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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-08-01 · Heft 31 (1.8.1913) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 31 (1.8.1913)
Date
1913-08-01
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 melden sich Besucher an. Ungesehene Fachzeitschriften haben bereits Anlagen, Organisation und Lehrplan der jungen Anstalt anerkennend hervorgehoben. Von den zurzeit die Anstalt besuchenden Lehrern, die Fachkurse im Schulgartenbau und Handfertigkeitsunterricht durchmachen, haben fast alle die bestimmte Aussicht, das erworbene Können nach Schluß der Kurse fruchtbar und nutzbringend zu verwerten. Am I. Oktober beginnen die ordentlichen Winterkurse, die neben allgemeiner Fortbildung wesentlich dem Handfertigkeitsunterricht gewidmet sein werden. Anmeldungen hierzu sind zu richten an Herrn Direktor Alexander, Simonsch'es Seminar in Peine (Hannover). — Soeben ist die Banerlanbnis für einen großen Kinderhort erteilt worden, den in der Hauptsache die Sirnonsche Stiftung in Hannover errichtet, und der insbesondere der Erziehung zur Arbeitstüchtigkeit von zahlreichen Kindern armer Glaubensgenossen dienen -soll. Architekt ist wiederum Herr Heinrich Tessenow, Hellerau, der auch die übrigen großen Bauten der Stiftung entworfen hat. Zum Bau dieses Kinderhorts stifteten die Eheleute Joseph und Teresa Berliner 50 000 Mark. — Die Gesamtausgabe der Simonschen Stiftung im abgelaufenen Geschäftsjahr hat 252 201.07 Mark betragen, ein Anzeichen dafür, wie stark doch die Bedürfnisse sind, denen zu dienen die Stiftung bestimmt ist. L2 Heilbronn, 25. Juli. Das israelitische Landesasyl „Wilhelmsruhe" in Sontheim bei Heilbronn dürfte sich des Besuches einer größeren Anzahl Stuttgarter und Cannstatter Mitglieder, denen sich auch solche von Heilbronn angeschlossen haben, erfreuen. Unter Führung des-verdienten Vorstands, Sanitätsrat Dr. Em. Weil wurde die Anstalt eingehend besichtigt und die Teilnehmer waren von der zweckmäßigen Einrichtung und den schönen freundlichen Räumen allgemein hochbesriedigt. Nach dem Rundgang wurde ein Imbiß eingenonnnen, den das Damenkomitee in liebenswürdigster Weise bereit gestellt hatte; auch wurde den Besuchern durch verschiedene poetische und Gesangsvorträge — letztere seitens der Opernsängerin Fräulein H e ß — ein großer Genuß bereitet. Ein Besuch der „Wilhelmsruhe" würde gewiß manchen, der dem Asylverein noch nicht als Mitglied, augehört, zum Eintritt in denselben veranlassen; denn es ist für jedermann eine Freude, zu sehen, welchen behaglichen und sorgenfreien Lebensabend die musterhaft geführte Anstalt ihren Insassen bietet. Stratzbnrg i. ($♦, .25. Juli, lieber den Familiennamen Weil schreibt ein Mitarbeiter der „Straßburger Post": „Der Name ist im Elsaß, in ganz Süddeutschland, infolge Auswanderung wohl auch im Ausland (Oesterreich, Frankreich usw.) stark verbreitet. Erinnert sei da z. B. au den namhaften Orientalisten Gustav Weil (geboren 1808 zu Sulzburg, lange Universitätsprofessor in Heidelberg, gestorben 1889 zu Frei bürg i. Br.), den Philologen Henri Weil (geboren 1818 in Frankfurt a. M.), der eine Zeitlang auch an der alten Straßburger llniversität gelehrt hat, dann nach Besanyon ging und 1876 Professor der griechischen Literatur in Paris wurde, den aus dem Elsaß stammenden Schriftsteller Alexander Weil, den Freund Heinrich.Heines, den österreichischen Dichter Josef v. Weilen, der ursprünglich ebenfalls Weil hieß, u. a. m. Woher stammt dieses Wort Weil? (Gelegentlich hat man das l am Ende ja auch verdoppelt.) Rührt die Bezeichnung von dem in Süddeutschland mehrfach vorkommenden Ortsnamen Weil her? So gibt es ja ein Dorf in Oberbaden, nahe an der schweizerischen Grenze, in Württemberg eine Stadt des Namens (Weilderstadt) und ein Dorf (Weil im Dorf). Die Ableitung würde mir wahrscheinlich erscheinen, wenn nicht die außerordentlich starke Verbreitung des Familiennamens mich in dieser Beziehung stutzig machen könnte. Vorübergehend ist mir auch der Gedanke gekommen, es möchte sich da um eine der.nicht seltenen Zwangsnamenauslegungen handeln, deren sich in Zeiten ausgesprochenster Unduldsamkeit die Christen den Israeliten gegenüber schuldig machten. Doch es fehlt, wie gesagt, darüber jede Gewißheit. Wer kann Aufklärung geben?" Oesterretch-Nngam. K. Wien, 25. Juli. Ein eigentümlicher Prozeß beschäftigte am 19. d. M. das hiesige Strafgericht. Gegenstand der Klage bildete das allzu schlechte Blasen — nicht des Schausors am jüdischen. Neujahrsfeste, sondern des Hornisten bei der am 25. Mai in Ottakring stattgesundenen Fronleichnamsprozession. Während des feierlichen Umzuges äußerte sich der Kaufmann Eugen K o h n in einem Restaurant dem Bildhauer Otto Hötzl gegenüber, daß der Hornist beim Umgänge sehr schlecht blase, und fragte, ob die Ottakringer. keinen besseren Hornisten hätten. Darüber