Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1913)
- Date
- 1913-08-08
- Page
- Seite 381 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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wohl wißt, daß es nur als Zaun um den eigentlichen Garten eingesetzt worden seh . . . . daß die reine Lehre Mosis die Lehre der natürlichen Religion . sey." (S. 65.) Bekannt ist David Friedländers Sendschreiben an..'. . Probst Teller . ... von.einigen Hausvätern jüdischer .Religion. Berlin 1799. Seine bittere Feindschaft, gegenden Rabbinismus spricht sich anr. schärfsten in seinem Briefwechsel mit Meier Glogau aus. („Zeitschrift für die Geschichte der-Juden in Deutschland", I, 262—263). Mit dem rationalistischen Hasse gegen das Geschichtliche. im Judentum verbindet sich bei Herz Homberg (1750—1841) die Gemeinheit, des Strebers und Denunzianten. In einem an die österreichische Regierung erstatteten Gutachten verlangt er, daß. man das Talmudstudium einschränke, die Rabbiner abschafse oder unter die Aussicht der Normallehrer stelle, denn sie wissen nichts anderes, als wie man das 'Osterbrot backe, daß man am Sabbat keinen Stock tragen dürfe usw. Man solle ein Konsistorium errichten, um „die irrigen und aberwitzigen Lehren des Talmud" abzuschaffen. (G. Wolf: „-Studien zur Jubelfeier der Wiener Universität", . S. 111—126, Wien 1865). Als Zensor in Galizien verlangt er, 1791, Weisungen, wie er sich bei Büchern Verhalten solle, die „zur Intoleranz und Verachtung anderer Nationen, zuweilen solcher, die Wohltäter der Juden sind", aufreizen. (Steinschneider, Hebr. Bibliographie, VIII, 57—60. 1865.) Aehnliche Gemeinheiten finden sich in verschiedenen Bittschriften, die er an die Regierung richtete, um das Recht des Wohnsitzes in Wien zu erlangen. Das bezeichnendste ist, daß er sein Gesuch mit der Angabe unterstützt, daß von seinen fünf Söhnen vier getauft seien, von dem fünften wisse er es nicht genau. Er wußte es wahrscheinlich wohl, daß dieser Sohn, Friedrich, seit 1831 Leutnant in der österreichischen Armee, damals, 1833, aus unbekannten Gründen noch nicht getauft war und erst 1836 diesen Schritt vollzog. (Biographisches Handbuch der in der k. u. k. österreichischen Armee aktiv gedienten Offiziere S. 17. Wien 1911; „Allgem. Zeitg. d. Judentums" 1861, 325; 1877, 462; 1887, 231). Einer etwas späteren Zeit gehört wohl Rahel v. Barnhagen an (1771—1833), doch dürften ihre Anschauungen ganz den Geist des Berliner Salonjudentums aus den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts darstellen. Eine Vorläuferin ihres Bewunderes Heine, betrachtet sie das Judentum als einen „Dolchstoß", den ihr das Schicksal gleich bei ihrer Geburt ins Herz gestoßen hat. „Die jetzige Gestalt der Religion", schreibt sie 1810, „ist ein beinahe zufälliges Moment in der Entwicklung des menschlichen Gemüts und gehört mit zu seinen Krankheiten.' Sie hält zu lange an und wird zu lange anhalten. Beides tut großen Schaden". (Bertha Badt: „Rachel und ihre Zeit", S. 162. München 1912. Diese Stimmung ist die der Gesellschaft der Freunde, deren Zweck bei der Gründung im Jahre 1792 es war, „den Beweis zu führen, daß der Jude auch außerhalb der Satzungen des traditionellen Zeremoniells . . . von Gottesfurcht durchdrungen sein, ja allen Pflichten des sittlichen Menschen Nachkommen könne-" (Josef- Lehmanns. Festrede bei der 50 jährigen Jubelfeier der. Gesellschaft der Freunde,- „Allgem. Zeitg. bi Judentimts"' 1842, S/ 134; Lesser:- „Chronik der Gesellschaft der 7 Freunde".' Berlin 1842)- Dieser Gesellschaft gehörten manche der eifrigsten Mitarbeiter an der ersten hebräischen Zeitschrift, „Meassef", als Mitglieder an (Grütz, Geschichte, XI, 130). So zahm ihre Reformideen uns erscheinen mögen, so galten sie. doch in der letzten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts als wilder Radikalismus, wie man z. B. aus Ezechiel Landaus Schriften sehen kann, der von ihnen als Aasgeiern