Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 367 (sequence 7)
- Language
- German
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367 schloß er, indem er 'mit dem Finger aus den Ministersessel hinwies: „Der Kultusminister muß fort' von seinem Platze!" Die jubelnde Begeisterung, die stürmischen, nicht enden wollenden Bravos',''welche die Rede des alten Ziegler auslösten, kann man sich denken. Und die Wirkung dieser Rede: Bismarck schuf die Maigesetze, und der unvergeßliche Falk wurde Mühlers Nachfolger. Die Stahlschen Regulative unseligen Angedenkens wurden aufgehoben und die allgemeinen Bestimmungen vom Oktober 1872, welche unser ganzes Volksschul-, Mittelschul-, Präparanden- und Seminarwesen von Grund aus umgestalteten, wurden-oingeführt. Kollege Steinhardt spricht mit derselben Tapferkeit wie der selige Ziegler: „Professor Blaschke muß fort von der Leitung des Gemeindebundes; vor allem aus der einflußreichen Lehrabteilung des Bundes!" Aber was wird geschehen, wenn Professor Blaschke nicht mehr der Lehrabteilung angehört? Wird der DJGB. in der Mehrzahl seiner Ausschußmitglieder deswegen für die jüdische Volksschule eintreten? N e i n, d a s S y st e m muß fort v on seinem Platze, um einem anderen Platz z u m a ch e n, nicht die Person. Der Minister Mühler war der Träger des alten reaktionären Systems, Datum mußte er weichen und mit ihm sein System. Ist aber Professor Blaschke wirklich so einflußreich, daß mit ihm die jüdische Volksschule im-DJGB. steht und fällt? — Wir fordern also noch mehr: Der GA. des DJGB. i ft gegen w ä r t i g in seiner Mehrzahl gegen d i e Neuerrichtung jüdischer Volksschulen in großen Städten. Dadurch setzt er sich im W i d e r s p r u ch mit dem von ihm g e g r ü n d e t e n und subvent i.o n i e r t e n Lehrerverband, der offiziellen Vereinigung von ungefähr 1200 jüdischen Lehrern des Deutschen Reiches, er muß sofort zur Entscheidung, dieser Frage e i nen Gemeindetag einberufen und erklären, daß er bis dahin nur Provisorisch b «i e Geschäftedes DJGB. verwaltet. Der Schreiber dieser Zeilen hat jahrelang für den DJGB. gewirkt, wie so viele andere jüdische Lehrer, er ist Delegierter des Bundes und sucht mit Eifer und Opfern alle die Ziele des Bundes zu fördern, wie so viele Kollegen. Und nun findet er den Bund in den Reihen seiner Gegner! — Wie tief muß die Empörung dieser treuen Mitarbeiter des Bundes sein, wenn sie die Entlassung des Kabinetts verlangen! Welche Gefühle müssen unsere Herzen bewegen, wenn uns der Bund, dessen Ziele und Zwecke wir gern und freudig, selbstlos und mit Eifer gefördert haben, in unserer eigenen Aufgabe, eine Aufgabe, mit welcher der jüdische Lehrerstand steht und fällt, uns ablehnend, sogar feindlich gegenübersteht! Soll und kann das das Ende unserer jahrelangen gemeinsamen Arbeit sein? Sollen Gemeindebund und Lehrerverband, die solange traute Weggenossen waren, nun Plötzlich wie feindliche Brüder ein jeder einsam seine Straße gehen? Und was der Orthodoxie und dem Zionismus nicht gelungen ist, das ist einen Keil zwischen diese beiden Verbände zu treiben, das sollte der GA. des DJGB. selbst verschulden wollen? Möge der DJGB. am Scheidewege wohlweislich die weiteren Schritte überlegen. Ich habe das Vertrauen, daß ihm das Judentum — selbst dem liberalsten Mitgliede — immer noch höher steht als der Ruhm, im Reiche seiner Politischen Gesinnungsgenossen ein unentwegter Fortschrittsmann zu sein, und daß jeder von ihnen nicht die schwere Verantwortung tragen möchte, zu den vielen Trennungsmomenten der deutschen Judenheit noch ein neues hinzuzufügen! — Videant consules! Eine kurze Widerlegung des in Nr. 29 dieser Zeitung von Herrn Rabbiner Dr. Salomonski, Frankfurt a. O., veröffentlichten Artikels „Konfessionelle Volksschulen" ist für die Leser dieser Zeitung unbedingt notwendig. Zunächst fei