Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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77. Jahrgang Nr. 30 Vellage zur „Allgemeinen Letrung deß Judentums" Berlin, 25. Juli 1913 Lorreljwndm?m und Oschrichtm. Deutschland. 22 Berlin, 22. Juli. Die zentrifugale Tendenz innerhalb der deutschen Juden, feiert einen neuen Triumph. Selbst auf jenem Gebiete, aus dem wir bisher erfreulicherweise von jeder Sonderbündelei befreit blieben, aus dem Gebiete des Kampfes um unsere staatsbürgerliche Gleichberechtigung, ist neben Dem bewährten „Z e n t r a l v e r e i n deutsch er.Staatsbürger jüdischen Glaubens" und als ausgesprochene Konkurrenz gegen ihn. ein neuer Verein dieser Tage begründet worden: der „R e i ch s v e r e i n deut sch e r I u d e n". Er ist eine z i o n i st i s ch e Gründung, und, wie man in diesem Falle wohl sagen darf, ohne zu befürchten, aus Widerspruch zu stoßen, auch nur entsprungen einem spezifischen Bedürfnisse Zionistischer Kreise. Die Quelle des Gedankens dieses neuen Vereins ist bekannt. Sie liegt in dem Absatz 4 jener Resolution, die aus der Generalversammlung des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" am 30. März dieses Jahres beschlossen wurde. Jener Absatz lautete: „Soweit der deutsche Zionist danach strebt, den entrechteten Juden des Ostens eine gesicherte Heimstätte zu schassen oder den Stolz des Juden aus seine Geschichte und seine Religion zu heben, ist er uns als Mitglied willkommen. Von dem Zionisten aber, der ein deutsches Nationalgesühl leugnet, sich als Gast im fremden Wirtsvolk und national n u r als Jude fühlt, müssen wir uns trennen." — Es ist angebracht, sich dieses Anlasses der Begründung des neuen Vereins Zionistischer Provenienz zu erinnern. Für diejenigen Zionisten, die vom Zentralverein nach dieser Resolution als willkommene Mitglieder ausdrücklich bezeichnet worden sind, lag kein Anlaß vor, sich einen neuen Verein zu schaffen; eine solche Veranlassung lag hingegen allenfalls für jene Zionisten vor, die im Schlußsatz, der Resolution charakterisiert werden und die der Zentralverein als nicht zu ihm gehörig bezeichnet. Nach den Gesetzen der Logik will also der neue „Reichsverein deutscher Juden" vor allem jenen Zionisten, die der Zentralverein nicht willkommen heißt, Zuflucht bieten. Bon den Bätern des Gedankens, den zionistischen Führern freilich wird die Neugründung auf den point ä'donueur zurückgesührt, es als eine Ehrensache erklärt, aus dem Zentralverein auszutreten, weil jener Absatz der Resolution eine Ehrenkränkung des Zionismus an sich enthalte. Herr Rechtsanwalt Dr. Klee, der Vorsitzende des neuen Vereins, hat in der zionistischen Versammlung, die die Schaffung eines Konkurrenzvereins gegen den Zentralverein beschloß, erklärt, daß die Arbeit, die der Zentralverein leiste, nicht entbehrt werden könne, der Kamps um die Durchsetzung unserer Gleichberechtigung und die .Abwehr von Angriffen gegen Juden und Judentum Sache zwingender Notwendigkeit sei, die auch von den Zionisten anzuerkenuen sei. Gleichzeitig stellte er in bestimmte Abrede, daß es innerhalb der deutschen Zionisten überhaupt eine Spielart gebe, wie sie'der Schlußsatz der Zentralvereinsresolution im Auge habe. Wenn dies zutrisst, dann mag man das Ehr- und Selbstgefühl der Zionisten noch so hoch einschätzen, einen. Anlaß, in die größte und m ihrer segensreichen und erfolgreichen. Arbeit anerkannte Organisation der. deutschen Juden einen Keil zu treiben, kann man dann nicht anerkennen. Die deutsche Judenheit ist nachgerade schon jetzt mehr als hinreichend zerklüftet und zerrissen, als daß diejenigen, denen die Einmütigkeit aller unserer Glaubensgenossen wenigstens auf den Gebieten unseres staatsbürgerlichen Lebens und der großen Gesamtinteressen gerade in unseren Tagen so bitternötig erscheint, der Versuch weiterer Zersplitterung nicht als eine tiesbedauerliche und betrübliche Erscheinung gelten müßte. Ob im übrigen dieser neuesten Vereinsgründung große praktische Bedeutung wird beigemessen werden dürfen, wird nicht allzuschwer zu entscheiden sein. Zwar heißt es in dem parteiossiziösen Begleitwort, mit dem die Begründung des neuen Vereins der Oessentlichkeit. mitgeteilt wird, daß der „Reichsverein" zu den verschiedenen Richtungen innerhalb des Judentums keine Stellung nehmen werde. Daß dieser Verzicht ehrlich gemeint ist, wollen wir gern glauben.. Allein es fcagt sich, ob die Verhältnisse nicht stärker sein werden als die papiernen Vorsätze. Die