Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Infolgedessen konnte uns das Berliner Komitee im Sommer 1912 nur im Juli und August Kinder schicken, insgesamt 45 gegen 60 im Vorjahre. Da nun die Befürchtung nahe lag, daß das Heim während des Juni leer stehen müsse, stiftete Herr Assessor Dr. Lcvy 16 Freistellen sür den Monat Juni. Wir wandten uns außerdem an verschiedene Vereine und Korporationen mit der Bitte, uns Ferienkolonisten herzusenden und hatten bald einen nicht vorausgeahnten Erfolg. Wir bekamen nämlich bald so viel Aufnahmegesuche, daß wir bei weitem nicht alle berücksichtigen konnten. Trotzdem wir im Juli die Zahl der Kinder von 25 auf 29 und im August auf 26 erhöhten, mußten wir zirka 40 Gesuche abschlägig beantworten. Die meisten dieser Gesuche zielten nicht auf Freistellen hin, sondern waren'von charitativen Zahlungsbereiten Vereinen. Aus dem Umstande, daß die meisten Aufnahmegesuche aus den Nachbarprovinzen und der Provinz Posen selbst kamen, ergab sich uns die erfreuliche Perspektive, daß unser Heim mit der Zeit berufen sein dürfte, eine bisher bestandene Lücke in dem sozialen Hilfswerk der Gemeinden der östlichen Provinzen auszufüllen. Im ganzen verpflegte das Erna-Levh-Heim während der Monate Juni, Juli und August 78 Kinder. Die Kinder der hiesigen Gemeinde wurden wiederum unentgeltlich verpflegt. Die Gewichtszunahmen waren durchweg befriedigende, in vielen Fällen gute und sehr gute. Verpflegt wurden im Monat Juni 28 Personen, im Juli 33, im August 30 Personen, d. s. 2730 Verpflegungstage. Die Kosten sür Verpflegung und Wäsche beliefen sich aus 2 626.68 Mark, so daß jede Person durchschnittlich 0.96 Mark täglich gegen 0.62 Mark' im Vorjahre kostete. Für Gehälter, Reisegelder, Versicherungsbeiträge, Dienstbotenlöhne verausgabten wir 463.43 Mark, sür Reparaturen und Kleinigkeiten 52.20 Mark, sür Neuanschaffungen 80.52 Mark, sür Drucksachen 63.40 Mark, Bäder kosteten 249.30 Mark (ermäßigt), Beleuchtung und Heizung 107.56 Mark. Die Miete betrug 700 Mark. Die Gesamtsumme der Ausgaben ist demnach 3643 Mark. Anläßlich der ersten Wiederkehr des Todestages seiner verstorbenen Tochter machte Herr Stadtältester Dr. W e i g e r t in Berlin dem Frauenverein eine Schenkung von 6000 Mark mit der Bestimmung, die Zinsen dieses Kapitals zum weiteren Ausbau des Erna-Levh-Heims in dem Sinne seiner verewigten Tochter zu verwerten. Die Stiftung führt den Namen „Erna-Levh-Weigert-Stiftung". Von mehreren Vorschlägen, die das Komitee dem Stifter auf dessen Wunsch unterbreitete, erklärte dieser den eines Kinderhortes für am meisten seinen Intentionen entsprechend, und so wurde denn ein solcher Hort Anfang November mit 14 Kindern eröffnet, deren Zahl inzwischen auf 19 gestiegen ist. Durch das liebenswürdige Entgegenkommen der Stadtverwaltung und des Herrn Rektor K n o p fand der Hort in der Georgenschnle Unterkunft. Der Israelitische Frauenverein spricht auch an dieser Stelle allen, die zur Förderung des Erna-Levh-Heims beitragen, den wärmsten Dank aus. R. W. Rogasen, 25. Juli. Der hier vor einigen Monaten ins Leben getretene Verein „I ü d i s ch e s Siechen- und Altersheim f ü r d i e P r o v i n z Posen" E. V. hat dieser Tage sür seine zu