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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-07-25 · Heft 30 (25.7.1913) · p. Seite 358

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 30 (25.7.1913)
Date
1913-07-25
Page
Seite 358 (sequence 10)
Language
German
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358 er nicht salonfähig geworden. Damals, so sagte er zu sich selbst, damals verwahrtest du noch deine bittere Abneigung gegen die Kinder Israels im Schreine deines Herzens oder gabst ihr nur im Kreise deiner intimsten Freunde Ausdruck. Damals bekannte sich ja noch der größte Teil aller Gebildeten zu den laxen Grundsätzen der Toleranz oder des Jndisferentismus. Hättest du nicht selbst die Pflicht gehabt, so rief Margarets Verteidiger in seinem Herzen, hättest du nicht selbst die Pflicht gehabt, jene Abneigung gegen die fatale Sippschaft, jene Abneigung, die von deinem Vater auf dich übergegangen, Margaret gegenüber im Gespräch zum Ausdruck zu bringen? Nein, unwahr war sie sicher nicht gewesen. Und vielleicht, vielleicht wußte sie vor vier Jahren noch nichts von ihrer Abstammung; hatte sie doch die Mutter in zartester Jugend verloren, und vielleicht hatte der Konsul ihr die jüdische Herkunft klugerweise verschwiegen. Seltsam übrigens, daß du, der du doch die Juden so bitter hassest, die instinktive Abneigung in diesem Falle so gar nicht empfunden hast. Allerdings, die dunklen feurigen Augen waren ihm an der Engländerin ausgefallen, aber sie hatten ihn nicht abgestoßen, sondern angezogen. Sie erhöhten durch den Gegensatz zu dem herrlichen blonden Haar den Reiz, der von dieser Tochter Albivns ausging. Und nun stand sie wieder vor seiner Seele, mit ihrer schlanken Gestalt, dem rosigen Teint, dem blonden Scheitel, der silbernen Stimme, die ihn heute wiederum so seltsam berührt hatte, und die er wieder zu hören plötzlich innig begehrte. Ja, warum hatte sie sich nicht, mehr sehen lassen, als er die Fabrik verließ? Hatte sie ihm die Ablehnung des Glases Wein so sehr verübelt, obschon es ihm mit dem Prinzip wirklich ernst war? Oder empfand sie für den alten Goldenberg wirklich so viel Liebe, daß. sie um seiner Krankheit willen sich zurückgezogen? Der alte Goldenberg — wie ein Stich ging es ihm wieder durch die Seele, daß der Hebräer lhr Großvater war. Nein, nicht eine Tochter Albions, eine Tochter Judas war es, an die er sich selbst zu verlieren im Begriff gewesen. Hinaus ans dem Herzen, so ries es in ihm, hinaus mit den letzten Funken der Erinnerung an die- Judenenkelin. Von solchen Gedanken bewegt, war der Freiherr dahingeschritten. Was Wunder, das; er des Weges nicht geachtet, daß er der Mahnung, sich stets rechts zu halten, nicht immer sich erinnert hatte. Es war kein Zweifel, er war von der großen Fahrstraße längst abgekommen; ein schmaler Pfad zog sich im Schnee nur mühsam wahrnehmbar durch die Tannen, und jetzt hörte auch dieser völlig auf. Felseck ging ein Stück zurück, aber der Weg wollte sich nicht erweitern. Stöße von aufgestapelten Tannen machten es ihm klar, daß er auf einen Holzweg geraten war. Er zog seine Repetieruhr; es war drei Uhr morgens. Um diese Zeit hätte er in Mondenstein sein müssen. Er war bereits über zwei Stunden im Walde; Ermüdung und Hunger machten sich immer stärker geltend. Der alte Fiedler war doch nicht so ganz unklug, als er zurückgeblieben. Aber das wäre prinzipwidrig gewesen. Mondenstcin muß ja auch schon ganz nahe sein; es liegt doch direkt nördlich von Tiefenbach, und da ist ja der himmlische Wagen und dort der Polarstern. Also vorwärts dem Polarstern nach. Auf ungebahntem Pfade schritt der Freiherr zwischen den endlosen Tannen hindurch. Jetzt senkte sich der Boden, es ging sichtlich bergab. In der Ferne zuckten ein paar Lichter auf. Jetzt verschwanden sie, dann tauchten sie wieder empor, nur die Tannen hatten sie verdeckt. Die Zahl der