Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- Seite 357 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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857 v. Schorn erzählt: „Vonnah und fern kamen Dichter, Schriftsteller und Verehrer herbei, um das Fest mitzumachen . . ./Zu meiner großen Freude kam auch der Freund meiner Kindertage, Berthold Auerbach, mit seiner Frau und feinem etwa zehnjährigen Knaben. Seine Freude, die scheue kleine „Heidelala" als lustigen, in die Höhe geschossenen Backfisch wiederzufinden, war rührend. Er hat mir damals so viel Freundlichkeit erwiesen, daß ich noch mit Dank daran zurückdenke. Er und seine Frau nahmen mich zu allen Festlichkeiten mit, die mir sonst verschlossen geblieben wären. Ich bewegte mich zum erstenmal allein als Erwachsene unter so vielen Fremden und konnte all die „berühmten Menschen in der Nähe sehen und kennen lernen." Siebenundzwanzig Jahre später begegnen wir noch einmal einem Briefe Berthold Auerbachs in den Erinnerungen Fräulein v. Schorns. Sie schreibt 1874: „Mitte September * erhielt ich einen Bries meines alten Freundes Berthold Auerbach. Ich hatte sein neuestes Buch „Waldsried" gelesen und ihm darüber geschrieben. „Plüderhausen bei Schorndorf, Württemberg, den 15. 9. 1874. Die Tochter meiner herrlichen verewigten Freundin. Frau v. Schorn, fühlt sich in eigenem Geiste und aus dem der Mutter heraus gedrungen, mir über den Waldfried zu schreiben, 'und in so innig belebter und belebender Weise — ich kann Ihnen, liebe Adelheid, nicht genugsam sagen, wie mir das zu Herzen ging. Wohl erinnere ich mich noch Ihrer, von Ihrer ersten Kindheit an, und es ist mir die beste Füllung des Lebens, treues Gedenken zu hegen und zu empfangen. Erst jetzt, da ich hier bei meiner -Schwester zu stiller Arbeit mich aushalte, kann ich Ihnen die Freude über Ihre so spontane als erquickende Kundgebung aussprechen. — Ich hoffe mit Ihnen, daß wir uns wieder einmal begegnen. Ich sehe. Sie leben in der Einsamkeit das große Zeitleben mit, in rein schöner Empfindung, das Sie als Erbteil überkommen und in echter Weise sortbilden. Sagen Sie Ihrem Bruder, daß er die Erinnerung an mich festhalte und seien Sie der Zuversicht, daß Sie jeder Zeit freundschaftlicher Gesinnung begegnen bei Ihrem herzlich grüßenden Berthold Auerbach." 'Ein Wiedersehen war ihnen nicht mehr beschieden. — Fräulein v. Schorn hat mit der Veröffentlichung der Briefe wie ihrer eigenen Erinnerungen nicht nur ein wertvolles Zeitgemälde geschaffen, die Briefe der hervorragenden Männer und Frauen gewähren tiefe Einblicke in deren intimes Leben, und Fräulein v. Schorns Schilderungen sind ungemein reizvoll. Möge die Greisin sich noch lange der Verbreitung und Würdigung ihrer Lebenserinnerungen erfreuen dürfen! Der Antisemit. Roman von Ernst Theodor Justi. ■ggUlL^llgg/7 IV. Viertes Kapitel. Im W ai de. V\Aenn Sie sich immer rechts halten, Herr Kreisrichter, so können Sie den Weg nicht verfehlen; aber es wäre doch besser, wenn Sie den Knecht von hier mitnehmen." „Danke, danke, werde mich schon allein zurechtsinden. Also immer rechts. Gute Nacht." . *■ ■- Mit diesen Worten verließ Felseck das Fabrikgebäude, in das der Sekretär zurücktrat. Der Schneesall hatte äufgehört. Am Firmament blitzten die Sterne in voller Klarheit. Nach ein paar Schritten führte die Straße in den Wald, dessen Tannen unter ihrer schweren weißen Last seltsam dreinschauten. Der Schnee knisterte unter den Füßen des Wanderers. Wie