erbauende Anstalt bereits einen 2000 Quadratmeter großen Platz unter besonders günstigen Bedingungen käuflich erworben. Man gedenkt im nächsten Jahre mit dein Bau beginnen zu können und werden daher Spenden zur Ergänzung des Baufonds sowie laufende Mitgliederanmeldungen und Beiträge jederzeit entgegengenommen. Dem Verein, der sich die Erreichung eines sür die Provinz Posen dringend notwendigen Bedürfnisses als Ziel gesetzt hat, ist es in der kurzen Zeit seines Bestehens gelungen, bereits zirka 300 Mitglieder und mehrere Gemeinden für sein wohltätiges Unternehmen zu interessieren. W. Kolberg, 25. Juli. So selten ein 50 jähriges Amtsjubiläum ist — das 50 jährige Ortsjubiläum einesRabbi ners ist fast unbekannt. Der Rabbiner Herr Dr. Goldschmidt wirkt ein halbes Jahrhundert in der Gemeinde Kolberg. Er war, wie dieses sein Studiengenvsse Herr Professor Dr.. Bloch in seiner Festpredigt hervorhob, einer der ersten Rabbiner in Deutschland, der einen geordneten Religionsunterricht und Jugendgottesdienst in seiner Gemeinde einführte und zum Teil noch heute leitet. Die beiden Direktoren des Gymnasiums und der Lyzeen betonten in ihren Ansprachen, daß die Erziehung und das sittliche Betragen der jüdischen Jugend in erster Reihe das Verdienst des Rabbiners seien. Nach einem erhebenden Festgottesdienst, dem ein trefflicher Chor unter Leitung des Lehrers und Kantors der Gemeinde, Herrn S i m o n, die Weihe verlieh, wobei Herr Rabbiner Dr. Baron in einer formvollendeten Predigt das Wirken seines Seniors schilderte, überreichte der Bürgermeister der Stadt dem Jubilar den Kronenorden III. Klasse. Bei dieser Gelegenheit hob der Bürgermeister auch die Verdienste des Jubilars um die Entwicklung des Solbades Kolberg hervor; denn nach dem Muster d^H vorzüglich' geleiteten jüdischen Kurhospitals seien mehrere ähnliche Anstalten, besonders für^ erholungsbedürftige Kinder, in Kolberg entstanden. Der Vorsteher des Kurhospitals, Herr Sanitätsrat Dr. H e i nr i ch s d o r f, und der Vorsitzende des Kuvatoriums, Herr Dr. James Simon, feierten den Jubilar als Organisator, und der letztgenannte Redner gab seiner Ansprache noch den besonderen Nachdruck, indem er dein Jubilar im Aufträge des Kuratoriums 5000 Mark zu einer Goldschmidt-Stistung und außerdem ein Ehrengeschenk übergab. Der erste Vorsitzende dtzr Synagogengemeinde, Herr Stadtrat Moses, ließ die Amtstätigkeit des Jubilars Revue Passieren, eine Tätigkeit, die überall von reichem Segen begleitet war. Eine dementsprechende Adresse und ein Ehrengeschenk von der Gemeinde und Vereinen brachten den gebührenden Dank zum Ausdruck. Am Schlüsse übermittelte Herr Professor Dr. Bloch die Grüße und Glückwünsche des Rabbinerverbandes und des Vereins der liberalen Rabbiner. Auf alle zahlreichen Ansprachen antwortete der 76 jährige Jubilar in geistvoller und formvollendeter Rede. Ein Festessen in den Räumen des Kurhospitals beendete die seltene und erhebende Feier. F. Leipzig, 25. Juli. Vom großen „deutschen T u r n f e st" in Leipzig, das während der dritten Juliwoche als das größte bisher abgehaltene stattfand, berichten unparteiische Tagesblätter folgende Tatsachen, die zu denken geben: „Unmittelbar hinter den Wagen des Ausschusses