geriet Hötzl in furchtbare Aufregung; er sprang von seinem Sitze auf und ries dem Kohn zu: „Der Hornist bläst aus christlicher Liebe. Ein Jude hat, wenn von einer Prozession die Rede ist, das M . . . zu halten, darum halten Sie Ihre Pappen." Kohn reagierte mit dem Ausdruck „Frechling". Es entstand ein Streit, der zu gegenseitigen Ehrenbeleidignngsklagen führte. Der Angeklagte Hötzl erklärte vor dem Richter, daß er sich als Christ mit Recht über die Kritik, die Kohn als Jude an dem Blasen des Hornisten übte, ausgehalten und ihn aufmerksam gemacht habe, daß er als Jude in dieser Sache nichts dreinzureden habe. Der Richter sprach den angeklagten Kohn frei, und verurteilte den augeklagten Hötzl.311 einer empfindlichen Geldstrafe. Im Urteil heißt es, daß an der M u s i k bei einem feierlichen Umzuge jeder berechtigt sei, Kritik zu üben, wie es jedem Christen sreistehe, Musik und Gesang in einer jüdischen Synagoge außerhalb derselben zu'kritisieren. - Am 17. d. M. starb hier der durch seine antisemitischen und demagogischen Umtriebe sattsam bekannte Landtags- und ehenmlige Reichsratsabgeordnete E r n st S ch n ei d er im Alter von 63 Jahren. Schneider war einer der wütendsten Antisemiten aus der Aera Luegers; er erhob die abscheulichsten Beschuldigungen gegen Juden und Judentum mib schreckte vor keiner Verleumdung zurück, wo es galt, die Juden und ihre Lehre zu verunglimpfen. Schneider verlangte die Beseitigung der politischen Rechte der Juden, ihre Ausweisung aus Oesterreich, die Untersuchung ihrer religiösen Bücher zur Beruhigung des christlichen Volkes und selbst die Einführung eines Schntzgeldes für die Juden, wie es einst gegen die Mongolen bestanden habe. Mit geradezu fanatischer Verbissenheit warf sich Schneider auf die Propaganda des Ritunluwrdmärchens, und die Zeit der Polnaer Affäre, die er durch unbefugte Agitationen förderte, war ein Höhepunkt seiner verhetzenden Tätigkeit. Die Verbreitung des Ritualmordmärchens führte ihn bis nach Kiew und Korfu. Zum Lohne dafür wurde er nach dem Tode Luegers 311111 Schulreferenten des niederösterreichischen Lnndesausschnsses erhoben. Damit war sein Ehrgeiz befriedigt und verschwand so allmählich von der politischen Oberfläche. — Der Rabbiner der israelitischen Kultnsgemeinde in Zwittau (Mähren), Dr. Felix Kanter, erhielt vor einigen Tagen vom Kardinal Erzbischof D r. Bau c r in Olmütz ein eigenhändiges hebräisches Gedicht in Form eines Achrostikvns als Dank für die Gratulation anläßlich des goldenen Priesterjnbiläums dieses hohen Kirchensürsten. Zwittau gehört zur Olmützer Diözese, und Dr. Kanter hatte wiederholt Gelegenheit, mit dem Olmützer Erzbischof Gespräche über religiöse und wissenschaftliche Fragen zu führen. Die Gratulation des Rabbiner Dr. Kanter war in klassischem Hebräisch abgefaßt, und die Antwort des Kardinals bestand nebst einer deutschen Danksagung in einem herrlichen Gedichte, das geradezu in eine Hymne ans den gelehrten und fleißigen Rabbiner ausklingt. Es dürfte wohl der erste Fall sein, daß ein Kardinal einen jungen Rabbiner in dieser Weise auszeichnete. England. 2. London, 25. Juli. Am 30. v. M. wurde hier der V. internationale Kongreß zu Unterdrückung des Handels mit weißen Sklaven eröffnet. Bei dieser Gelegenheit hielt der Chief Rabbi Dr. Hertz eine sensationelle Rede, die einen tiefen Eindruck auf die Versammlung machte. Zunächst hielten Ansprachen zur Begrüßung des Kongresses der Graf und die Gräfin von A b e r d e e n, der Erzbischof von C a n t e r b u r y, der Kardinal-Erzbischof von W e st m i n st e r, Rev. Doktor H 0 r t 0 n. Diesen folgte der Chief Rabbi mit seiner Ansprache. Nach einigen einleitenden Worten sagte er: Der weiße Sklavenhandel ist eine freche Herausforderung der Zivilisation, und unsere Anwesenheit hier beweist, daß Männer und Frauen aller Nationen bereit sind, die Herausforderung nuszugreisen, entschlossen nicht zu rasten, bis dieser Ausbund aller Niederträchtigkeiten, Schandtaten und Abscheulichkeiten vom Erdboden weggefegt ist. Es ist uns bitterer Ernst. Wir wollen weder Zeit noch Kraft verschwenden, um dieser oder jener Seite einen Tadel auszuteilen oder zuzuschieben. Niemand ist ganz von der Schuld frei, seit Jahren unterlassen zu haben, was hätte geschehen sollen. Kein einziges Volk, keine einzige Kirche darf dem selbstgefälligen Spiel sröhnen, Steine aus die anderen zu werfen. Alle sind wir zu dem Ergebnis gelangt, daß das Verbrechen allen Religionen und allen Völkern gemeinsam ist. Und nun sind wir alle Brüder in dem gleichen Mißgeschick; denn alle Völker, alle Kirchen liefern unfreiwillige Opfer dieses weißen Sklavenhandels. Vor tausend Jahren bildete ein einziges Volk aus diesem Gebiete eine Ausnahme, das jüdische. Heutzutage ist das leider nicht mehr wahr. Vielfach und schrecklich sind die Mächte, die die uralte

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