Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1913)
- Date
- 1913-08-08
- Page
- Seite 376 (sequence 4)
- Language
- German
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376 aus den Hochländern Südangolas beabsichtigten humanitären Massenansiedelung russischer und galizischer Juden gegeben hat. Wie schon früher mitgeteilt, handelt es sich um ein Projekt der unter der Führung Zangwills stehenden „Jto", welche im vorigen August und September durch den Glasgower Professor Gregory in Südangola alle Verhältnisse an Art und Stelle 'erforschen ließ, und welche Reise zu dem Ergebnis führte, daß nur diejenigen Juden dort zufrieden sein werden, welche nicht große Reichtstmer, sondern Glücklichkeit und Sicherheit in ihrem neuen Heim anstreben. Als Basis dienen folgende Forderungen: Reservat von mindestens 5000 englischen Quadratmeilen zur Schaffung eines zentralen Landwirtschaftsuntcrnehmens; ferner Konzession äus 30 englische Quadratmeilen für eine landwirtschaftliche Station in der Nähe der Eisenbahn; eine Quadratmeile an der Lobito-Bucht zur Gewinnung von Baumaterial: Befreiung von Einfuhrzöllen auf die der. Judenkolonie erforderlichen Materialien während längerer Jahre;. Befreiung von Ausfuhrzöllen aus die erzeugten Produkte. Professor Gregory hält die Ausführung des Unternehmens für sicher, wenn die vorhandenen bedeutenden Kapitalien (es sollen die Rothschilds mit an der Spitze stehen) Israeliten in großer Anzahl nach möglichst weit ausgedehnten Ländereien aus die gesunden und fruchtbaren Hochflächen des Benguella- und Mossamedes-Huilla-Distrikts bringen. Nachdem nun aber der portugiesische Senat die Debatten über dies Kolonisationsunternehmen Ende Juni nicht beendet hat (die Redner waren teils dafür, teils dagegen), ist vorläufig die Inangriffnahme des Projektes unmöglich. Im Monate-Juli hatten jedoch die Leiter des konkurrierenden, portugiesischen Kolonisationsunternehmens (welches die Ablenkung der portn- . giesischen Auswanderung — jährlich 50 000 bis 80 000 Personen von Brasilien nach den Hochländern Südangolas bezweckt) erneut Besprechungen mit den zuständigen Ministern. * Ueber Verwaltungsreformen in Palästina wird der „N. I. K". aus Jaffa geschrieben: In der „Jerusalemer Warte" berichtet ein angesehenes Mitglied der Jafsaer deutschen Kolonie, Herr Fabrikant G. Wagner, über die Ergebnisse der jüngsten Inspektionsreise des Gouverneurs von Jerusalem, Madschid Bei, durch seinen Verwaltungsbezirk. Herr- Wagner hatte den Gouverneur auf seinen Fahrten in der Umgebung von Jaffa begleitet und schreibt darüber u. a.: „Uebernll, wo Madschid Bei hinkam, besuchte er zuerst die Schulen, auf deren ordentlichen Betrieb er anscheinend als ehemaliger Lehrer großen Wert legt. Ein weiteres Sorgenkind sind ihn: die Landstraßen, die sich meist im argen Zustande befinden. In Jaffa galt einer seiner ersten Besuche dem Internationalen Sportverein, für dessen Bestrebungen er sich lebhaft interessiert. Die Fragen, die ihn in Jaffa hauptsächlich beschäftigen, sind folgende: 1. Zehnten der Orangengärten in der Umgebung Jaffas. Die Betriebsunkosten sind bei diesen Gärten ohnedies sehr große und sie können mit den zehntfreien Gärten des'Stadtbezirks Jaffa kaum noch konkurrieren. Eine Versammlung unter dem Vorsitz des Gouverneurs beschloß, die Zentralregierung zu bitten, entweder lute in Saida den Zehnten aus die Hälfte zu ermäßigen oder, noch besser,' einen festen Satz von 50 Göldpiastern Pro Dunam an Stelle des Zehnten zu erheben. . 2. Auf Antrag des Jafsaer Zolldirektors trat der Gouverneur bei der Zentralregierung für die Errichtung eines neuen Zollamtsgebäudes ein, da das vorhandene in keiner Weise den Bedürfnissen genügt. 3-. Auch für den Hafen in Jaffa interessiert sich Madschid Bei und betrachtet ihn als Lebensfrage für die Provinz. 4. Der lange schon im Bezirk gehegte Wunsch, daß das Mutessarifslik Jerusalem zum Wilajet und Jaffa zum Mutessarifflik erhoben werde möchte, wird vom Gouverneur ebenfalls unterstützt. 