Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1913)
- Date
- 1913-08-08
- Page
- Seite 374 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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374 schon lange vorher von den Propheten in den Mund gelegt worden, aber Wunder genug, die Neuzeit erst hat sie wieder entdeckt. Ueber „die Grenzen Israels hinaus" will der Herr sein Reich erweitern. „Und du Israel, bist der Bote, den ich sende". Ueber den engen staatlichen Kreis hinaus hat Israel seinen weltgeschichtlichen Beruf erhalten. „Mein Knecht bist du, Israel, durch dich will ich mich verherrlichen. Wäre es da genug, wenn du bloßdaran dächtest, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Geretteten Israels zurückzuführen? Ich mache dich zum Lichte der Völker, daß mein Heil bis ans Ende der Welt komme."«) Mag man uns manche Untugenden vorwerfen, aber das eine lassen wir uns nicht nehmen, daß unser Volk sich als das auserwählte Volk betrachten durfte. Es liegt darin keine Ueberhebung, denn es ist eine geschichtliche Tatsache. Nur wenige sind es stets gewesen, die als Lehrer und Erzieher für andere dienen konnten. Werden wir dem Forscher einen Vorwurf machen, wenn er sich als Pfadfinder erweist und damit als Auserwählter unter Tausenden? Werden wir einem Künstler eine Anmaßung zuschreiben, wenn er unter Tausenden der Erwählte, war, ein klassisches Werk zu schaffen? Wie einzelne, so sind auch ganze Völker für die eine oder die andere schöpferische Betätigung angelegt und begabt. Die Griechen waren das auserwählte Volk der Wissenschaft und Kunst, die Israeliten waren das auserwählte Volk der Religion. Wer könnte einem Volke, das unablässig an sich gearbeitet, die Höhen des Göttlichen zu erklimmen, die Teilnahme versagen? Welches Volk hätte sich bei einem so beispiellosen Martyrium durch die Jahrtausende erhalten? Welches Volk hätte sich da noch ein kindlich Herz bewahrt, ein Herz voll Liebe und Mitleid? Das Volk ist nicht von gestern und ehegestern. Es hat eine viertausendjährige Geschichte. Da sagt man, das Judentum bedeute die Jugendzeit in der Religionsbildung, die spä-' tere Religion die männliche Reife. Wir entgegnen: das Judentum ist die Mutter, und die späteren Religionen sind die Töchter. Zwei Weltreligivnen haben aus ihm ihre besten Säfte gesogen, und was noch mehr bedeuten will, die Mutter hat sich behauptet gegen die. Anfeindungen ihrer undankbaren Töchter. Welche Mutter könnte standhalten, wenn die eigenen Kinder gegen sie wüten? Israel hat dieses Wunder vollbracht. Wer einen Beruf hat, .erfüllt einen Zweck im Leben; wer seinem Leben einen Zweck verleiht, rechtfertigt sein Dasein. Israel ist dem Gottesreich zugekehrt, und dieserhalb wird es als Knecht Gottes zu allen Völkern in Beziehung gesetzt. Ein persönlicher Messias weist uns auf Palästina, der Knecht Gottes aber auf die ganze Erde oder, um im Bilde zu reden: Denken wir nur an den persönlichen Messias, so stellen wir eine Gestalt dar, sinnend nach innen gekehrt, schmerzbewegt ob all der Greuel, die Rassenhaß und Glaubenshaß verüben, doch auch wiederum der Zeit harrend, da die Völker ihre Landesgrenzen endgültig geregelt haben, um in Frieden miteinander zu verkehren, einer Zeit, da auch er kommen kann, um fein Reich in Zion aufzurichten. Denken wir aber an den Knecht Gottes, so ist es das Volk, das wir in einer idealen Messiasfigur darstellen, das Volk, das heiteren Blickes den sogenannten Judenschmerz überwindet durch das Gottesreich, das es überall auf dem weiten Erdenrund in dem abgrenzenden Gemeinwesen sich selbst gestaltet. Mit drei Ehrennamen wurde das Volk angesprochen: Israel, d. h. der Kämpfer und Sieger für Gott; Jeschurun d. h. das