und der Veteranen der deutschen Turnerschaft kamen die Deutsch-Oesterreicher, welche sogenannten deutschvölkischen Vereinen angehören und nicht in der „Deutschen Turnerschaft" inkorporiert sind. Sie sind in einem besonderen „Verband deutsch-freiheitlicher Vereine Oesterreichs" zusammengeschlossen und stehen in durchaus freundschaftlichen Beziehungen zu der „Deutschen Turnerschaft", von der sie n u r die Bestimmung ihres Statuts trennt, wonach sie keine jüdischen Turner aufnehmen. Sie stellten zirka 3000 Mann mit 80'Fahnen. Als Marschmusik führten sie eine eigene Bergmannskapelle aus Brüg mit sich, die unaufhörlich das Lied „O Deutschland hoch in Ehren" spielte. Die meisten der österreichischen Turner trugen Tiroler Lodenhüte, und die Frauen und Jungfrauen Leipzigs überschütteten sie von den Balkonen, Erkern und Fenstern aus mit Blumen. Auch die Vereine der grünen Steiermark, des Salzkammergutes und die von Wien bekamen ihr redlich Teil ab". Man erkennt aus diesem ungefärbten Bericht, daß der vor einigen Jahren durch die Zeitungen gemeldete „Streit" wegen Anerkennung der „judenreinen", schamhaft „deutsch-freiheitlich" sich nennenden Turnvereine Oesterreichs, die ausgesprochen antisemitisch sind, wie ja auch der ihnen eingeräumte Ehrenplatz beweist, längst völlig beigelegt sein muß. Auf den begeisterten Beifall, den die Einwohner Leipzigs, dieser alten Zentrale des „arischen" Rassenantisemitismus, und zwar das weibliche Element voran, diesen Brüdern aus dem Habsburger Reiche spendeten, braucht man wohl von unserem Standpunkte keinen zu großen Wert zu legen: „Verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!" c/T> Raesfeld, 25. Juli. Unter überaus großer Beteiligung und in Anwesenheit der Behörden und der Geistlichkeit beging in besonders feierlicher Weise die hiesige Gemeinde ein Fest, das dem 50 jährigen Bestehen der Synagoge galt. Rabbiner Dr. Michalski, Recklinghausen, hiel^ eine der Bedeutung des Tages entsprechende geistreiche Predigt. Ein von Lehrer Bär, Gemen, eben erst gegründeter Synagogenchor intonierte in meisterhafter Weise mehrere Psalmen. Im Festsaale wechselten Konzertvorträge und theatralische Ausführungen mit zahlreichen Toasten ab. Erwähnenswert ist, daß Lehrer a. D. Cohen, Borken, der vor fünfzig Jahren das Gotteshaus seiner heiligen Bestimmung übergeben hatte, auch jetzt wieder als Ehrengast dem Feste beiwohnte. Dem Festbankett schloß sich ein von vielen Hunderten besuchter Ball an, der erst am Morgen sein Ende fand. g/*> Hannover, 25. Juli. Auf dem Lehrgut S t e i n h o r st hat die Getreideernte begonnen, die trotz der ungünstigen Witterung einen guten Ertrag verspricht. An Heu wurden bisher elfhundert Zentner eingebracht. Zum Herbst werden wieder einige Plätze für junge Israeliten frei, die praktische' Landwirte werden wollen. Anmeldungen sind an die Stiftung nach Hannover, Hansahaus, zu richten. — Das Interesse der Oesfentlichkeit an dem S i m o n s ch e n Seminar für Gartenbau und Handfertigkeit zu Peine ist erfreulich rege. Am 11. Juli.wurde unsere Lehrerbildungsstätte von Herrn Regierungspräsidenten Fromme aus Hildesheim besichtigt, der sich anerkennend über das Gesehene aussprach. Auch aus dem Ausland