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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-08-08 · Heft 32 (8.8.1913) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 32 (8.8.1913)
Date
1913-08-08
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 b acher hielt die Trauerrede. Der König von Dänemark und der dänische Verkehrsminister hatten Kränze gesandt. L2- Köln, 31. Juli. Mit dem Heimgange des Stadtverordneten, Justizrat Dr. Eugen Bock, ist der Verlust eines der angesehensten Männer nicht nur unserer Synagogengemeinde, sondern Kölns Zu beklagen. Einer alteingesessenen und hochgebildeten Familie entstammend, hat der Entschlafene durch seine seltenen Geistesgaben, vornehme Gesinnung, glänzende Beredsamkeit und persönliche Liebenswürdigkeit, sich eine überaus einflußreiche Stellung im Beruss¬ und öffentlichen Leben errungen. Der Bahre des im 60. Jahre Abgerufenen folgten von .offiziellen Persönlichkeiten Beigeordneter Zschirnt, als Vertreter des von Köln abweseden Oberbürgermeisters, Polizeipräsident v. Weegmann, Generalmusikdirektor Steinbach, Präsident v. Othegraven, städtische Oberbeamte, Richter und Staatsanwälte; die Vertreter der Shnagogengemeinde und der Humanitären Anstalten, in denen der Verstorbene sich betätigt hat, und Leidtragende in unübersehbarer Anzahl, aus allen Gesellschaftsklassen, besonders auch Mitglieder der alten Kölner Patrizierfamilien, deren Namen weit über den Bannkreis unserer Stadt bekannt sind. Auf dem Friedhof fand, nach dem Wunsche des Verstorbenen, eine ganz schlichte Leichenfeier statt; außer einem mächtigen Kranz der Stadt Köln mit Schleife in den stadtkölnischen Farben fehlte jeder Blumenschmuck. Rabbiner Dr. R o s e n t h a l vollzog die übliche Liturgie, an die er einen innigen Abschiedsgruß anschloß für den Mann, der „als Mensch und treuer Sohn seines Glaubens, in feiner seinen, selbstsicheren,, erlesenen Art, mit seiner freien, zun: Schönen hingewandten Seele und seinem frohen, am Guten. Hangenden Herzen" sich ein bleibendes Denkmal unter uns gestiftet hat. Justizrat P e u s q u e n s, in 40 jähriger Studien- und Lebensarbeit mit dem Heimgegangenen vereint, widmete an der offenen Gruft dem Freunde ergreifende Worte. — Mit Eugen Bock ist eine selten ausgereifte, nach der Verstandes-, Willens- und ästhetischen Seite gleich dnrchgebildete Persönlichkeit vor der Zeit von uns abgerufen worden. Er ruhe in Frieden. England. 2. London, 1. August. Das in der Royal Academy ausgestellte Bild des Malers Edgar Bundy, welches den Titel „Finance" führt und inehrere Judengestalten ausweist, gab hier kürzlich die Veranlassung zu Heftigen Auseinandersetzungen. Viele jüdische Besucher der Ausstellung, ebenso auch unvoreingenommene christliche Besucher erblickten in dem Bilde die Tendenz, den Juden als Wucherer darzustellen. „Jewish Chronicle“ hat deshalb den Maler selbst in einen: Interview wegen dieser Tendenz, die jeder Unbefangene aus dem Bilde herausliest, zur Rede gestellt. Der Vertreter des „Jewish Chronicle“ sagte dem Maler, daß man in dem Bilde eine Anspielung auf die in jüngster Zeit von gewisser antisemitischer Seite aus Anlaß des jüngsten Prozesses der beiden jüdischen Minister den Juden gemachten Vorwurfe erblickt. Edgar Bundy gab hieraus folgende Erklärung ab: „Ich kann nur soviel sagen, daß mir von den erwähnten Angriffen auf die Juden nichts bekannt ist, und daß ich das Bild vor ungefähr 15 Jahren gemalt habe. Der Sinn dieses Bildes ist ein ganz einfacher. Sie sehen auf dem Bilde in einem Empfangszimmer eine Gesellschaft um einen Tisch herum sitzen, an der Tete sitzt der Gastgeber,-der seinen Gästen ein etwas vulgäres, vielleicht zu fröhliches Diner gibt. Er ist an der Gründung irgendeiner Gesellschaft interessiert, hat dazu auch andere Interessenten eingeladen. Sie sind eben bemüht, den Träger eines adeligen Namens, der gleichfalls zu den Gästen zählt, als Aushängeschild für die neue Gründung zu gewinnen und ihn zu einer größeren Investition zu veranlassen. Unter den Gründerfiguren sind auch, wie Sie bexnerkt haben, rein arische Typen, und die Judengestalten wurden bloß von rein künstlerischem Gesichtspunkte aus gewählt. Ich gestehe es ganz offen, daß der Inhalt des Bildes für mich Nebensache war, ich habe bloß künstlerische Motive vor Augen gehabt, und ich bin überzeugt, daß die Royal Academy gleichfalls nur vom künstlerischen Gesichtspunkte geleitet, sich zur Annahme des Bildes veranlaßt gesehen hat." Diese Auffassung teilt tatsächlich auch die Direktion der Royal Academy, die in einer Zuschrift an den „Chronicle" erklärt, daß der ehrenwerte Charakter der Londoner Juden viel zu bekannt und offenkundig ist, als daß es jemand wagen könnte, in dieses