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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-08-01 · Heft 31 (1.8.1913) · p. Seite 368

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 31 (1.8.1913)
Date
1913-08-01
Page
Seite 368 (sequence 8)
Language
German
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368 Voraussetzungen aus. Der Deutsche Lehrerverein, dem auch die jüdischen Volksschullehrer — wie oben bemerkt — durchweg angehör'en, berät in diesem Jahre in allen seinen Zweigvereinen über die allgemeine Volksschule^ die jede Vorschule zu den höheren Lehranstalten überflüssig macht, in welcher Kinder aller Stände, aller. Bekenntnisse und beider Geschlechter von Lehrern aller Bekenntnisse unterrichtet, werden sollen. Wäre diese Forderung bereits erfüllt, dann würde auch der. jüdische Lehrerverband die Forderung der jüdischen Volksschule nicht erheben können, denn ein Märtyrertum der jüdischen Jugend sowohl in der allgemeinen Volksschule als auch in den höheren Lehranstalten würde unmöglich.sein. Wenn also der Deutsche Lährerverein die allgemeine Volksschule fordert, dann stellter den gegenwärtigen Mangel einer solchen Schule fest und somit ist für-die Forderung des. jüdischen Lehrerverbandes die Berechtigung erwiesen. Daß auch in höheren Lehranstalten die jüdischen Schüler bisweilen in ihren religiösen Gefühlen verletzt werden, wie Herr Dr. S. sagt, ist unbestreitbar. Allein abgesehen davon, daß diese Fülle nur vereinzelt Vorkommen, weil sowohl das Schülerals auch das Lehrermaterial aus ganz anderen Kreisen sich rekrutiert wie in der Volksschule, ist auch die Möglichkeit der Remedur solcher Fälle an den höheren Lehranstalten viel schneller gegeben. Denn erstens ist der jüdische Religionslehrer an höheren Lehranstalten der natürliche Beschützer seiner jüdischen Schüler, zweitens befindet sich oft ein jüdischer Akademiker im Lehrkörper der Schule, drittens aber sind oft die Eltern der jüdischen Schüler in hoher sozialer Stellung,' oder sie bekleiden irgendein Amt in der städtischen Verwaltung und können sofort Abhilfe schaffen. Das alles fällt bei der christlichen Volksschule fort. — Herr Dr. Salomonski behauptet, die meisten großen Kommunen denken nicht daran, neue konfessionelle Volksschulen einzurichten. Auch das ist eine Behauptung ohne Beweis. Ueberall, wo Kommunen, mib Ausnahme von Berlin und Posen, neue Schulen einrichten, werden sienur als katholische oder evangelische begründet. Dies hat das regierende Zentrum schon jetzt erreicht. Ja selbst Berlin hat jetzt schon einige rein katholische Gemeindeschulen, wie ich bereits auf dem Lehrerverbandstage in Frankfurt a. M. nächgewiesen habe, sie werden nur von der Metropole des Fortschritts schamhaft nicht als solche bezeichnet. Also ist auch dieser Einwand hinfällig. Auf die alten Einwände von der Sabbatheiligung und Sonntagsseier, ebenso auf die weit hergeholte Phrase von dem Ghetto, in das wir unsere Jugend zurücksühren wollen, kann ich-hier nicht eingehen; denn erstens sind diese Einwände schon vielfach widerlegt worden, dann aber haben' sie mit der Errichtung der jüdischen Volksschulen in Großstädten an sich absolut nichts zu tun. Zum Schluffe stellt Herr Dr. Salomonski Forderungen auf, die wir Lehrer aller Bekenntnisse doch schon längst auf unsere Fahne geschrieben haben. Er fordert erstens Simultanschulen und zweitens Anstellung unserer Lehrer an den öffentlichen Schulen, ob sie simultanen oder christlich-konfessionellen Charakter tragen. Ja von wem fordert das Herr Dr. Salomonski? Etwa von den Lesern der ^Allgemeinen Zeitung des Judentums", oder von den jüdischen Lehrern, oder von dem DJGB.? Damit ist aber der Kreis aller erschöpft, die den Artikel des Herrn Dr. Salomonski zu Gesicht bekommen. Sind diese Kreise in der Lage, die Forderungen des Verfassers zu erfüllen, oder der Staat? Haben diese Kreise nicht schon immer diese Forderungen vertreten, oder haben sie gewartet, bis ihnen der Artikel des