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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-08-08 · Heft 32 (8.8.1913) · p. Seite 378

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 32 (8.8.1913)
Date
1913-08-08
Page
Seite 378 (sequence 6)
Language
German
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378 : - Zeit angehören. Das Thema dieser neuen Dichtung muß die Armut, die Unwissenheit, die mühsame Arbeit, das erniedrigende Laster, das dunkle Heldentum, alle Ungleichheiten, alle Mühseligkeiten und die Resignation sein". Er rühmt von sich, daß er in diesen Weg eingetreten sei> und daß er versucht habe, die in den Geschicken der Armen und Kleinen verborgene Dichtung zu ergreifen. Er feiert den Patriotismus, ohne sich deswegen in eitler Selbstbespiegelung zu gefallen. In seinen Gedichten spricht er einmal von „seinem alten hebräischen Volke" und drückt in seinem Testamente sein Glaubensbekenntnis in folgenden Worten aus: „Ich bin im Judentum geboren und sterbe i^ diesem Glauben, den ich liebe, weil er voll ist von dem Glauben an Gott, weil er die Zeitalter durchschritten hat in unverdientem Unglück und Schimpf und in ungerechter Verfolgung, weil er alle die großen Wahrheiten predigt, deren mein .moralisches Bewußtsein bedarf. Als spiritualistischer Philosoph finde ich in diesem Glauben, den. ich bei meiner Geburt empfangen habe, alle Elemente, die. für meine religiösen Bedürfnisse wichtig sind; die Begriffe aber, die Nachdenken und Wissenschaft hinzugefügt haben, stören mich nicht in meiner Achtung. Ueber diesen Punkt wird man in meinen Gedichten meine besten Gedanken und Ge-, fühle finden." In der Tat hat er vielfach jüdische Stoffe besungen. Seinem Großvater Israel Lovy widmete er ein schönes Ge- . dicht: „Le Levite“. Gar manche seiner Gedichte sind aus hebräischen Quellen entnommen, zum Beispiel: „Ls verset,“ „La. Place du Pauvre“, La veillee du medecin,“ „Racliat,“ das letztere ein Gedicht, das er zur Begründung des von dem Rabbiner. Raphael Levy errichteten Oeuvre de travail et de placement schrieb. In seiner Gedichtssammlung „Page3 intimes“ findet sich ein kleines vierzeiliges Gedicht, in Prosa etwa so. lautend: „Kinder, in eurer ersten Stunde lächelt man euch zu, ihr aber weint. Könntet ihr, wenn ihr scheidet, lächeln, wenn man euch beweint". Auch dieses Gedicht ist im Grunde nur. eine Umschreibung alter hebräischer Verse. Auch als Theaterdichter trat er auf und hatte große Erfolge. Sein 1870 zuerst aufgeführtes Drama „Die Handwerker" blieb dauernd auf dem Repertoire. Unter seinen Profaschriften sind die schon erwähnten Briefe und mehrere Sammlungen pädagogischer Aufsätze zu erwähnen.. Eugene Manuel war einer der Begründer der Alliance Jsraslite. Zadoc Kahn sagte darüber in seiner Leichenrede: „Seit 1860 legte er im Verein mit einigen Freunden, die ebenso wie er von heiliger Liebe zu dem Guten und von ernstem Pflichtbewußtsein erfüllt. waren, den Grund zur Alliance Jsraslite Universelle. Ihn leitete dabei der Gedanke, an allen Orten, wo es notwendig war, die Angelegenheiten der unglücklichen Brüder zu fördern, die für ihren Glauben litten, durch Erziehung und Arbeit Bevölkerungen zu erheben, die durch die Schuld der Umstände oder der Menschen dazu verurteilt waren, in Unwissenheit und Elend zu leben." Das Andenken an einen solch trefflichen Mann, der als Beamter einen hohen Rang einnahm, als Schriftsteller und Dichter bedeutsam ist, und zugleich dem Judentum mit Begeisterung anhing' und sich jüdischen Angelegenheiten gern widmete, verdient auch außerhalb seines Vaterlandes gewahrt zu werden. L. G. Lur Grlchichtr der Sadduzäer. Von Albert K n tz. II. udols Leszhnsky aber geht, was zu seinem Lobe gesagt sei, in der Beurteilung der Sadduzäer seine eigenen Wege. Er betrachtet sie durchweg als die eigentlichen Hüter des Gesetzes, als die Karäer des Altertums, und ist redlich bemüht, feine Ansicht durch zahlreiche Belege wissenschaftlich zu