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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-08-08 · Heft 32 (8.8.1913) · p. Seite 383

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 32 (8.8.1913)
Date
1913-08-08
Page
Seite 383 (sequence 11)
Language
German
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383 „Sie wünschen meine ärztliche Hilfe?"' „Ich bin leider gestürzt." „Lassen Sie sehen." Ohne ein weiteres Wort hinzuzufügen, besichtigte der Arzt sorgfältig den stark gequetschten Fuß. Kurz und bestimmt tras er die nötigen Anordnungen: „Eisblase, halbstündlich wechseln, auch die Nacht über. Ich schicke eine Diakonissin. Schmale Diät, die ich dem Wirte noch näher bestimmen werde. Dies Rezept muß sofort zur Apotheke." „Wann kann ich aufs Gericht, Herr Doktor?" „Das kann ich noch nicht bestimmen. Zunächst ist volle Ruhe, nötig." „Aber die Termine? Und das Dezernat?" „Müssen heut ruhen. Morgen hoffe ich, können Sie mit dem Sekretär darüber sprechen. Adieu." Eine Viertelstunde später meldete sich Schwester Katharina. Das blasse Gesicht unter der weißen Haube erzählte mit seinen tief eingegrabenen Linien von arbeitsreichen Tagen und durchwachten Nächten. Die großen braunen Augen blickten fest und milde zugleich. Felseck fühlte sich erheblich schmerzfreier, nachdem sie mit weicher Hand den kühlenden Umschlag aus den verletzten Fuß gebreitet und ihn bequem gelagert hatte. Auch tat es ihm im Innersten wohl, daß sie das Zeichen der erlösenden, sich selbst aufopfernden Liebe auf der Brust trug. Wenn er dem Doktor für etwas Dank wußte, so war es einzig und allein dafür, daß er ihm eine christliche Hand zur Pflege gesandt chatte. Daß der Arzt selbst gekommen, ihn untersucht und ein paar vernünftige Anordnungen getroffen hatte, je nun, dafür liquidierte er ja, dafür konnte man ihn bezahlen, das war sein Handwerk. Einförmig verlief der Tag. Mit der Regelmäßigkeit der militärischen Ablösung wurde der Eisumschlag gewechselt, die Medizin gereicht. Lautlos ging Schwester Katharina ein und aus, und als der Freiherr mehr aus Höflichkeit, als aus Wißbegier ein paar Fragen an sie richtete, lehnte sie freundlich lächelnd jede Unterhaltung für heute ab, da der Herr Doktor vollste Ruhe angeordnet habe.' Gegen Abend trat etwas Fieber auf, und in den halbwachen Träumen wirbelten Schwester Katharina und die Chewra-Leute, der Dienstagsverein und Miß Smith, der alte Goldenberg und der Probst Werner, der Sekretär Fiedler und die Korpsbrüder bedenklich durcheinander. Aber nach Mitternacht wurde die Stirn des Patienten feucht, die Atemzüge wurden ruhiger, und ein wohltuender Schlaf stellte sich ein. Sechstes Kapitel. Der Oberstabsarzt. Es war schon Heller Tag, als Pferdegetrappel, Säbelgerassel und laute militärische Stimmen den Kreisrichter weckten. „Was gibt's Schwester?" „Aushebung, Herr Kreisrichter. Die höheren Offiziere haben im „Adler" Quartier genommen. Aber wie fühlen Sie sich? Noch viel. Schmerzen im Fuß?" „Nein, fast schmerzlos. Ich habe gut geschlafen und stünde gern schon heute auf." „Die Visite des Doktors müssen Sie unbedingt erst abwarten." - „Wann kommt er, Schwester?" „Ich wundere mich, daß er nicht bereits hier war. Vielleicht ist er zu einem Schwerkranken gerufen." Die Fortsetzung des Gesprächs wurde durch ein kräftiges Klopfen an der Tür unterbrochen. Auf das Herein des Freiherrn trat ein stattlicher Offizier in reiferen Jahren ins Zimmer. „Oberstabsarzt Schubert", sagte der Eintretende, sich