spricht . (Vorrede zu r\"bv Berakot, Prag 1791, und mit kaum verhüllter Andeutung in demselben Werke zu Berakot, 28 V wo er den systematischen Unterricht in hebräischer Grammatik als den sichersten Weg zur Gottlosigkeit bezeichnet). Die. so Angegriffenen vergalten diese Angriffe mit bitterem Haß. Ein Spätling dieser Epoche, der Berliner Bankier und Gemeindeälteste Rüben Samuel Gumpertz, 1769—1851, den F. Lebrecht in einem Nachrufe (Vossische Zeitung, 12. März 1851). den letzten Zeugen der Mendelssohnschen Epoche nennt, hat das vtzelzitierte Wort geprägt, daß die Rabbiner nur „Kauscherwächter" seien. (Freund: Judenfrage, S. 213—214, desselben: Entwurf zu einer zeitgemäßen Verfassung der Juden in Preußen, S. 98, Breslau 1842; „Allgem. Zeitg. d. Judentums", 1840, 392; 1841, 754; 1842, 538; 1897, 73; 1898, 569; Kaufmann und Freudenthal: „Die Familie Gomperz", S. 207 ff. Frankfurt a. M. 1907.) Von ihm sagt Lebrecht: „Gumpertz war zwar mehr Kenner als Anbeter des Talmud und sein Herz schlug kalt für . . . das Beth Hamidrasch, aber die Pietät für feinen .... Vater lebte so fest in ihm, daß er . . . der Wohltäter einer Anstalt wurde, deren Zwecke und Richtung er mißbilligte." (Serapeum, XIII, 40; siehe auch Heymann: „Lebenserinnerungen", S. 393. Berlin 1909.) . Nach all diesen Zeugnissen liegt es am nächsten, den Verfasser des Gutachtens, welches sehr vernünftiger Weise das. Schulwesen in den neuerworbenen Polnischen Provinzen Preußens mit Schonung der religiösen Vorurteile, aber doch mit der Hoffnung auf vollständige Ueberwindung des Rabbinismus regeln will, in den Kreisen jüdischer Aufklärer zu suchen, die mit den Verhältnissen Königsbergs vertraut waren. Beides trifft sowohl auf David Friedlaender wie auf Jsak Euchel zu die aus Königsberg stammen. (Grätz, XI, 130, läßt Euchel aus Kopenhagen stammen, während Letteris, „Meaffef", S. 41, Wien 1862, die wahrscheinlichere Angabe macht, daß Euchel in Königsberg geboren sei.) Für Friedlaenders Autorschaft spricht der Umstand, daß er auch sonst als Ratgeber der Regierung in jüdischen Angelegenheiten fungierte und eine Schrift „lieber die Verbesserung der Israeliten im Königreich Polen", Berlin 1819, herausgab. Analogien zu der, Gegnerschaft gegen den Rabbinismus, die sich in dem Gutachten ausspricht, finden sich auf jeder Seite seines Sendschreibens, welches dem Juden empfiehlt, „zur Reinigung seiner Religion die Hülle seiner Zeremonialgesetze abzustreifen" (S. 39). 'Wir sind der Bitterkeit des rationalistischen Zeitalters entwachsen, aber wir müssen uns auch vor der Einseitigkeit Grätz' hüten, welcher David Friedlaender „eine philisterhafte beschränkte Natur, der die Gedanken anderer wiederkante und Stichwörter nachplapperte" (XI, 172) nennt, und von dem Berliner Ausklärerkreise sagt, sie seien „mittelmäßige Köpfe von beschränktem Gesichtskreise" gewesen, „die keinen fruchtbaren Gedankenkeim auszustreuen vermochten" (S. 163). In einer Zeit, wo die führenden Nabbinen alle weltliche Bildung als Abfall vom Glauben brandmarkten und wo es gefährlich war, sich mit einem Regenschirm in der Hand am Sabbat.zu zeigen, war der rücksichtslose Kampf eine geschichtliche Notwendigkeit. Die Juden im ökkentlichen Dienlt. Von F. Linke. aß die Berufsstatistik den größten Teil der Juden noch immer als Handeltreibende nachweist, ist aus der historischen Entwicklung ohne weiteres verständlich. Dennoch bemerken wir seit Jahrzehnten, daß sich die Juden in steigendem Maße auch anderen Berufen zuwenden und, nachdem sie einen hervorragenden Platz in der Industrie erobert haben, sich nunmehr auch immer mehr und erfolgreich in Wissenschaft und Kunst betätigen. ' In einer Berufsabteilung jedoch beobachten wir eine außerordentliche Zurückhaltung der Juden, nämlich in der Abteilung der Berufsstatistik. Diese umsaßt den Militär-, Hof-, bürgerlichen und kirchlichen Dienst und die freien Berufsarten. Von den ganzen 1907 im Deutschen Reiche als