Aenderungen mehr vornehmen wird, so wird Bulgarien doch alle Hebel in Bewegung setzen, noch einige Vorteile sür sich herauszuschlagen. Die Eifersucht der Großmächte kann bei einer solchen „Revision" zu ernsten Konflikten führen. Eine ständige Gefahr liegt ferner darin, daß in den mazedonischen Landstrichen, die jetzt durch neue Grenzen zerschnitten werden, Angehörige der verschiedenen Nationalitäten nebeneinander wohnen. Gerade durch den zweiten Valkankrieg ist der nationale Haß zum Uebermaß gesteigert worden, so daß an ein friedliches Nebeneinanderwohnen auf Jahre hinaus kaum zu denken ist. Ein Streitobjekt, über das das letzte Wort noch nicht gesprochen worden ist, bilden auch die Aegäischen Inseln, über deren Zugehörigkeit noch immer keiüe volle Klarheit besteht. Die Großmächte werden hier schwerlich dulden wollen, daß das griechische Händlervolk auf allen Inseln zur wirtschaftlichen und Politischen Vormacht, wird. Das> Wirtschaftsleben Europas, das während der beiden Kriege schon schwer zu leiden hatte, wird angesichts der trotz des Bukarester Friedensprotokolls weiter bestehenden Unsicherheit der Politischen Situation einen Konjunkturaufschwung in absehbarer Zeit kaum erwarten können. * Vor dem Abschluß des Friedensvertrages hat sich in Bukarest eine Episode abgespielt, die historisch sestgehalten werden soll: In der Sitzung der Friedenskonferenz vom 5. August 1913 verlas Ministerpräsident Majorescu eine Verbalnote der Regierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika, in welcher der Wunsch ausgedrückt wird, man möge in den B u k a r e st e r Vertrag eine Bestimmung au fn eh men über die volle Freiheit der bürgerlichen und religiösen Rechte der Teile der Bevölkerung, die nun von einen: Lande g e t r e n nt und einem anderen e i n v erleid t werden. Der Präsident bemerkte, das sei schon Staatsrecht in jedem der beteiligten Länder. Die Chefs aller Missionen stimmten dem zu, „daß es überflüssig sei, eine besondere Klausel darüber im zukünftigen Vertrage in Erwägung zu ziehen." Diese erbärmliche Heuchelei, bemerkt hierzu die „Oest. Wochenschrift", braucht gewiß keiner weiteren Charakterisierung. Die Herren Diplomaten in Bukarest wußten ganz genau, daß der Antrag der amerikanischen Regierung den Schutz der Juden beabsichtigt, welche Rumänien entgegen den ausdrücklichen Bestimmungen des Berliner Vertrages, für rechtlos und vogLlfrei erklärt. An diese Tatsache bat die amerikanische Regierung erinnert, und die Bukarester Staatsmänner taten, als ob sie es nicht verstünden. Aufrichtigen Dank und Anerkennung eines jeden Freiheitsfreundes verdient die Energie der amerikanischen Regierung. Die Staatsmänner in Washington wußten ganz genau, welche Antwort sie in Bukarest erhalten werden; sie scheuten nicht, sich ein Refus zu holen, es lag ihnen vor allem daran, für Recht und Gerechtigkeit offen und freimütig Zeugnis abzulegen, sie haben dadurch den europäischen Staatsmännern, auch der sogenannten fortschrittlichsten Völker, eine scharfe Lektion erteilt. — * Die in Belgrad erscheinende Tageszeitung „Tribuna" publiziert folgenden Bericht über die im gegenwärtigen Kriege verrichteten Waffentaten eines jüdischen Reserveoffiziers aus Belgrad: „Vom Kriegsschauplatz zurückgebrachte Verwundete berichten über die Wunder an Heldenmut, die von dem bekannten jüdischen Advokaten Herrn F r i e d r i ch S. Pops im Kriege gegen die Bulgaren verrichtet wurden. In allen Gefechten stürmte er als Reserveoffizier unerschrocken an der Spitze seiner Kompagnie gegen den Feind und dessen Befestigungen und führte fo die ihm anvertrauten Soldaten von Erfolg zu Erfolg. Dieser Todesmut veranlaßte wohl das hier vor einigen Tagen aufgetauchte Gerücht, daß Hauptmann Pops im Kampfe gefallen fei, was sich jedoch glücklicherweise nicht bewahrheitet." Hierzu sei noch bemerkt, daß Advokat Pops Präsident der aschkenasischen Kultusgemeinde in Belgrad ist. * Die Ausschüsse der Provinzialsynagogenverbände von Rheinland und Westfalen haben, wie wir erfahren, nunmehr in aller Form beim Ausschüsse des Deutsch-Israelitischen

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