Bild eine gegen die Juden und ihr finanzielles Gebaren gerichtete Tendenz hineinzulegen. — Im verhältnismäßig jugendlichen Alter ist vor einigen Tagen Herr Carl St et tau er, einer der eifrigsten Mitarbeiter an allen philantropischen Angelegenheiten der englischen Judenheit, gestorben. Stettauer stammte aus Fürth und hatte es in London zu beträchtlichen geschäftlichen Erfolgen gebracht. Er gehörte dem „Board of Guardians" an und nahm als Vertreter dieser Körperschaften im Jahre 1904 an der in Frankfurt a. M. stattgehabten Emigrationskonserenz teil. Im darauffolgenden Jahre reiste er nach Rußland, um in Gemeinschaft mit Dr. Paul Nathan aus Berlin das Hilsswerk nach dem Kischinewer Pogrom zu organisieren. Von dieser Zeit an entfaltete Stettauer eine lebhafte ununterbrochene Tätigkeit im russisch-jüdischen Komitee und in der United Synagoge. Stettauer hat verfügt, daß sein'Leichnam verbrannt werde! Rußland. 2. Warschau, 1. August. Am 25. d. M. ist hier Herr Stanislaus Mendelsohn im Alter von 55 Jahren plötzlich verschieden. Er war zuletzt Chefredakteur des in polnischer Sprache erscheinenden Organs der jüdischen Nationalisten „Przeglond Codzienny". Der Tod ereilte ihn im Redaktionsbureau während des Schreibens eines Artikels für das Morgenblatt. Mendelsohn war der Hauptschöpfer der polnischen Svzialistenpartei. Wegen seiner politischen Tätigkeit mußte er 1878 ins Ausland fliehen. Der Reihe nach wurde er aus Oester-' reich, aus der Schweiz, aus Preußen mnd Frankreich ausgewiesen. Wegen seiner Allsweisung aus Preußen kam es zu einer Parlamentsdebatte, in der seine Maßregelung vom Fürsten Bismarck gerechtfertigt lvurde. Von Frankreich begab sich Mendelsohn nach England, wo er die juristischen Prüfungen bestand und eine Zeitlang als Rechtsanwalt wirkte. Nachher begann er — es waren inzwischen Amnestierungell erfolgt — von neuem eine agitatorische Tätigkeit in Russisch-Polen, Littauen und Galizien, fand aber dort, weit er die sozialistischen Theorien auf jüdisch-nationalen Boden übertrug, bei seinen früherell Freunden keine Gegenliebe mehr. Er widmete sich darauf der Journalistik und schrieb Ullter den Pseudonymen Sigma, Meta, Zaleski für Warschauer, Lemberger und Posener Blätter. Schließlich lvurde der frühere Revolutionär auch ständiger Mitarbeiter konservativer polnischer Zeitungen. Die Verschärfung der Judensrage in Poleil veranlaßte ihn dann noch zur Gründung seines eigenen Blattes, als dessen Herausgeber er gestorben ist. Stanislaus Mendelsvhn war ein Bruder der verwitweten Frau Dr. Anna Karpeles und ein Schwiegersohn des Redakteurs der „Hazesirah" Nahum S o k v l v w. Von MH und jfern. — Geheimrat Professor Dr. August v. Wassermann, der hervorragende Berliner Bakteriologe, wurde zum Direktor des Kaiser- Wilhelms-Jnstitut für experimentelle Therapie in Dahlem bei Berlin ernannt. . Geheimrat v. Wassermann hat sich in der letzten Zeit namentlich mit der Krebsforschung beschäftigt und sucht auf dem Wege der Chemotherapie, auf dem Ehrlich die Entdeckung des Salvarsan gelungen ist, ein Heilmittel gegen die furchtbare Krankheit zu finden. — Im Berliner städtischen Krematorium in der Gerichtstraße lvurden im Monat Juli 74 Leichen eingeäschert, und zwar 38Männer, 32Frauenund4Kinder. Davon waren 55 evangelisch, 2 katholisch, 12 mosaisch und 4 Dissidenten. — Am 1. August d. I. waren 25 Jahre verflossen, seitdem Herr Rabbiner Dr. N. P o r g e s sein Amt als Gemeinderabbiner und Leiter der Neligionsschule in Leipzig angetreten hat. Aus ausdrücklichen Wunsch des Jubilars ist von einer öffentlichen Feier dieses für die Leipziger Gemeinde bedeutungsvollen Tages abgesehen worden, dagegen wurde in einer Adresse des Vorstandes und der Gemeindeverordneten dem Jubilar der Glückwunsch und Dank der Gemeinde ausgesprochen und eine Ehrengabe überreicht. — Aus Köln wird gemeldet: Am 2. d. M. ist Zwischen Wesseling und Köln das Automobil des Kaufmanns Maurice Levy uns Paris gegen ein Fuhrwerk gerannt. Der Besitzer, der seine in Köln bei ihrer Mutter zu Besuch weilende Frau besuchen wollte, wurde herausgeschleudert und so schwer verletzt, daß er bald darauf starb. Der Chauffeur erlitt nur leichte Verletzungen. — Dem Prediger Simon Oppenheim in Koburg wurde das Verdienstkreuz des Herzog!. S. Ernestinischen Hausordens verliehen. — Der Notar Alexander Neichmann in Frankfurt a. M. hatte, ' wie bei dem Prozeß gegen den Lotterieeinnehmer Schäfer aus Düsseldorf begannt wurde, bei einer Ziehung, der er amtlich beiwohnte, auf einen Zuruf hin sich wie folgt geäußert: „Wer hat das gerufen? Das ist sicher ein Hebräer, Frankfurt ist ja jüdisch verseucht." Auf die vom Frankfurter Bureau des >,Vereins

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