vorstellend. „Ich komme aus Wunsch meines Kollegen Loewisohn, um mich nach dem Befinden seines Patienten zu erkundigen." „Kreisrichter v. Felseck", erwiderte der Freiherr, angenehm überrascht. „Freue, mich sehr, Herr Oberstabsarzt, daß Sie meine Behandlung übernehmen." „Nur provisorisch. Habe aus Gefälligkeit für den alten Kollegen und Kriegskameraden,. der dringend über Land mußte, die Visite bei Ihnen übernommen. Habe auch dienstlich noch heut und morgen die Fülle hier zu tun. — „Nun, Schwester," wandte er sich an die Diakonissin, „wie war die Nacht? Bereits die Temperatur gemessen?" Die Schwester berichtete. Der Arzt nickte befriedigt. „Bravo, Herr Amtsrichter, so ist es recht.. Nur noch ein paar Tage so weiter, und Sie können sich als hergestellt betrachten und Ihre Amtsfunktionen ausnehmen." „Doch noch ein paar Tage, wie fatal! Aber wollen Sie, Herr Oberstabsarzt, nicht den Fuß besichtigen? Es würde vielleicht den Hausarrest abkürzen." „Eine Besichtigung ist ganz unnötig. Kollege Loewisohn hat mir den Befund geschrieben, und der Fieberabfall bestätigt seine Diagnose vollauf," „Unfehlbar ist er denn doch wohl nicht, und eine Bestätigung durch Ihre eigene Untersuchung wäre mir in der Tat sehr erwünscht. Superflualtnon nocent.“ „Wenn Ihnen wirklich daran gelegen ist, so bin ich natürlich gern bereit. Also, wenn ich bitten darf!" Nach genauer Prüfung der Beweglichkeit und Empfindlichkeit des verletzten Fußes konnte der Oberstabsarzt nur die frühere Ansicht wiederholen, „Also Ruhe, mein werter Herr Kreisrichter und Vertrauen! Sie sind wirklich in den allerbesten Händen; an .Loewisohn ist ein Professor der Chirurgie verloren gegangen. Uebrigens, Schwester, die Medizin lassen Sie bald in der Apotheke erneuern." Die Diakonissin verließ geräuschlos das Gemach. „Und doch wäre ich Ihnen aufrichtig dankbar, Herr Oberstabsarzt, wenn Sie mich, wenigstens so lange Sie das Aushebungsgeschäft hier festhält, an Stelle des Dr. Loewisohn behandeln wollten. Unter uns gesagt, ich mag ihn nicht." „Ja, warum denn das? Alle seine Patienten hängen an ihm, und so mancher würde für ihn durchs Feuer gehen. Einen tüchtigeren, gewissenhafteren und humanereren Arzt finden Sie nicht auf zehn Meilen in der Runde." „Mag sein, mag sein! Aber ich habe nun einmal die Antipathie. Die Visage, ist mir gelinde gesagt, zuwider." „Schön ist er freilich nicht; aber darauf allein kann es doch beim Arzt nicht ankommen, nicht einmal beim Frauenarzt," fügte er lachend hinzu. „Zugestanden. Aber, enkin, er ist Jude." „Gewiß, er ist Jude, er macht auch kein Hehl daraus." „Würde ihm auch schwer werden. Auf hundert Schritt würde ich ihn erkennen und daher verabscheuen." „Daher? Daher?" „Jawohl, ich bin Antisemit." „Und wie es scheint, von der strikten Observanz." „Allerdings, ich fühle mich bei dem Anblick eines jeden Juden innerlichst degoutiert. Sie nicht auch?" „Beim Anblick jedes Juden? Das wäre zuviel gesagt. Es gibt freilich Gesichter darunter, die mir auch nicht recht sympathisch sind. Aber alle, alle? Ich kenne doch einzelne interessante jüdische Hofschauspieler, die ich recht gern sehe und höre. Auch etliche unserer jüdischen Einjährigen sehen in der Extrauniform recht schmuck und erfreulich aus."' „Etliche, einzelne. Sie räumen damit ein, daß das Gros abscheulich ist" „Abscheulich? Das Gros? Kaum! .Uebrigens gibt es unter unseren germanischen Mitbürgern auch so manchen Thersites,

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