Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 366 (sequence 6)
- Language
- German
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366 stattliche Anzahl von Knaben sich zu sittlich guten Menschen und zu tüchtigen Staatsbürgern heranbilde. Dann werden weiter die verewigten Stifter mit seliger Wonne auf das schöne Werk sehen, das ihren Namen trägt. Was nun? Ein Epilog zum VI. Gemeindeverbandstage. Von Hermann Beckers. I. uf dem Verbandstage der jüdischen Lehrervereine in Frankfurt a. M. 1910 stand die Frage der Erhaltung bzw. Neugründung jüdischer Volksschulen zur Beratung. Der Schreiber dieser Zeilen hatte die Ehre, über diesen Punkt der Tagesordnung zu referieren. Ich hatte meine Aufgabe so aufgefaßt, daß ich zunächst alle Gründe für die Aufrechterhaltung der jüdischen Volksschule — religiöse, soziale, erziehliche und materielle — zusammenzufassen habe, also alles,was bis dahin von den Anhängern der j ü d i s ch e n Volksschule — nicht der konfessionellen im Prinzip gesagt worden ist, dann aber auch alle Einwände der Gegner, der damaligen und der gegenwärtigen, zu widerlegen und die weitesten Kreise der deutschen Judenheit zunächst für die Angelegenheit zu interessieren und ihre Hilfe zu erbitten. Die Beratung schloß mit der e i n st i m m i g e n Annahme einer Resolution, in welcher die deutsch-israelitische Lehrerschaft im Prinzip sich für die Forderung der deutschen Lehrerschaft — dessen Vereine mit wenigen Ausnahmen die jüdischen Volksschullehrer angehören — erklärt, unter den gegenwärtigen Verhältnissen (1910, die aber inzwischen noch schlimmer geworden sind) aber für die Erhaltung und Neugründung jüdischer Volksschulen eintreien muß. Seit drei Jahren ist diese Frage nun in allen jüdischen größeren Verbänden, in allen jüdischen Zeitschriften behandelt und noch mehr vertieft worden — merkwürdigerweise, ohne daß auf das Referat in Frankfurt a. M. Bezug genommen wurde — und nun das traurige Resultat des VI. Gemeindeverbandstages! — Sollte das wirklich das Ende dieses Kampfes der deutsch-israelitischen Lehrerschaft sein? Sollten wir jüdischen Lehrer und alle, denen das Judentum höher steht als der politische Fraktionszwang, die zuerst Juden und dann Bezirksvereinsredner sind, duldend schweigen und nunmehr nach dem unseligen Beschlüsse des VI. Gemeindeverbandstages wunschlos die Waffen strecken? — Nein, und abermals nein! Noch niemals ist den Kämpfern für hohe Ideale — und ein solches ist und bleibt die jüdische Volksschule — auf den ersten Anhieb der Sieg zuteil geworden, nur Beharrlichkeit führt zum Siege, manch einer von uns Alten,, die ihr ganzes Leben lang für dieses Ideal gekämpft haben, wird ins kühle Grab sinken, ehe das Ideal verwirklicht wird; wir kämpfen indes nicht für uns, die nur jetzt noch in Amt und Würden sind, wir kämpfen für die junge Lehrerwelt, wir kämpfen vor allem für die Zukunft des Judentums. Daraufhin wollen wir den Beschluß des VI. Gemeindeverbandstages einer sachlichen Kritik unterziehen und ihn — soweit nötig ist — ergänzen. II. Zunächst stellen wir fest, daß die Artikel aus beiden Lagern — den Anhängern und Gegnern der jüdischen Volksschule — mit wohltuender Ruhe geschrieben, jedoch den bekannten Grundsatz, der schon bei der Gründung des Lehrerverbandes von dem Schreiber dieser Zeilen empfohlen war, suaviter in modo, fortiter in re, nicht vermissen lassen. Beginnen wir zunächst mit dem „Offenen Brief". Der Verfasser desBriefes, ein um die jüdischeLehrerschaft hochverdienter Kollege, *) Ich stehe zwar auf einem, dem des Herrn Becker entgegengesetzten Standpunkt, glaube aher, der Unparteilichkeit halber, seine Ausführungen an dieser. Stelle abdrucken zu sollen. Natürlich bin ich bereit, auch einer Entgegnung Raum zu geben. L. G. Steinhardt, fordert dreierlei von dem DJGB.: 1. Strikte Neutralität