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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-08-01 · Heft 31 (1.8.1913) · p. Seite 370

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 31 (1.8.1913)
Date
1913-08-01
Page
Seite 370 (sequence 10)
Language
German
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Dithyrambus „Die heilige Poesie" aufgetan hat. Sein „Jehova" in den Karmonios poetiques beginnt mit der groß und leidenschaftlich hingestellten Sinaioffenbarung und endet in dem modern phantastischen Bekenntnis von Gottes Offenbarung in der Natur, das des Näheren in seiner „Urbibel" in La cliute d;un ange, an Spinoza, Schelling, Goethe anklingend oder ihnen wahlverwandt, begründet wird. Der flntilemit. Roman von Ernst Theodor Justi. V. ^^^anke, Leute, danke wirklich. Aber nun schnell nach Mondenstein zum „Adler". „Nach Mondenstein? Von dort kommen wir ja eben." „Aber ich zahle die doppelte Taxe." „Taxe? Wie heißt? Was kümmert uns die Taxe? Wir sind keine Fuhrleut. Wir haben uns Euretwegen schon lange genug versäumt. Wir müssen nach Tiefenbach., zum Goldenberg; der kann uns jeden Augenblick sterben." „Zum Goldenberg; von dem komme ich ja gerade." ■ „Sie kommen von ihm? Lebt er noch? Wie geht's ihm? Was haben Sie gemacht bei ihm? Reisen Sie in Holz oder Lumpen oder Maschinen?" so schwirrten die Fragen durch die Luft. „Er lebt. Es geht ihm sogar etwas besser. Ich habe sein Testament ausgenommen." „Sein Testament? Da sind Sie etwa gar, verzeihen Sie die Frage, der neue Herr Kreisrichter, der heut' soll gekommen sein?" „Allerdings." „Ah, wo ist denn der Herr Sekretär?" „Ist in der Fabrik geblieben." „Verzeihen Sie, Herr Kreisrichter, daß wir Sie nicht haben gleich erkannt." Felseck mußte lächeln. „Aber wie solltet ihr mich denn erkennen, da ich erst heute cingetroffen, bin. Doch nun recht schnell nach Mondenstein." Die Juden sprachen miteinander. Er konnte das Gemisch deutscher und hebräischer Worte nicht recht verstehen. Nun ergriff Meier das Wort. „Und wir können sicher sein, Herr Kreisrichter, daß der Goldenberg heute nacht noch nicht stirbt?" „Wenigstens hat der Arzt das der Familie versichert." „Der Doktor, der Loewisohn?" „Allerdings." „Nu," rief Jtzig, „wenn es der Dr. Loewisohn hat gesagt, können wir sicher sein, und wir dürfen umkehren." „Ja," sagte der dicke Kaskel, „wir drehen um und bringen zunächst den Herrn Kreisrichter in den „Adler". „Danke! Aber nun auch vorwärts." Der größere Teil der Juden drängte sich in dem zweiten und dritten Schlitten zusammen; nur Meier, Jtzig und Feitel nahmen im ersten Platz; Jtzig lenkte die Pferde. Die Schlitten setzten sich in Bewegung. „Wer seid ihr eigentlich?" fragte Felseck nach geraumer . Zeit. „Und was wolltet ihr noch heute nacht bei dem schwerkranken Goldenberg?" „Sie werden es nicht verstehen, Herr Kreisrichter", sagte Feitel. „Warum sollte ich es nicht verstehen?" „Warum? Weil wir sind die Chewre-Leut." „Chewre-Leut? Was ist'das?" „Habe ich es Ihnen nicht voraus gesagt; daß Sie's nicht werden verstehen/- triumphierte Feitel.- „Wir sind von der Chewra-Kadischa." „Herr Kreisrichter," nahm Meier das Wort- „wir sollten mit dem Sterbenden die Gebete sprechen." „Da bekommt ihr wohl viel Geld für so eine nächtliche Fahrt zum Sterbebett?" „Gott soll behüten und bewahren", rief Feitel; „es ist ja eine Mitzwa, eine Zedoke!" „Mitzwa—Zedoke? Was ist das nun wieder?" „Alles", erwiderte Meier, „wodurch man sich die Gnade Gottes erwerben kann. Also, jede Barmherzigkeit, Kranke besuchen, mit den Sterbenden beten, die Toten begraben." „Ah, ein jüdischer Samariterverein; ist mir wirklich ganz neu. Wer von euch ist denn der Rabbiner?" „Der Rab ist nicht bei uns; wir sind Geschäftsleut'." „Meine Branche", nahm Feitel das Wort, „sind abgelegte Herrenkleider; mein Geschäft ist gleich gegenüber dem Gerichtshaus und heißt zur „Goldenen Sieben". Der sel. Herr Kreisgerichtsrat Rauher hat seine alten Sachen immer an mich verkauft, und wenn Sie mich auch wollen beehren mit Ihrer Kundschaft, kann ich Sie der solidesten Bedienung versichern. Die „Goldene Sieben" zahlt die höchsten Preise." Mit einem nicht mißzuverstehenden „Danke" schnitt Felseck den Redestrom ab, und es wurde still. Auch in dem zweiten Schlitten war die sehr lebhafte Unterhaltung allmählich verstummt. Der Aufregung über das ungewöhnliche Ereignis war die Abspannung gefolgt. Einzelne waren eingeschlummert. Endlich waren Mondenstein und der „Adler" erreicht; der Mvrgen dämmerte leise herauf. Vom Adlerwirt Müller und dem Hausknecht wurde der Freiherr auf sein Zimmer getragen, nachdem er den Juden noch seinen Dank ausgesprochen und um Uebersendung einer Rechnung für ihre Hilfe ersucht hatte. Die Schlitten kehrten um. Die Chewre-Leute fuhren unverweilt zu dem Sterbenden. Fünftes Kapitel. In ärztlicher B e h a n d l u n g. „Und Sie wollen wirklich nicht, Herr Baron, mir gütigst gestatten, zum Herrn Dr. Loewisohn hinüberzuschicken?" „Nein, mein lieber Müller. Die Sache hat schwerlich viel zu bedeuten. Habe durch Arnika im Manöver schon manche Quetschung geheilt." „Es dürfte aber meines unmaßgeblichen Erachtens vielleicht doch mehr als eine bloße Quetschung sein. Als ich mir vorhin den Stiefel herunterzuschneiden gestattete, machte es mir doch den Eindruck, mein sehr verehrter Herr Baron, als ob der Fuß sozusagen" — Der Freiherr unterbrach ihn. „Apropos,.mein lieber Herr Müller. Falls ich wirklich einen Arzt brauche, wieviel Doktoren gibt's denn im Städtchen?" „Eigentlich doch Wohl nur den Dr. Loewisohn. Denn den anderen, den Dr. Rudloff, glaubt man sozusagen nicht hinzurechnen zu sollen." „Also doch zwei. Aber warum wollen Sie denn den Rudloff nicht hinzurechnen." „Ich, Herr Baron, würde ihn schon rechnen wollen, aber man — d. h. sozusagen die ganze Stadt — rechnet ihn nicht mehr." „Hm. Ist er denn bestraft, die Praxis ihm entzogen?" „Das nun denn doch nicht; aber, Herr Baron, wenn ich ganz frei, sozusagen von der Leber sprechen dürfte —" . ' „Gewiß!" „Ja, wenn Herr Baron mich nicht verraten wollen." „Nun?"

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