Leitung des neuen Vereins, liegt in zionistischen Händen, sie wird immer unter zionistischem Einfluß bleiben, selbst wenn es gelingen sollte — was abgowartet werden muß — einige nicht gerade ausgesprochen zionistische Namen für die Leitung zu gewinnen. Bei der großen Popularität und der treuen Anhänglichkeit seiner Mitglieder, deren sich der Zentralverein erfreut, ist nicht anzunehmen, daß der „Reichsverein deutscher Juden" allzuviel Mitglieder aus den nichtzionistischen Kreisen der deutschen Judenheit erhalten wird. Bei der rührigen Propagandaarbeit, in welcher der Zentralverein nicht hinter dem zionistischen Eifer zurücksteht, ist leider eine Verstärkung der Gegensätzlichkeit und eine Verschärfung des Kampfes zu befürchten, und bei dem zuweilen überschäumenden Temperament zionistischer Agitationsweise ist die Ausrechterhaltung der Neutralität gegenüber den „verschiedenen Richtungen innerhalb des Judentums", die der neue Verein proklamiert, eine ziemlich schwanke Brücke, die sehr bald einstürzen dürste. Der neue „Reichsverein deutscher Juden" wird also, wenn man von jedem Versteckspiel absehen will, das sein, was er nach dem Wesen seines Ursprunges ist, ein abgesonderter Zentralvereiu für Z i o n i st e n. Denn daß die nichtzionistische deutsche Judenheit dem „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" nicht die Treue wahren, nicht in ihm auch ferner den treuen Hüter ihrer staatsbürgerlichen Güter und den bewährten Schützer gegenüber den gegnerischen Angriffen erblicken würde, ist nahezu . ausgeschlossen. Und dennoch mag man, so ablehnend man dieser neuesten Vereinsgründung. gegenüber sich auch vom Gesichtspunkte des großen jüdischen Allgemeininteresses stellen muß, dieser neuesten Gründung auch eine mildernde Seite abgewinnen können. Auf dem Gebiete unserer staatsbürgerlichen Bestrebungen haben die Zionisten bisher wahrlich keinen allzu großen Eifer prästiert. Im Gegenteil, es hat in ihren Reihen nicht an Elementen gefehlt, die für die Bestrebungen des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" nur ein . mitleidiges Lächeln, wenn nicht Hohn und Spott übrig hatten. Die Zahl derjenigen Zionisten aber, die dem Zentralverein beigetreten waren, rst bislang eine so auffallend geringe gewesen, daß bei der Parteiossiziellen Erklärung des Massenaustritts noch nicht volle 200 aus dem Zentralverein ausgetreten sind. Die Mehrzahl der deutschen Zionisten hat daher bisher an den Bestrebungen des Zentralvereins nicht teilgenommen. Wenn es nun dem neuen „Reichsverein deutscher Zionisten" gelingen sollte, wenigstens das Gros seiner Anhänger zur eifrigen Tätigkeit am Kampfe um unsere staatsbürgerliche Rechtstellung in die Kampslinie zu führen, die der Zentralverein einni'mmt, so wird auch das ein Gewinn sein, der ein wenig das bedrückende und betrübende Gefühl lindern könnte, das dieser Separatismus von Glaubensbrüdern, wie jeder andere Separatismus unter uns, bei jedem um die Gesamtinteressen unserer Glaubensgemeinschaft wahrhaft Besorgten auslösen muß. W. Aus der Provinz Posen, im Juli. Posen. hiesige Shnagogengemeinde hat durch den Tod der' beiden Frauen Helene M o e l l e r geb. Loewinsohn und Emma L e v h s o h n geb. Falk einen großen Verlust erlitten. Erstere wurde 80 und letztere 85 Jahre alt. Die Dahingeschiedenen gehörten hochachtbaren Familien an und betätigten sich auf allen Gebieten der Humanität in hervorragender Weise. — Bromberg. Dem Rechtsanwalt Aronsohn Hierselbst ist der Charakter als Justizrat verliehen worden. — Schneidens ü h l. Die Obduktion der Leiche, die in der Küdden hier gefunden und als die des achtzehnjährigen Mädchens Miema Kowalewska sestgestellt wurde, hat nichts ergeben, was ein Anhaltspunkt für einen Mord wäre, wie er vielerseits angen o m m e n w u r d e. Auch die Gerichtskonunission nimmt bestimmt an, daß ein Selbstmord vorliegt, den sie in geistiger Umnachtung verübt hat. — Bojanowo. Die Erben der Frau Rawiczer haben aus Anlaß des Todestages ihrer Mutter 100 Mark zur Verteilung an Arme der Stadt überwiesen. — R o gasen. In der unter Vorsitz des Bürgermeisters stattgehabten Sitzung des Vorstandes und der Repräsentantenversammlung der jüdischen Schulgemeinde wurde die Ausnahme eines Darlehns bei der städtischen Sparkasse zum Schulhäusumbau beschlossen. — Rakwitz. Der . Lehrer an der hiesigen jüdischen Volksschule tritt am 1. Oktober d. I. in den Ruhestand, und an diesem Zeitpunkte soll , auch die Schule, die-einen. Schülerbestand