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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-08-01 · Heft 31 (1.8.1913) · p. Seite 371

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 31 (1.8.1913)
Date
1913-08-01
Page
Seite 371 (sequence 11)
Language
German
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371 „Herr Dr. Rudloff trinkt etwas." „Trinkt etwas. Ja, tun Sie das nicht auch, lieber Müller? Und tue ich es nicht? Hat nicht auch der Loewisohn gestern abend seinen Grog getrunken?" „Ei, freilich. Aber der Herr Dr. Rudloff trinkt sozusagen etwas stark und nicht gerade selten, sondern, der Wahrheit die Ehre, jede Nacht, sozusagen bis ins graue Elend." „Dann, ist er freilich nicht für Nachtpraxis. Aber jetzt am Morgen wird er doch wohl wieder brauchbar fein. Wissen Sie, lieber Müller, nun hätte ich Lust, doch einen Arzt kommen zu lassen und gerade Ihren Rudloff," „Mein Rudloff ist er nun sozusagen eigentlich gerade nicht. Aber wenn der Herr Baron befehlen —" „Ja, lassen sie ihn herüberholen." Der Wirt wandte sich zur Tür, kehrte aber doch wieder um. „Herr Baron, wenn Sie mir die Bitte nicht verübeln wollen, aber ich möchte doch unmaßgeblich ersuchen, zu dem Herrn Dr. Loewisohn schicken zu dürfen. Er muß doch wohl auch sozusagen der Gescheitere sein, da doch alle besseren Familien, auch die christlichen und frömmsten, zu ihm und nicht zum Rudloff schicken." „Das ist^s ja gerade, weshalb ich den Rudloff lieber will. Warum den jüdischen Arzt.rufen, der schon genug verdient, wenn doch ein Christ am Orte ist, der ja auch sein Examen bestanden hat. Sehen Sie, meinlieber Müller, die Juden stechen die Christen nur zu oft aus; nicht, weil sie die Tüchtigeren sind, sondern weil sie sich mehr vordrängen, mehr sich biegen und schmiegen und vor allem, mehr von sich reden machen, mehr annoncieren, mehr populäre Vorträge halten, um in den Zeitungen genannt und gerühmt zu werden. Das wird bei Loewisohn wohl auch nicht anders sein." „Doch wohl anders, Herr Baron. Herr Dr. Loewisohn annonciert, soweit mir bekannt ist, überhaupt nicht, und ich vermag mich nicht zu erinnern, daß er in unserer Philomathie auch nur einen Vortrag gehalten hat." „Nun, tut er es jetzt nicht, wo er die feste Praxis hat, so hat er es doch wohl früher getan." „Nicht, daß ich wüßte," wandte der Wirt ein. „Hm, überraschend. Aber der Rudloff trinkt vielleicht nur aus Verzweiflung, weil er sich von der jüdischen Konkurrenz so zurückgedrängt fühlt. Denken Sie nur, lieber Müller, wenn so ein findiger Residenzjude Ihrem alten soliden „Adler" gegenüber so ein modernes Hotel mit allem Komfort der Neuzeit errichtete, und das Wasser von Ihrer Mühle auf die seinige ableitete. Würden Sie nicht vielleicht auch etwas zu trinken anfangen?" „Das wäre vielleicht in der Tat, sozusagen, nicht ganz ausgeschlossen." - „Also geben wir unserem deutschen Landsmann, unserem Glaubensgenossen Gelegenheit, wieder zu Ansehen und Praxis zu gelangen. Vielleicht läßt er dann vom Trinken. Ich werde ihm mal ins Gewissen reden. Und dann hätte mein Sturz heute nacht doch wenigstens etwas Gutes gehabt." „Wie Sie befehlen, Herr Baron." Der Wirt ging. Felseck konnte sich, nun er allein war, es nicht verhehlen, daß es eigentlich doch auch ein anderer Grund war, weswegen er Loewisohn als Arzt nicht mochte. Er fühlte ihm gegenüber eine gewisse Beschämung. Wäre er mit ihm gefahren, so hätte er auch mit ihm zurückkehren können. Der Sturz wäre vermieden worden. Und was hatte er gewonnen? Statt des einen jüdischen Doktors als Reisegefährten, fast ein ganzes Dutzend jüdischer Chewra-Leute, denen er noch Dank wissen mußte, ihn mitgenommen zu haben. Nach einem Viertelstündchen meldete der Kellner Fritz, daß Herr Doktor Rudloff in so tiefem Schlafe liege, daß seine Wirtschafterin ihn nicht munter bekommen könne. Vor der Mittagsstunde stände er überhaupt selten auf, und heute könne es vielleicht fpäter Nachmittag werden, da der Herr Doktor erst sehr spät heimgekommen