Lichter nahm zu, das konnte nur Mondenstein sein. Plötzlich strauchelte sein Fuß an einem Baumstumpf. Er stürzte zu Boden, kam. ins Rollen, schlug an ein paar Stämme an, dann ging es unwiderstehlich über den Schnee bergab. Nach wenigen Sekunden befand er sich am Fuße eines Hügels mitten im niedrigen Gebüsch. Schnell wollte er sich erheben, aber ein stechender Schmerz im Fuß machte jede Bewegung unmöglich. Er biß die Zähne aufeinander; auch der zweite Versuch, aufzustehen, scheiterte. Der Fuß schmerzte heftig. Ein scharfer Wind, vor dem er im Innern des Waldes unter den hohen Tannen geschützt gewesen, durchschüttelte ihn hier in dem niederen Buschwerk, und der Frost fing an, ihn in feiner notgedrungenen Bewegungslosigkeit zu peinigen. Aber Felseck war nicht gewillt, durch solch geringes Mißgeschick sich entmutigen zu lassen. In vier Stunden mußte es ja Tag werden, so lange nur gilt es, sich munter zu erhalten. Schnell begann er seinen Horaz zu repetieren, und sein gutes Gedächtnis rief ihm die ganze Ode „Aequam memento" in die Erinnerung zurück. Aber die Ode hatte doch ein Ende, und der kleine Vorrat der anderen, in der Primanerzeit gelernten klassischen Gesänge hielt auch nicht allzulange vor. Ueber die ersten zehn Hexameter der Odyssee kam er nicht hinaus. Die Schillerschen Balladen waren auch bald zu Ende, und die Paragraphen des Allgemeinen Landrechts und der Gerichtsordnung wollten nicht verfangen. So summte er denn alle Studenten- und Soldatenlieder vor sich hin, die ihm von Kommersen und Manövern noch im Kopf waren. Aber die Uhr war doch erst vier, als ailch diese Hilfsquelle erschöpft war. Der Schmerz quälte ihn jetzt beständig, selbst, wenn er den Fuß nicht bewegte. Der eisige Wind wurde immer unerträglicher; er fühlte sich erschöpft und elend. Die Sterne waren schon tief herabgesunken, aber der ersehnte Morgen wollte noch immer nicht anbrechen. Schon dachte er daran, die heiteren Weisen mit geistlichen Liedern zu vertauschen, und der Gedanke, hier zu verschmachten, zu erfrieren, trat ihm vor die Seele. Da, war es eine Sinnestäuschung? Nein, wirklich, aus nicht zu weiter Ferne erschollen Schellengeläute und Peitschenknall, und auch menschliche Stimmen wurden vernehmlich. Es sind zwei Schlitten; sie kommen näher; die Straße kann gar nicht mehr fern sein. Nun gilt es, sich bemerklich zu machen. Mit der ganzen Wucht der Kommandostimme schmetterte er sein „Halt" wiederholt heraus. Vergeblich, die Schlitten flogen weiter.^ Mit Aufbietung der letzten Kraft ließ er nunmehr fein „Hilfe, Hilfe!" ertönen. Das mußte gehört worden sein. Dem Herrn sei Dank. Die Schlitten hielten; er konnte aus einem Gewirr von Stimmen einzelne Sätze verstehen. „Jtzig, gerechter Gott, hast du es nicht gehört? Man har gerufen Hilfe." „Du wirst dich haben getäuscht, Meierleben. Hast du denn etwas gehört, Aron?" „Ich? Wo denkst du hin. Der Meier leidet an Einbildungen, als wäre er, Gott soll behüten, ä Dichter." „Aber ich habe es doch bestimmt gehört", beteuerte Meier. „Und ich auch, und ich auch", bekräftigten aus dem zweiten Schlitten der dicke Kaskel, der lange Walfisch und der lahme Wolf. „Ja, es hat gerufen Hilfe, Gott soll schützen", klang es durcheinander. . Fatal, es sind Juden, dachte Felseck, und er versuchte, sich aufzurichten. Aber umsonst, er war es nicht imstande/ Not kennt kein Gebot, seufzte er; und noch einmal ließ erden Hilferuf erschallen. „Weruüs nur keine Räuberbande ist, die uns überlisten und fangen will", warnte Jtzig. „Heißt ein Stuß! Räuberbande in unserem Mondenstein, da bei unserm Herrn Landrat und unserm Herrn Gendarm." „Wir sind ja auch unser Zehn." „Aber wenn die Räuber Pistolen haben", ächzte Jtzig. „Ich habe vier unversorgte Kinder zu Haus. Wer soll die ernähren, wenn die Räuber mich erschießen?" ' „Hilfe, Hilfe", ries Felseck aufs neue.

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