erfrischend strich die kalte Winterluft um die Wangen des Freiherrn. Wie wohltuend wirkten sie auf ihn nach der dumpfen Schwüle des Krankenzimmers. Tief aufatmend schritt er dahin, sich der nächtlichen Waldesruhe und der Winterfrische mit jedem Schritt aufs neue erfreuend. Was war das für ein bewegter Tag gewesen. Hatte er sich am Morgen doch noch in der -Provinzialhauptstadt befunden. Dort hatte ihn sein alter Korpsbruder, der Negierungsassessor von Böningh, zur Bahn begleitet. In einstündiger Fahrt hatte er die Kreisstadt erreicht, in der er sich dem Gerichtsdirektor vorstellen mußte. Wie wohlwollend hatte ihn der alte Henke, sein neuer Chef, ausgenommen, wie freundlich ihn nach dem kleinen romantischen Mondenstein begleitet und in sein Amt eingeführt. Und nun stieg in seiner Erinnerung auch der Dienstagsverein wieder empor, das Dutzend neuer Bekanntschaften, das kleine Rekontre mit dem unangenehmen iüdischen Doktor, die Reiberei.mit dem knorrigen Sekretär und zuletzt das Testament des alten Juden. Aber da drängte sich das blonde Köpfchen der schlanken Engländerin in den Vordergrund, und nun war er weit weg von Mondenstein und Nieder-Tiefenbach; er war im Geiste in der Residenz beim Propst Werner, wo er Miß Smith zuerst gesehen und wiederholt getroffen hatte. Wie hatte sie ihn damals gefesselt, wie liebenswürdig mit ihm sich unterhalten, und mit wie großem Bedauern hatte er später von dem Probste auf seine Anfrage erfahren, daß sie nach England zurückgekehrt sei. Was ihm damals so bedauerlich erschienen, jetzt dünkte es ihn eine glückliche Fügung. Sein gutes Geschick hatte ihn davor bewahrt, in eine Judenfamilie hineinzuheiraten. Gewiß, die Empfindung für Miß Smith war damals keine heißleidenschaftliche gewesen; aber sie hätte es bei fortgesetztem Verkehr wohl werden können, ja werden müssen. Sein Herz, das leicht entzündliche, hatte doch, so oft er sie gesehen, lebhafter geschlagen; mächtig fühlte er sich angezogen, und er erinnerte sich wohl, daß er einmal, es war gleich nach der letzten Zusammenkunft bei Werner, den Gedanken ernstlich erwogen hatte, ob er nicht ihre Hand begehren sollte. Begehren — vielleicht auch erhalten? Felseck war kein Geck, und nichts lag ihm ferner, als der Glaube an seine Unwiderstehlichkeit den Frauen. gegenüber. Aber war sie ihm nicht so freundlich entgegengetreten, ohne Ziererei und ohne Koketterie? Hatte sie nicht durch mancherlei Fragen ihr Interesse an seinem Lebensplan — er stand gerade vor dem letzten Examen — rege bekundet? Und jetzt, nach drei Jahren, hatte er sie wiedergesunden, die anmutige Knospe voll erblüht, wiedergefunden, aber — im Hause des Juden, die blaue Blume zwischen Zwiebel und Knoblauch. Freilich, sie war nicht selbst Jüdin; hatte sie doch mit ihm am gleichen Tage in der Kirche aus den Händen des Propstes das heilige Abendmahl gespendet erhalten; aber sie war doch Mischblut. Und so hoch er den christlichen Glauben auch schätzte, den Makel der jüdi-' schen Abstammung vermochte nicht Glaube, nicht Taufe in seinen Augen zu tilgen. Und hatte sie nicht unwahrhaftig gegen ihn gehandelt? Ja, so ries es in ihm, ja, sie mußte dir sagen, daß ihre Mutter eine Jüdin gewesen. Mußte? Doch nur, falls du sie danach gefragt hättest, und das hast du ja nicht getan. War denn auch damals schon das Vaterland um der Juden willen in die beiden großen Lager geteilt? Nein, damals regten sich ja erst die Anfänge der Bewegung; noch war ja der Antisemitismus kein Gemeingut, noch war