Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1913)
- Date
- 1913-08-08
- Page
- Seite 377 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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' ■ ■ - 37zuweisen, Heute würde diese Einrichtung, wenn die Schülerzahl zwischen zwei bis zehn Kindern schwankt, nur den Charakter haben, als'würde dort Privatunterricht'erteilt. Gesang- und Turnunterricht mit so wenigen Kindern ist ein trauriger Anblick. Für Lehrer und Schüler wenig reizvoll. Seien wir um den geistigen Schaden,, den unsere Kinder in der allgemeinen Schule nehmen könnten, nicht so ängstlich. Die meisten Juden sind immer noch aus der allgemeinen Volksschule hervorgegangen, und das Judentum hat — wenn nicht andere Faktoren ungünstig einwirken — durch sie niemals Schaden gehabt. Lugrnk Manuel". ugöne Manuel stammte aus kleinen Verhältnissen. Sein Großvater Abraham Manuel war ein bescheidener jüdischer Bürger in Versailles, sein Vater Moses K. Manuel Arzt in einem Armenviertel von Patis. Gerade die Umgebung, in der er aufwuchs, war für den angehenden Poeten eine wichtige Quelle für seine Menschenliebe, die später in seinen Sammlungen . „Poemes populaires" und „Ouvriers" zum bezeichnenden Ausdruck kam. Manuel lernte die Anfangsgründe des Wissens in der Privatschule von Mme. Cahen, der Frau des bekannten Bibelübersetzers, an die er stets pietätvolle Erinnerungen wahrte. Beim Lesen wurden auch die hebräischen Gebete berücksichtigt; durch seinen Großvater mütterlicherseits, einen gelehrten Kantor Israel Lovy, gewann er Interesse an jüdischen Melodien. Diesem Großvater widmete er folgende liebenswürdige Schilderung: „Er versammelte ganze Tage seine jungen Choristen um sich, lehrte diese meist gänzlich unmusikalischen Kinder mit unermüdlicher Geduld. Wenn er sie die Lieder wiederholen ließ, die er für sie geschrieben hattewenn er so dastand mit glänzenden Augen, mit seiner Violine in der Hand, bot er einen wahrhast schönen Anblick: Es war der Enthusiasmus des Leviten und des Künstlers zu gleicher Zeit. Und wenn er im Tempel einen heiligen Gesang anstimmte, so hatte er ganz die Majestät eines Priesters. Ich war sehrjungda ich ihn in die Synagoge begleitete'und da ich nicht *) Zu der nachfolgenden Skizze haben mir hauptsächlich die folgenden Veröffentlichungen gedient, die ich der Güte der Witwe des Verstorbenen verdanke: 1. Eugene Manuel (1823—1902), Notice par M. Henri Chantavoine (Extrait de l’Annuaire de 1* Association amicale des Anciens eläves de l’Ecole normale superieure pour 1902). 2. Les Po6sies d’Eug&ne Manuel, Conference iaite ä la Societe des Etudes Juives, le 7 fevrier 1903, par M. Maurice Bloch. Paris, Librairie Durlaclier, 83 bis, Rue La Fayette, 1903. 3. Eugene Manuel, Lettres de Jeunesse, publiees par Fernand Levy-Wogue et Paul Carcassone avec une preface de M. Alfred Crosit, Merobre de Flnstitut, Doyen de la Faculte des Lettres de Paris. Paris, Librairie Haehette et Cie., 79, Boulevard Saint- Germain, 1909. r 4. Eugene Manuel; Melanges ein prose, publies avec une Introduction par Albert Cähen. Ouvrage illustre d’un portrait par Ldopold Flameng,'Paris, Librairie Haehette et Cie, 79, Boulevard Saint-Germain, 1905.; >■ - '•.h.r ■ v ■ . weit von ihm den Festen beiwohnte, deren Erinnerung' nur ewig teuer ist." Nach fleißiger Erledigung der Gymnasialstudien, trat er 1843 in die Ecole Normale ein, wo er ein ausgezeichneter Schüler wurde und mit trefflichen Kameraden zusammen war, zum Beispiel dem später so berühmt gewordenen Gaston Baissier. Er hatte Lust, Philosophie zu studieren, wandte sich aber, durch seinen Lehrer Jules Simon bewogen, der ihm auch später sehr förderlich wurde, der Literatur zu. 1846 wurde er Professor in Provinzstädten, und zwar nacheinander in Dijon, Grenoble, Tours, ein begeisterter und begeisternder Lehrer, der über viele pädagogischen Fragen treffliche Aufsätze schrieb. 1849. kam er nach Paris zurück, war zuerst tri einigen Lyzeen tätig, bis er 1871 durch seinen schon genannten Lehrer Jules Simon, der unterdessen Minister geworden war, zum Kabinettsches ernannt wurde, 1872 zum' Direktor seines Ministeriums erhoben ward. Schon während dieser Tätigkeit, noch mehr, nachdem sein Chef zurückgetreten war, leistete er als Inspektor der Akademie von Paris 1873, als Generalinspektor 1876 und später in den Comites des Conseil Superieur, einem Amt, das er fast 20 Jahre lang bekleidete, der Unterrichtsverwaltung im allgemeinen, . besonders der Reform der Universitäten ausgezeichnete Dienste. Einer ferner Untergebenen hat einmal gesagt: „Man fürchtete seine Inspektionen; man kannte die Sicherheit seines Geschmacks, die durchdringende Feinheit seines Urteils, sein Pflichtbewußtsein und seine Sorge für das allgemeine Wohl. Man wußte, mit welcher eingehenden Gründlichkeit er über die Methoden und den Eifer der Lehrer, über die Fortschritte und die Fähigkeiten der Schüler unterrichtet werden wollte. Aber wenn er auch gewisse Lücken und unvermeidliche Schwächen bemerkte und tadelte, so war er stets gern bereit, jedes Verdienst, welcher Art es auch war, jede Amtstüchtigkeit, jedes Talent, ja jede Spur von Talent zu bemerken und anzuerkennen." Er war, wie derselbe es einmal sehr hübsch ausdrückt, „Freund und Gönner der Niedrigen und der Bescheidenen". Manuel war nicht bloß ein hervorragender Beamter, sondern ein trefflicher Mensch, ein hervorragender Dichter und ein ausgezeichneter Prosaschriftsteller. Will man. von dem Menschen eine Vorstellung gewinnen, so muß man seine Jugendbriefe lesen. Sie beginnen 1842 und schließen 1849 (nur ein kurzer Anhang enthält noch einige aus den Jahren 1851 und 1852). Es sind Briefe an seine Verwandten und an seine Freunde, die von emsiger Arbeit und redlichem Streben Kunde geben, die aber besonders auch aus-die Verhältnisse der Angeredeten eingehen. Die Art, wie er in der Fremde sich für jede noch so kleine Angelegenheit des häuslichen Lebens interessiert, wie er die Sehnsucht nach den Seinen innig ausdrückt, wie er für das Wohlergehen seiner Freunde arbeitet, mit seinen Empfehlungen und seinem Rate nicht kargt, ist außerordentlich rührend. Als Poet war er schon 1866 ausgetreten. Er wird von einem Kenner als derjenige geschildert, der in Frankreich die ernste Familienpoesie eingesührt oder wenigstens heimisch gemacht hat. Von den Stoffen seiner Dichtung sagt er selbst: „Die Poesie muß mehr und mehr in ihren Schilderungen ihrer Eugene Manuel. geb. am 13. Juli 1823, gest. am I.Juni 1601.