5. Der Bezirk Jaffa mit seinen zirka 120 000 Einwohnern hat bloß einen Gerichtshof für Straf-, Handels- und Zivilprozesse. Die Folge ist, daß er die große Arbeit nicht bewältigen kann und Bagatellsachen sich Jahre hinziehen. Auch hier wurde versprochen, aus Abhilfe hinzuarbeiten. Der Gouverneur besuchte auch, einige jüdische Ackerbaukolvnien sowie die deutsche Kolonie Wilhelma. Aus die Klagen der Kolonisten über den schlechten Zustand der Fahrstraßen erklärte der Gouverneur, daß eine Abhilfe darin von. jetzt an viel' leichter sein werde als bisher, da alle Straßen, mit Ausnahme der großen Reichsstraßen, in das Budget der Provinz ausgenommen werden können, 'das dann nur noch als Ganzes der ^Sanktion durch großherrliches Jrade bedürfe. Er betrachte den Straßenbau als eine seiner 'wichtigsten Aufgaben. Im lausenden Jahre allerdings, dem ersten des Bestehens des Generalrates der Provinz und der erweiterten Befugnisse der Provinzbehörden, können, nur mehr.vorbereitende Schritte getan werden. Im nächsten Jahre aber soll mit der eigentlichen Arbeit begonnen werden. In der weiteren Unterhaltung erzählte Madschid Bei von vier Tscherkessenkolonien, die 'er früher im Wilajet Erserum gegründet hat, und meinte, daß die Türkei in der Hauptsache ein'Agrarstaat bleiben müsse." - / . Herr Wagner schildert dann den Besuch des Gouverneurs in der jüdischen Kolonie Pethach-Tikwah und fährt dann fort: „Die' Besucher verabschiedeten sich pM-bmZiebenswUdigen und gastlichen Ko-' lonisten und entfernten sich-Tn-nordöstlicher Richtung, um eine vor kurzem am AudschaslUsse ' von jüdischer Seite eingerichtete Bewässerungsanlage zu besichtigen. Ihr Zweck ist, die in erreichbarer Nähe gelegenen Orangengärten im Sommer mit Flußwasser zu 'versorgen und die Aufstellung von Motor und Pumpe in jedem einzelnen Garten zu ersparen. Die hübsche und praktische Anlage macht den Ingenieuren, die die Aufstellung leiteten, alle Ehre. Hübsch ist das Maschinengebäude, das aus Eisenbeton mit ganz dünnen, aber doch äußerst haltbaren Wänden hergestellt ist und mit seinen großen Fenstern und dem zierlichen Zinnendach fast den Eindruck einer kleinen Billa macht. Der Leiter des Unternehmens, Herr Bezalel Jaffe, machte in liebenswürdigster Weise den Wirt und gab alle gewl'mschten Aufklärungen." Eine Rundfahrt durch das jüdische Stadtviertel Tel-Awiw beschloß die interessante und alle Teilnehmer befriedigende Fahrt. Lur brennenden Frage. Bon einem Lehrer in G. eine jüdische Volksschule, das ist meine Ansicht, obwohl ich selbst an ihr tätig bin. — Sattsam sind die Gründe bekannt, die aus beiden Lagern für und gegen vorgebracht werden. Ein Beispiel statt vieler Argumente. In einer Gemeinde einer mittelgroßen Stadt find nahezu 50 Kinder tut Alter von 0—14 Jahren. Von diesen besuchen drei die jüdische Volksschule. Die anderen gehen in die höheren Schulen, die teilweise Vorschulklassen haben. Es ist übertrieben, wenn behauptet wird, die religiöse Erziehung leide darunter. Wenn es ernst ist, kann der Vater seine Kinder, von den schriftlichen Arbeiten doch befreien lassen. Wenn taktlose Lehrer das Gefühl jüdischer Kinder beleidigen, so gibt es Mittel, ihnen solches Gebaren zu vertreiben. Oft genügt es, wenn man den Lehrer persönlich darüber Vorhalt macht. Versagt dieses einfache Mittel, so wendet man sich an den Leiter der Schule. Das hilft fast immer.; Ueb crall ist dagegen anzustrebe n, d a ß d e r Religionsunterricht in d e r . ' allge m e i n e n Schule — nicht im besonderen Religionsschullokal — erteil t w i r d und möglichst zur gleichen Stunde mit den anderen christlichen Schülern. In diesem Falle kommt der jüdische Lehrer mit den anderen Lehrkräften in nähere Berührung, und es ist ihm ermöglicht, etwaigen Unebenheiten leichter zu begegnen. Es wird sich sogar bald zeigen, daß.Angehörigkeiten ganz verschwinden. Die jüdischen und die christlichen Schüler wissen dann, daß der jüdische Religivnslehrer zum Lehrkörper der Schule' gehört. Das ist für die Schüler schon ausreichend, um ihn als gleichwertig zu achten. Bei-dieser Einrichtung ist die Möglichkeit gegeben, daß ihm, wenn auch nur vertretungsweise, .auch andere Unterrichtsstunden übertragen werden können, und schließlich kann doch hier und da eine Anstellung für ihn als vollbeschäftigte Kraft herausgeschlagen werdend Die jüdische Volksschule war einmal Bedürfnis. ' Selbst in kleinen Gemeinden hatte sie eine stattliche Schülerzähl aus-