begründen. Ich muß gestehen^ seine Beweise sind geschickt konstruiert, entbehren: auch nicht des wissenschaftlichen Charakters, aber sie sind nicht immer stichhaltig, zuweilen sogar direkt verfehlt. Der Verfasser schreibt: „Wenn man in seltener Einmütigkeit erklärt hat, die Sadduzäer hatten a u ch ihre Tradition, so ist vielleicht ein Grund dafür die folgendeMischna gewesen: In Jadajim IV, 7 heißt es: DieSadduzäer sagten: Wir halten euch vor, ihr Pharisäer, daß ihr das Gegossene (den Strahl) für rein erklärt. Die Pharisäer antworteten: Wir halten euch vor, ihr Sadduzäer, daß ihr einen Wasserkanal, der aus einem Friedhof kommt, für rein erklärt. Diese an sich unverständliche Mischna wurde nun, wie wir sehen werden, bereits von hem Redaktor der Mischna selbst so verstanden: Es handelt sich um den Fall, daß man aus einem Gefäß, das levitisch rein ist, in ein anderes Gefäß, das levitisch unrein ist, eine Flüssigkeit gießt. Durch den Strahl dieser Flüssigkeit wird nun eine Verbindung zwischen dem reinen und unreinen Gefäß hergestellt, , und der Streit der beiden Parteien dreht sich nunmehr um die Frage: Wird das reine Gefäß durch die indirekte Berührung mit dem unreinen ebenfalls unrein oder nicht? Die Sadduzäer sagen: es wird unrein, die Pharisäer:'es bleibt rein. — Erstaunt fragt man sich: Um solche ausgetistelten Kleinigkeiten, die auch nicht eine Spur mit dem Thoragesetz zu tun haben, haben sich die beiden großen Parteien der Juden herumgestritten? — — Wir stehen vor einem Rätsel. Was bedeutet dieser unverständliche Text?" Der Verfasser löst dieses Rätsel wie folgt: „Es ist uns im Verlauf dieser Abhandlung bereits klar geworden, daß die Sadduzäer die Thora als die einzige Gesetzesquelle anerkennen. Gibt es nun irgend etwas, das nach der Thora eigentlich unrein sein sollte, und das doch die Rabbiner erlaubt haben? Es gibt allerdings etwas Derartiges/und das ist der Bienenhonig. Nach dem Deuteronomium 14, 19 (vgl. Lev. 11, 20—23) ist jedes geflügelte Insekt unrein, d. h. zur Speise verboten-denn alles, was vom Unreinen kommt, ist unrein (Bech. 1, 2). Trotzdem haben die Juden zu jeder Zeit den Bienenhonig gegessen, es war eben eine „mündliche Ueberliefevung". Diese aber erkannten die Sadduzäer nicht an, sie müssen also — das können wir rein logisch schließen — den Honig verboten haben. Das aber steht nun wirklich in unserer Mischna, denn das'hebräische Wort pIN heißt zu deutsch „Honig".— Eine andere Mischna ist eine Bestätigung für diese Vermutung und erhält gleichzeitig nunmehr eine überraschende Erklärung. In Machschirin V, 9 heißt .es: Jeder p^] ist rein, mit Ausnahme des Honigs der Wespen und der Honigspeise (?). Es leuchtet auf den ersten Blick ein, daß wir hier die Ansicht der Pharisäer vor uns haben, nach der der Honig mit Ausnahme einiger Arten erlaubt ist. — Nun versteht man den Streit: die Sadduzäer werfen den Pharisäern vor, daß sie den Honig, der von einem unreinen Tiere, der Biene, stammt, die nach der Ansicht der Alten aus dem toten, bereits verfaulten Körper einer Kuh entsteht, für rein erklären, worauf die Pharisäer erwiderten: Ihr werft uns vor, daß wir etwas essen, das von einem Toten (einem Aase) herkommt? Ihr sagt ja auch, daß daß Wasser, das aus einem Friedhof kommt, rein ist." - Diese Interpretation ist wohl scharfsinnig,' aber falsch; falsch aus dem Grunde, weil die beiden angeführten Mischnot, richtig wiedergegeben, einen ganz anderen Sinn darstellen. Wir beginnen mit der in Machschirin 5, 9, auf welche die in Jadajim 4,7 sich bezieht. Die in Machschivim lautet -fintS p*)^n b'D nnaam rsm rania pn Jede Flüssigkeit, die von einem reinen Gefäß in ein unreines geschüttet wird, behält für den Rest, der eventuell in dem reinen Gefäß zurückbleibt, ihre ursprüngliche Reinheit, mit Ausnahme des unechten Honigs^) und einer dünnen, aus Honig und Mehl i) Siehe Obadja bi Bertinoro zur Stelle; vgll auch Sota' 48 b.

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