in der Weise, daß schon auf dem Gemeindeverbandstage ein Vertreter des Lehrerverbandes das Referat über die jüdische Volksschule hatte halten und ein Gegner mit dem Korreferat hätte beauftragt werden müssen. Diese Forderung hält der Verfasser auch für den nächsten Gemeindetag, aus dessen Tagesordnung er diese Frage zu setzen wünscht — seine dritte Forderung — aufrecht. In diesen beiden Forderungen ist der Herr Kollege denn doch zu gemäßigt gewesen. Denn der DJGB. darf nicht n e u t r a l i n dieser Frage bleiben, w e i l m i t seiner Z ustimmung in drei Grundsatzungen desLehrerverbandes ausdrücklich als einer der Zwecke des Lehrerverb a n d e s die E r h a l t u n g b z w. d i e N e u e r r i ch t u n g der jüdischen Volksschulen bezeichnet worden i st. Der DJGB. hat einen Vertreter in den GA. des Lehrerverbandes abgeordnet, er subventioniert den Lehrerverband mit einem Betrage von 3800 Mark jährlich, er fördert also satzungsgemäß die Ziele des Lehrerverbandes, folglich bleibt ihm nur zweierlei zu tun übrig: Entweder er kommt weiter feinen satzungsmäßigen Verpflichtungen nach und ergreift ohne Einschränkung und rückhaltslos Partei für die jüdische Volksschule, wobei er allerdings nach der dritten Forderung des Kollegen Steinhardt die Abstimmung über diese Frage auf dem nächsten Gemeindetage abwarten soll, oder der DJGB. löst sofort sein Verhältnis zu dem Lehrerverband, denn es wäre wohl der Gipfel aller Selbstlosigkeit, wenn er mit seinen Mitteln eine Vereinigung förderte, deren Zielen er feindlich entgegentritt. Gegenwärtig kann und darf aber der DJGB. nicht neutral sein, so lange der Gemeindetag nicht gesprochen hat. In diesem Augenblicke gibtz es kein gemächliches Parlamentieren für beide Teile, den DJGB. sowohl als auch den Lehrerverband: Aut — aut, die Angelegenheit drängt zur Entscheidung, nachdem sie drei Jahre allseitig und gründlich erörtert worden ist. In Nummer 12 des von dem Kollegen Steinhardt redigierten Verbandsorgans vom 23. März 1911 habe ich bereits in einem Artikel „Gemeindebund und jüdische Volksschule" mit derselben Entschiedenheit wie Kollege Steinhardt auf diese satzungsmäßige und moralische Verpflichtung des DJGB., für die jüdische Volksschule einzutreten, hingewiesen. Leider ist das Referat, das ich auf dem Verbandstage in Frankfurt a. M. über diese Frage gehabten habe, nicht wie die anderen beiden dort gehaltenen Vorträge als Sonderabdruck, sondern nur in dem stenographischen Protokoll und auch dort nur mit wesentlichen Kürzungen veröffentlicht und somit in den weiteren Kreisen unserer Gegner nicht verbreitet worden; eine Wiederholung auch nur der wesentlichsten Momente verbietet sich an dieser Stelle durch den mir zur Verfügung sichenden Raum. Wenn ich also aus den dort vorgetragenen Gründen mich für die erste und dritte Forderung des Kollegen Steinhardt einsetze, so möchte ich doch nicht seine zweite Forderung unterschreiben, wenigstens nicht in dieser Form, die da lautet: „Profeflor Blaschke muß fort von der Leitung des Gemeindebundes; vor allem aus der einflußreichen Lehrabteilung des Bundes!" Ich erinnere mich aus meiner schönen Seminarzeit in Berlin eines denkwürdigem großen Momentes, um dessen Erlebnis mich viele jüdische und christliche Kollegen schon oft beneidet haben: Ich wohnte an einem freien Tage einer Sitzung des Abgeordnetenhauses bei. Zur Beratung stand der Kultusetat, insbesondere die geistliche Schulinspektion, Vertreter des Etats war Se. Exzellenz der Herr Kultusminister v. Mühler selbst. Etatsredner der Fortschrittspartei war der alte Demokrat, eine Säule seiner Fraktion, der Oberbürgermeister Ziegler aus Breslau. Mit gewaltiger Stimme, mit glühender Beredsamkeit und begeisternder freiheitlicher Gesinnung hielt er dem berüchtigten Minister v. Mühler alle seine Sünden vor und dann