Herrn Dr. Salomonski zu Gesicht gekommen? Für wen hat also Herr Dr. Salomonski etwas Neues gesagt? Es b l e i b t a l s o d ab ei: Solange diese Ford e - rungen des Herrn Dr. Salomonski, die auch F o rd e r u n g e n d e s j ü d i s ch e n L eh r e r st a n d e s,u n d d eDeu ts che n,L e h rer v er ei n s s i nd, n i ch t er - füllt werden, so lange müssen wir — mit oder ohne Unterstützung des D I G B. — s ü r die E rhalt un g b e zi e h un g sw er s e d i e N e u er r i ch t u n g j ü bischer V o l k s s ch u l e n i n k leine n, M i t t e lu n d Großgemeinden unentwegt eintreten! Schließlich bemerke ich noch, gleich dem Kollegen Steinhardt, daß ich von keiner Seite zur Veröffentlichung dieses Artikels veranlaßt worden bin. Line unbeachtete Ueutzerung Goethes. ar manchem Leser dürfte es bekannt sein, einen welch ungeheuren Eindruck die Posse von Sessa „Unser Verkehr", die 1815 im Druck erschien und aus vielen Bühnen ausgeführt wurde, in Deutschland machte. Der Schauspieler F. A. A. Wurm, der überhaupt in Judenrollen exzellierte, feierte in der Darstellung des Jakob in der genannten Posse wahre Triumphe. In Berlin waren die Juden über diese Karikatur so empört, daß sie bei dem Staatskanzler Hardenberg die Entfernung des Schauspielers verlangten und durchsetzten. Freilich verminderte die Entfernung des Schauspielers aus Berlin nicht den Triumphzug des Stückes, sondern inaugurierte ihn geradezu. Seitdem reiste Wurm förmlich auf diese Rolle. Er'kam auch nach Frankfurt.. Dort war es, wo Ludwig Börne ihn sah. Er nahm das Gastspiel zur Gelegenheit, wie er es so gern tat, für die Juden einzutreten und gegen deren Herabsetzung zu eisern. Er setzte in seiner, auch heute noch ungemein lesenswerten Ausführung auseinander, daß man freilich auch ande.re Stände auf die Bühne bringe, dann aber nicht den Stand, sondern nur seine Unmanieren herabsetze, und fuhr dann fort (Historisch-kritische Ausgabe, Bd. V, S. 365): „Wenn aber Judenmanieren aus die Bühne gebracht werden und diese wie in „Unser Verkehr", das ganze Spiel aussüllen, so müssen solche Darstellungen den jüdischen Glaubensgenossen mit Recht verwünschenswert sein. In dem Falle auch der dramatische Schriftsteller und der Schauspieler unbefangen genug wären, hierbei nach nichts weiterem als nach Belustigung zu streben, so sind doch wenige Zuschauer so arglos,, sich hiermit zu begnügen. Sie werden vielmehr die bei solchen Anlässen empfangenen Eindrücke mit sich aus dem Schauspielhause tragen und die auf der Bühne mit Treue oder Ueberladung vorgespiegelten Gebrechen der Juden üblicherweise allen diesen Glaubensbekennern anrechnen. Wer weiß es nicht, wem braucht man es erst zu erzählen, wie dieses beklagenswerte 'Volk auch darin stets mit Ungerechtigkeitbehandelt worden ist, daß man alle in Zeit und Raum zerstreute Schlechtigkeit, solche, welche Juden verschiedener Gegenden und verschiedener Zeiten eigen oder angedichtet war, gesammelt und stets auf den einzelnen Kops jedes nächst dastehenden Juden als eine Tontine gehäuft hat." Doch nicht von Börne, sondern von Goethe wollte ich reden. So wenig Börne und Goethe nun auch Uebereinstimmendes besitzen, in diesem Punkte waren sie merkwürdig einig. Dafür haben wir ganz neuerdings ein ungemein interessantes Zeugnis erhalten. In seinem Buche „Goethes Schauspieler und Musiker, Erinnerungen von Eberwein und Lobe", Berlin 1912, veröffentlicht Wilhelm Bode in Weimar ^Gespräche, die Karl Eberwein, ein Weimarer Musikdirektor, der'vielfach mit Goethe zusammen und lange Jahre Direktor der Goetheschen Hauskapelle war, folgendes: „Goethe waren Parodien ein Greuel", und er fährt fort (a. a. O., S 36): „Ueber Wurms Bestreben, die Juden von der Bühne herab dem Gespötte Preiszugeben, geriet er in Zorn und sagte: es ist schändlich, eine Nation, die so ausgezeichnete Talente in Kunst und Wissenschaft auszuw eisen hat, gleichsam an den Pranger zu stellen! So lange

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