gerade, rechtschaffene Volk; Ebed adonaj, d. h. der °) Jesaja 49, 1 ff. Knecht Gottes, die Messiasgemeinde. Wenn es auch nicht immer diese Namen gerechtfertigt hat und zuweilen die Zuchtrute erfahren müßte, so erwarb es sich endlich doch als letzten Namen den Namen Sulamith. Was bedeutet uns dieser Name, der dem Höhen Lied entlehnt ist? Wir übersetzen: die sich Vollendende. Sulamith tft die sich vollendende Gemeinde, die nach der verständlichsten Form ringt, in der die Religion ihre weltbezwingende Macht äußern kann. Auch die Welt nannte Israels Gemeinde Sulamith, aber in einem anderen Sinne, in dem Sinne der Abgetanen, der Abgeblühten. Und warum das? Weil sie ihr war „ein verschlossener Garten", eiü „versiegelter Quell". Jahrtausende vergingen, bis man uns verstehen wollte; dogmatische Säulen, die man aufgerichtet, verhinderten jede Verständigung. Doch heute ist man bereits so weit, daß man in den Grundfragen der Religion sich uns annähert, und vereinzelt vernehmen wir schon den Aufruf: „Preiset, ihr Nationen, das Volk Gottes!" °) Da heißt Sulamith nicht mehr die Abgefertigte, die ihre Bestimmung erfüllt hat — seht, sie blüht ja gleich der Lilie von Saron, gleich der Rose im Tale! Jetzt heißt sie die Wiederhergestellte, die Belohnte, die Getröstete, die Beglückte und nicht zuletzt die Friedensbringerin, was alles in dem vielsagenden Worte Sulamith enthalten ist. Wie die Person zur Persönlichkeit,aussteigt, so ist das Volk zu einer Gemeinde geworden. Wir nehmen in der Messiasauffassung den prophetischen Standpunkt ein, daß wir nicht auf die Völker einzuwirken haben, nein, wir haben vor allem an uns selbst zu arbeiten und alles das herauszusördern, was als vorbildlich angenommen werden könnte'). Und da haben wir weniger auf die pietätvolle Konservierung zu achten, als vielmehr auf die verjüngende Fortbildung. Und nun sehen wir zu, wie der Stab von Zion auch' in unserer Mitte Wunder wirkt. Ist es nicht ein Wunder, wenn in einer Zeit, in der man uns von allen Seiten zu beweisen sucht, daß die Thesen der Religion nicht mehr in den neuen Kulturplan Hineinpassen — daß wir uns da mit erneuter Begeisterung dem Heiligtume zuwenden, wo uns das Gotteswort, das von Zion ausgegangen, den Stab unserer Macht übermittelt, der den Wogen der Verneinung gebietet und uns mitten durch die Zeitströmungen einen sicheren Pfad ebnet! Ist es nicht ein Wunder, daß in einer Zeit, in der aus so vielen Häusern der jüdische Geist entflohen ist und die Klage erhoben wurde: Die Jugend geht uns Perloren! — daß da gerade in der Jugend sich ein heiliger Eifer entfacht hat, der uns eine Zukunft verbürgen will! Es verschlägt nichts, wenn die Jugendvereine nach verschiedenen Richtungen auseinandergehen, die Gegensätze tragen zur Klärung bei. Ist es nicht ein Wunder, wenn auch die Frauen, denen man voreilig das Interesse für religiöse Angelegenheiten absprach, sich zu Frauenbünden vereinigt haben, die das jüdische Haus und die jüdische Solidarität zu pflegen suchen! Und nicht zuletzt weisen wir auf jene großen, über ganze Länder, ja über die ganze Erde verzweigten Verbände, in denen trotz der verschiedenen Parteien die Gesamtheit Israels vertreten ist. Ihr heiliges Erlösungswerk gilt jenem Teile unserer religiösen Gemeinschaft, dem in leiblicher und geistiger Beziehung das natürliche Menschenrecht versagt ist. So steht Sulamith da in ihrer keuschen Schöne und in ihrer flammenden Liebe, im Hause, im Gotteshaus und in der Schule, in den wissenschaftlichen Veranstaltungen und in den gemeinnützigen Vereinen. Nicht nur unsere Vorfahren konnten ihre Seele hingeben zur Heiligung des göttlichen Namens — auch wir noch sind °) V. Mose 32, 43. - 7) Jesaja 42, 1—5.