Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 369 (sequence 9)
- Language
- German
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369 ich das Theater zu leiten habe, dürfen dera r t i g e Stücke nich t g e g e b e n w e r d e n!" ' Wenn auch vielleicht Eberwein in seinen Berichten sich ab und zu eine kleine Ungenauigkeit hat zuschulden kommen lassen, so ist absolut ausgeschlossen, daß er eine solche Aeußerung erfunden oder auch nur übertrieben haben sollte. Wir müssen daher von dieser Aeußerung Goethes mit höchster Freude Notiz nehmen. Herr Chamberlain und Konsorten und alle diejenigen, die sich immer noch, wiewohl vergeblich bemühen, Goethe als Judenfeind darzustellen, mögen sie sich ins Album schreiben. Die Aeußerung ist um so sicherer echt, als in der Tat, während Goethes Theaterleitung, also bis 1817, das Stück Sessas in Weimar nicht zur Aufführung gelangte und daß Wurm, so gern er es auch getan hätte, zu einem Gastspiel in Weimar nicht gelangte. Erst mehrere Jahre, nachdem Goethe die Theaterleitung abgegeben hatte — dies war bekanntlich im Jahre 1817 geschehen — am 20. und 27. April 1822 hat Wurm in Weimar ein kurzes Gastspiel absolviert. Die Aeußerung Goethes aber wollen wir Hochhalten und nicht müde werden, sie immer und immer wieder zu seiner .Ehre und zu unserer Freude zu wiederholen. L. G. Einigps über Milche Melodien in Msnkreich. Von S. Aschner. uerst machte sich jüdischer Einfluß auf die Lyrik der Franzosen im Zeitalter der Kreuzzüge bemerkbar. Die Marienlyrik entlehnte ihre akademisch-typischen Bilder und Gleichnisse hier wie in dem übrigen Europa der Bibel. Die spezifische Kreuzzugslyrik, die ihre gellen Fanfarenstöße laut und lauter auch in die leise und fromm flüsternde Marienlyrik hineinrief, berauscht, fanatisch, agitatorisch, wie sie in Frankreich mehr als in dem langsameren Deutschland sich gebärdete, war von widerwärtig brutalem Antisemitismus erfüllt und begleitete die von Petrus von Clugny entfachte Hetze. Sie begeisterte sich für Vespasianus, und ein anonymer Dichter l) wünscht, dieser Kaiser möchte heutzutage leben, da man dann nichts mehr von Sabbat und Juden hören würde. Die Epik wandte sich schon in der ältesten Epoche französischer Dichtkunst (9. bis 11. Jahrhundert), aus der eine Paraphrase des Hohen Liedes erhalten ist, biblischen Stoffen zu. Auch behandelt eine Chanson de geste die Makkabäer. Gern verweilte das Mysteriumsspiel bei Adam, Eva und Kain. Indessen tagte wirkliches historisches Verstehen der Bibel erst in den Tagen der Renaissance. Marot schuf 1541 seine poetische Uebersetzung von 50 Psalmen für die Gesangbücher der französisch-reformierten Kirche, die durch die Uebersetzungen von Paul Schede Melissas I 1572 und Lobwasser 1573 auch Deutschland zugute kam. Francois de Malherbe, von 1555 bis 1628, gab in seinen „Stanzen" eine leidenschaftlich grollende Paraphrase des 146. Psalms, dessen Wort „Vertrauet nicht auf Fürsten" zum Leitmotiv wurde für sein, Schubarts „Fürstengruft" vorwegnehmendes Trutzgedicht, dem eigene Erfahrungen und Enttäuschungen seine, brennenden Farben geliehen haben müssen. Wie in Deutschland die Lutheraner, so nahmen hier die Hugenotten zur Bibel ihre Zuflucht, und die schönste Frucht ihrer Bestrebungen ist das geniale, wenn auch bizarre Epos der „Sieben Schöpsungstage" des tapferen Du Bartas (geb. 1544, gest. 1590), von dem sich Tasso zu seiner Dichtung „II mondo creato“ anregen ließ, und das zu Beginn des 17. Jahrhunderts von Tobias Hübner verdeutscht ward. Während das Drama des Mittelalters nur Franzosen in bib- *) Wackernagel, Alt-sranz. Lieder 65. 2) JelliNeks Ausgabe des Schede 1896, XVI. f. lischer Vermummung darzustellen vermochte, strebten die Dramatiker der Renaissance nach historischer.Objektivität, und bereiteten jene Esthers und Athalias der . klassischen Epoche vor. So sind von . dem bedeutenden Dramatiker Robert Garnier, von 1534 bis 1590, einem Schüler Ronsards, zwei Chöre von Jüdinnen der babylonischen Gefangenschaft erhalten, die eines Racine würdig wären, von holdestem Liebreiz, unnachahmlich schlicht und schmucklos im Ausdruck, ganz auf das allgemein Menschliche gerichtet und von der keuschen Inbrunst der Psalmen erfüllt. Einer dieser Chöre lautet: Arme Töchter von Zion, i' - Eure Freuden sind dahin. Eures Volkes Untergang Machte eure Freuden trüb. Schimmern werden , nimmermehr Seid'ue Kleider golddurchwirkt. Perlen- und Rubinenpracht Ist erloschen immerdar. Nimmermehr die Kette schmückt - Eurer Kehlen Elfenbein, Nimmer schönt sie wie dereinst Eure Brüste, und der Duft Eurer Busen ist zerstört Durch die heiße Trünenflut, Wenn die Zedern ihr beweint Oder Sabas Wohlgeruch. Eures Haars umflortes Gold, Wie's die Schläfen hold umspielt. Schattet nicht die Wangen mehr Mit mutwilliger Knoten Kunst. Und die Laute ist verstummt, . Die so süß geschmachtet hat Bei den Liedern, die Amor In die Seelen euch gehaucht. Als des Tages strenge Glut Schwand, und in den Kühlungen Der dunkelnden Abende Man den Reigen lieblich schlang.' Ach! Wie anders ward es nun. Tiefe Trauer uns bedrückt! Fern ist alle Freude, sind Alle Heiterkeiten fern. Salem, unsre stolze Stadt, „ Die der Erde Städsi im Glück Ueberragte, ist nichts mehr Als zerworfner Trümmer Haus. Und wir selbst, Beute des Kriegs, Schluchzen unsre bitsre Qual, Wenn am Euphrat Morgen graut. Ferne, fern im tiefen Tal. Im 19. Jahrhundert bewährte Victor Hugo in dem Kaingedichte „Das Gewissen" seine Meisterschaft, von den dunklen, Schrecknissen der gemarterten Menschenseele mit brutaler Gewalt die letzte Hülle sortzureißen. Sein dramatisch anschaulicher „Moses auf dem Nil", von. Viehoff und von Gottfried' Kinkel übersetzt, malt in der äußerlichen Art, die man aus Freiligräth und zeitgenössischen Historienbildern kennt, die orientalische Landschaft und ihre Menschen. Reizend, von zartester Romantik überhaucht, ist „Elle etait pale et pourtänt rose“, die Bibellektüre zweier Kinder im stillen Kämmerlein, während Waldesdust und die Würze der Nacht hereindringen, und unsichtbare Engelchöre lobsingend das Gemach zu erfüllen scheinen.. Theophile Gautier, Heinrich Heines Freund, gab mit „Cid und dem Juden" ein Kabinettstücklein gallischen Humors, während Lamartine ein mächtiges Panorama der heiligen Geschichte von der Weltschöpsung bis Christus in seinem