Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1913)
- Date
- 1913-08-08
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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375 mit dem Herzen dabei, wo es sich um bie heiligen Aufgaben handelt, die Israel in seiner Mitte zu lösen hat. Und darum, geschahen nicht bloß unseren Alten Wunder, auch wir können danken für die Wunder, die uns geschehen, denn von Zion sendet der Herr auch uns den Stab unserer Macht, mit dem , wir alles Feindliche überwinden. Sulamith bleibt die sich Gott weihende Gemeinde, die in ihrer Mitte das Licht der göttlichen Wahrheit pflegt, das Licht, das von Zion ausgegangen und sich immer mehr verbreitet, von einem bis zum anderen Ende der Welt! Die Mache. Berlin, den 5. August 1913. eit einigen Tagen herrscht aufdemBalkan Waffenstillstand. Er ist zunächst auf fünf Tage geschlossen, wird aber voraussichtlich verlängert werden, um dem Frieden Platz zu machen. Freilich vermag man sich noch nicht sehr optimistischen Gefühlen hinzugeben, denn die Friedensbedingungen der Verbündeten sind derart, daß die Bulgaren die schwersten Bedenken dagegen hegen, und die von diesen: gewährten Zugeständnisse solche, daß sie den Siegern zu unbedeutend erscheinen — aber man wagt noch immer zu hoffen, daß beide Parteien mit sich reden lassen, daß Rumänien den Vermittler spielen wird, und daß auch die europäischen Mächte, deren Wort freilich bisher so häufig verhallt ist, zu der friedlichen Lösung kräftig beitragen werden. Rabbiner Dr. Armand Kaminka in Wien veröffentlicht im Londoner „Jewish Chronicle" folgende bemerkenswerte Zuschrift:- Als vor einem Jahre Baron Heyking in London gewagt hatte, die Behauptung anfzustellen, es könnte eine Sekte unter den Juden geben, die zu rituellen Zwecken Christenkinder morde, wurde dies nicht als harmlose Ignoranz eines russischen Funktionärs betrachtet, und der Präsident unserer Kultusgemeinde, Dr. Alfred Stern, der zugleich Präsident des Bundes aller österreichischen jüdischen Gemeinden ist, in deren Mitte alle religiösen Gruppen des Judentums ohne Ausnahme vertreten sind, richtete an die „Times" ein Telegramm, in welchem er seine Entrüstung über diese niederträchtige Insinuation ausdrückte. Nun ist das Unerhörte geschehen, daß. nicht irgendein russischer Diplomat, sondern die Regierung des Zarenreiches als solche, die Negierung einer Großmacht, welche mit England und Frankreich alliiert ist und welche den Anspruch erhebt, daß ihre Justiz und ihre staatlichen Einrichtungen in der Kulturwelt geächtet werden, sich zum Glauben, daß ein Jude aus religiösen Gründen ein christliches Kind bestialisch martern und töten kann, öffentlich bekennt. Diese Tatsache ist eine so ungeheuerliche, daß alle jüdischen Gemeinden der Welt, alle großen jüdischen Korporationen, alle Rabbiner Europas und Amerikas durch sie aufgerüttelt werden müssen. Die Erregung, welche im Jahre 1840 anläßlich der Blutbeschuldigung in Damaskus sich der gesamten Judenheit bemächtigte, und welche Sir Moses Montefiore und Adolphe Cremieux zu einer Aktion im Namen der jüdischen Gesamtheit veranlaßt hat, ist doch gar nichts gegenüber der Empörung, die in unseren Tagen, wo wir für die Ehre des Judentums viel empfindlicher sind, wie ein Sturm durch alle Länder gehen müßte. Glücklicherweise lebt jetzt schon über die Hälfte unserer Glaubensgenossen in freien Ländern und, so ohmnächtig sie auch gegenüber der russischen Barbarei sind, so haben sie doch die Möglichkeit, im Namen der Wahrheit und Gerechtigkeit ihre Stimme so laut und so energisch zu erheben, daß sie von den redlichen und anständigen Menschen der zivilisierten Welt nicht überhört werden könnten. Ich meine damit, daß ein grandioses Protestmeeting, an welchem neben den Vertretern aller großen jüdischen Gemeinden auch hervorragende Christen teilnehmen würden, unvermeidlich ist. Ich habe mit Herrn Dr. Paul Nathan über die Frage einer internationalen Protestkundgebung vor kurzem korrespondiert. Dr. Nathan hält für eine eventuelle Veranstaltung London - für den geeignetsten Ort. Ich gehe aber noch weiter. Mit Rücksicht auf den Umstand, daß die schändliche Blutbeschuldigung in Kiew, wie in dieser Stadt selbst und im ganzen russischen Reiche unter den Gebildeten bekannt ist, aus einer mala t'ickes des Justizministeriums beruht; daß man seit zwei