ein grundlegender Irrtum des Herrn Dr. Salomonski berichtigt. Nach seiner Meinung bedeuten simultan-, konfessionslose und paritätische Schulen dasselbe, und Falk habe die Bezeichnung Paritätische Schulen eittgesührt. Das ist ein weitverbreiteter Irrtum, dem sich auch Herr Dr. Salomonski nicht entziehen konnte. Simultanschulen sind solche, an welchen Schüler aller Bekenntnisse, also auch des jüdischen, von Lehrern aller Bekenntnisse in allen Unterrichtsgegenständen, mit Ausnahme des Religionsunterrichts, unterrichtet werden. Schulen solcher Art gab es zu Falks Zeiten in großer Zahl. Sie find mit der fortschreitenden Reaktion auf kirchlichem und politischem Gebiete, besonders in gemischt-sprachlichen und gemischt-konfessionellen Bezirken immer mehr und mehr aufgelöst und in Paritätische beziehungsweise konfessionelle Schulen umgewandelt worden; gegenwärtig bestehen solche Schulen im Preußischen Staate nur noch in den Städten Berlin und Posen, einigen Orten Oberschlesiens und tzer Provinz Posen. Konfessionslose öffentliche Volksschulen hat es unter dieser Bezeichnung niemals im Deutschen Reiche seit der Beendigung der französischen Fremdherrschaft gegeben, denn konfessionslose Volksschulen sind solche, in welchen der Religionsunterricht im Lehrplan der Volksschule gestrichen und dafür der sogenannte Moralunterricht austritt. Paritätische Schulen endlich sind solche, in welchen die katholischen, evangelischen und jüdischen Schüler — wo solche vorhanden sind — von katholischen und evangelischen Lehrern in allen Lehrgegenständen — mit Ausnahme des Religionsunterrichts — gemeinsam unterrichtet werden. Sie sind eine Frucht der nach Falks Entlassung einfetzenden Reaktion und hauptsächlich in den gemischt-konfessionellen Bezirken und den Großstädten verbreitet. Jüdische Lehrer haben einen rechtlichen Anspruch aus Anstellung an diesen Schulen nicht, weil eben nach der Deduktion der Staatsbehörden das jüdische Bekenntnis kein staatlich anerkanntes, also auch nicht gleichberechtigt — paritätisch — mit dem evangelischen und katholischen Bekenntnis ist. Nur durch die größte Energie seitens der beteiligten, jüdischen Gemeinde- und Schulvorstände, der betreffenden jüdischen Lehrervereine und einflußreicher Glaubensgenossen an den in Rede stehenden Orten ist es hie und da gelungen, die Genehmigung der obersten staatlichen Schulbehörden zur Anstellung jüdischer Lehrkräfte an paritätischen Schulen zu erlangen. Und gerade dieser letztere Umstand ist einer der wichtigsten Gründe, wie Herr Dr. Salomonski wohl weiß, der die Lehrer zur Forderung jüdischer — nich t ko nfessi oneller Volksschulen im Prinzip — veranlaßte. Herr Dr. Salomonski erkennt an, „daß in der christlichen Volksschule ein vorwiegend tendenziöser Geist das Judentum gefährde und daß die Religion ihre Fäden bis zu den fernen Nebenfächern spinne." Warum denn so milde und diplomatisch, hochverehrter Herr Doktor? Warum sprechen Sie es nicht frei und offen aus, was wir Lehrer als zweiten und wichtigsten Grund für die Errichtung jüdischer Volksschulen ins Feld führen. Wir wollen nicht, daß unsere jüdische Jugend schon im zarten Alter Märtyrer unseres Glaubens wird, und das geschieht durch den Hohn, Spott und die Zurücksetzung, die unsere jüdischen Schüler von ihren christlichen Lehrern und Mitschülern — mit wenigen Ausnahmen — überall erfahren. Das Leben legt ihnen später, ebenso wie uns, den Alten, Opfer ihres religiösen Bekenntnisses auf, weshalb sollen unsere Kinder nicht wenigstens die ersten Schuljahre ihre sonnige Jugend, ihr Kindheitsparadies genießen? Das können sie aber nur im Kreise ihrer Glaubensgenossen, also in der jüdischen Volksschule. Wenn Herr Dr. Salomonski uns nun einen Mangel an Konsequenz vorwirft, west wir nicht auch konfessionelle höhere Lehranstalten verlangen, dann geht er eben von falschen