sei. Felseck kam das höchst ungelegen. Der Fuß schmerzte unerträglich; auch hämmerte es in seinem Kopfe wie in einer Schmiede. Sollte er wirklich zu Loewisohn schicken? Nein, noch gab es einen Ausweg. In der Kreisstadt gab es ja einen Kreisphhsikus, der konnte in zwei Stunden in Mondenstein eintreffen. Man brauchte ja nur hinüber zu depeschieren und das trug er denn auch dem Kellner auf. Die Drahtantwort ergab, daß der Phhsikus auf einer Amtsreise begriffen sei und vor dem folgenden Abend keines' falls zurückkehre. So blieb keine Wahl mehr. Ungern genug biß der Freiherr in den sauren Apfel und ließ den jüdischen Arzt zu sich rufen. . Nach wenigen Minuten trat Loewisohn in sein Zimmer. Er sah blaß und angegriffen aus. Waren es die Anstrengungen der verflossenen Nacht, in der er nur ein paar Stunden der Ruhe hatte pflegen können, oder war es der Verdruß, daß der neue Richter, der ihm gestern schon so unfreundlich entgegengetreten war, seine ärztliche Hilfe nur mit so großem Widerwillen angenommen hatte? In dem kleinen Städtchen hatte es sich ja schnell genug herumgesprochen, daß der Kreisrichter verunglückt war und zunächst zu Rudloff geschickt hatte. Auch war der Fritz zur Amtsverschwiegenheit nicht verpflichtet, und so war die Aufgabe einer Depesche an den Kreisphhsikus dem Doktor gleichfalls zu Ohren gekommen. Der Gedanke, seine ärztliche Hilfe abzulehnen, war wohl in ihm aufgetaucht, aber das Bewußtsein, daß man seiner bedürfe, hatte über die verletzte Empfindlichkeit schnell gesiegt. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — D i e Sagen der Juden. Gesammelt und bearbeitet von Nt i ch a I o s e f b i n G v r i o n. I. Von der Urzeit. Indische Sagen nnd Mythen. Literarische Anstalt Nutten u. Loening, Frankfurt am Main. Preis: geheftet 6 Mark, gebunden 7.50 und 10 Mark. Der Mann, der sich unter dem Psendonhm Micha Josef (Berdhszewski) bin Gvrion birgt, hat es nicht nötig gehabt, diese schöne Frucht seiner Arbeit verhohlen auf den Markt zu bringen. Hanptsuche aber war und bleibt der Gedanke der Sammlung und der deutschen Bearbeitung dieser Sagen, eine Tat, zu der wir den Verfasser und mit ihm zugleich die jüdische Literatur nur beglückwünschen können. Es sind Sagen, die dem biblischen Bericht von der Schöpfung und der Urgeschichte parallel lausen. Die meisten von ihnen finden sich zerstreut in jüdischen Schriften, die man aus dem sehr sorgfältig gearbeiteten „Quellennachweis" des Verfassers am Ende des Bandes leicht kennen lernen kann; nur zuletzt findet sich ein 30. Kapitel, welches arabisch-jüdische Dämonengeschichten und anderes enthält und welches über das rabbinische Schrifttum einigermaßen hinausgeht. Solange diese Sagen und Geschichten mit vielem anderen untermischt, und nach Art der rabbinischen Schriften nur lose hingeworfen und ohne Sorgfalt in Stil und Sprache zu finden waren, konnte man sie abstrakt, bizarr, einfältig und komisch finden; sie blieben besser in ihrem altorientalischen Gewände, und wie sollte ihnen in die hochmodernen Salons Einlaß gewährt werden? Aber in der Verdeutschung, die ihnen Herr Gvrion gegeben, in der logisch-gedanklichen Ordnung, in die sie gebracht worden sind, nehmen sich diese uralten volkstümlichen Gedankenkinder einer längst verschwundenen Zeit ganz hübsch und nett aus, und jeder Freund der urwüchsigen Phantasie, dem es an Witz und Anmut nicht fehlt, wie auch der Folklorist, der so. gern der Sprache der. Volksseele lauscht, werden ihr Vergnügen daran finden. Als ganz neu dürfen uns freilich die hier gebotenen Sagen und Geschichten nicht Vorkommen; sie werden bereits von L. G i n zb e r g in einem mehrbändigen englischen Werke sozusagen europäisiert und modernisiert, und indem W ü ns ch e in „Israels Lehrhallen" die meisten kleinen Midraschim übersetzt hat, war der Stofs unseres Buches dem deutsch lesenden Publikum schon früher zugänglich gemacht worden. Man vergleiche zum Beispiel das Stück „Das

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