Jahren konsequent die Verfolgung der wirklichen, in der Stadt bekannten Verbrecher unterläßt und von St. Petersburg aus eine Pression auf das Gericht in Kiew ausübt, daß der Jude Beilis, und zwar eben nur, weil er Jude ist, mit Hilfe von blödsinnigen Gutachten über die Nitualmordlegende als Mörder angeklagt werde; daß diese ganze, von offiziellen und offiziösen Organen in Rußland seit zwei Jahren betriebene wütende Agitation, das russische Volk durch die Ritualmordbeschuldigung in einer Pogronistimmung gegen die Juden zu erhalten, nur ein Glied in der langen Kette der unmenschlichen Verfolgungen ist, unter welchen die Juden in Rußland leiden - wäre es notwendig, daß ein Weltkongreß von Menschenfreunden cinberufen werde, welcher sich mit der Frage der Befreiung dieser in Wahrheit als letzte S k l a v e n E u r.o p a s zu bezeichnenden sechs Millionen Menschen befasse. Die öffentliche Moral der Kulturwelt, das Gewissen der gebildeten Menschheit, wird für die Dauer die Heuchelei nicht bestehen lassen, daß es sich hier um eine interne Angelegenheit Rußlands handle, an die man nicht rühren dürfe. Europa und Amerika müssen erfahren, in welcher Weise die Juden in Rußland von der Negierung des Zaren systematisch nicht nur von allen bürgerlichen Rechten ausgeschlossen, wirtschaftliche in Not und Elend gedrängt, sondern auch durch Entziehung der Möglichkeit der Bildung geistig herabgesetzt und demoralisiert werden. Zu den Aufgaben eines derartigen Kongresses würde es gehören, gegen die Degradierung der ausländischen Juden in Rußland Protest zu erheben. Die Agitation, die in Amerika zur Erwirkung der Freizügigkeit amerikanischer Juden in Rußland eingeleitet wurde und vorläufig ergebnislos blieb, muß auf breiterer Basis gleichzeitig auf Leiden Kontinenten wieder ausgenommen werden. Die im politischen und ökonomischen Leben der Völker vielfach eine hohe Position einnehmenden Juden, die sich jetzt mit ihren Glaubensgenossen wenig solidarisch fühlen, würden vielleicht durch einen Weltkongreß daran erinnert werden, daß es sich auch um ihre persönliche Ehre und Würde handelt, und mit vereinten Kräften würden sie doch etwas mehr ausrichten können. Das positive Ergebnis eines Kongresses müßte die Bildung eines ständigen internationalen Komitees sein, das auf rein humanitärer Grundlage ebenso wie die White Slave Trafsic Liga gegen die Judenverfolgungen eine ausklärende Propaganda, energisch zu betreiben hätte. Wie sich diese beiden Gebiete berühren, hat Chiesrabbi Dr. Hertz jüngst in einer besonders dankenswerten Weise öffentlich hervorgehoben. Es muß dafür gesorgt werden, daß auf allen internationalen Kongressen, wo Rußland sich als Kulturstaat vertreten läßt, seinen Vertretern in ähnlicher Weise die Wahrheit gesagt werde. Sollte der Justschinskiprozeß durch die Erregung, die er hervorruft, zu einer derartigen Aktion Anlaß geben, so wird er vielleicht der Ausgangspunkt zu einer neuen und wirksamen Organisation der Selbsthilfe unter den Juden Europas und Amerikas werden. .■* Man schreibt uns aus der Schweiz: Zur Erinnerung an die 1863 erfolgte Emanzipation der Juden in der Schweiz hatte der „Verein jüdischer Studierender" in Zürich eine Gedenkfeier veranstaltet. In einer Festrede gab Herr Rabbiner Dr. Lippmann, Zürich, einen Ueberblick über die Geschichte der Juden in der Schweiz bis zur Helvetik. Der Schriftsteller Dr. Kruk, der sich ill seiuen Ausführungen des Jargons bediente, sprach von der eigentlichen Emanzipationsepoche, die mit dem französisch-schweizerischen Niederlassungsvertrag von 1863 ihren Abschluß fand. Dieser Vertrag enthielt zum erstenmal die völlige Gleichberechtigung französischer Juden mit den anderen in der Schweiz seßhaften Franzosen, eine Bestimmung, die dank der Meistbegünstigungsklausel fast allen fremden Juden in der Schweiz die Niederlassungs-, Gewerbe- und Kultusfreiheit garantierte. Die neuen Rechte gingen nun in der Praxis ohne weiteres auch auf die Schweizer Israeliten über, bis sie im Jahre 1874 durch die Versassuugsrevision auch auf dem Papier legalisiert wurden. Die „Deutsche Kolonialzeitung" schreibt über die israelitische Kolonisation in Angola: Das portugiesische Parlament hat. seine diesjährigen Sitzungen beendet, ohne daß auch der Senat seine Zustimmung zu dem bereits von der Deputiertenkammer genehmigten Gesetzentwurf betreffs der