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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-07-25 · Heft 30 (25.7.1913) · p. Seite 356

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 30 (25.7.1913)
Date
1913-07-25
Page
Seite 356 (sequence 8)
Language
German
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356 großen Masse des Volkes, respektiert wissen wollten. Das ist das Bild, das wir von den Sadduzäern gewinnen, wenn wir die über sie vorhandenen Nachrichten einer genauen Prüfung unterziehen, obgleich wir es nicht für ausgeschlossen halten, daß,, wie unter den Pharisäern manche Scheinheilige, so auch unter den Sadduzäern vereinzelte aufrichtige Männer sich befanden, die in ihrer Opposition gegen einen Teil Der überlieferten Satzungen von edlen Motiven geleitet waren. Wenn Alexander Janai kurz vor seinem Tode seiner Frau, der Königin Alexandra, tröstend zuries: „Fürchte weder die" Pharisäer noch die Nichtpharisäer, sondern die Heuchler", so hat er sicherlich unter diesen die Streber und Scheinheiligen in beiden Lagern gemeint, die genau kennen zu lernen er oft genug Gelegenheit hatte. Serthold Auerbach an Adelheid o. Schorn". Von Regina Neißer. er jemals in Weimar geweilt hat, kann sich dem Zauber dieser Stadt nicht entziehen, in der die Ehrfurcht vor der Vergangenheit, die großen Erinnerungen der geweihten Stätten künden, was der deutschen Nation edelstes unverlierbares geistiges Besitztum ist. Hatte das Ende des achtzehnten Jahrhunderts der kleinen freundlichen Residenz an der Ilm. eine Epoche höchsten dichterischen Glanzes gebracht, so wurde diese in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts durch Liszt der Mittelpunkt -des musikalischen Lebens. Eine der letzten noch lebenden Zeuginnen jener Zeit höchster musikalischer Blüte Weimars,-Fräulein Adelheid von Schorn, hat in einem trefflichen Buche, das schon bei seinem ersten Erscheinen-) mit hoher Freude begrüßt wurde, und das nun in zweiter veränderter Auflage vor uns liegt, ihre und ihrer Eltern Erinnerungen veröffentlicht. Weimar und Rom bilden die Mittelpunkte der Ereignisse und Beobachtungen, die mehr als ein halbes Jahrhundert umfassen. An diesen beiden weltbedeutenden Kulturstätten haben die Menschen ge.- lebt, sind die Briefe geschrieben worden. Fräulein v. Schorn, die ihren Vater in frühester Kindheit verlor, wurde die Teilnehmerin und Erbin der freundschaftlichen Beziehungen ihrer Mutter zu den bedeutendsten Persönlichkeiten, denen sie über das Grab hinaus ein pietätvolles Gedenken bewahrt hat. Die Beziehungen Berthold Auerbachs zu Fräulein v. Schorn und deren Mutter werden für den geschätzten Leserkreis dieses teuren Blattes insbesondere Von hohem Interesse sein. Fräulein v. Schorn berichtet: „Berthold Auerbach gehört zu den Menschen, deren ich mich aus meiner frühesten Jugend erinnere. Er war oft in Weimar und verkehrte in den Familien der «Clique", wie der Freundeskreis meiner Mutter ganz offiziell genannt wurde. Er war ein großer Kinderfreund und saß oft unter einer kleinen Schar, ihnen Märchen erzählend. Mich hatte er besonders ins Herz geschlossen, weil ich so ernst und traurig war." Am 30. Januar 1846 schreibt Berthold Auerbach von Leipzig an Frau v. Schorn: „. . . Ich bin hier von näheren und entfernteren Freunden mit der größten Herzlichkeit ausgenommen worden, aber ich Lin doch ein undankbarer Mensch, es macht mich nichts derartiges recht glücklich... Die gute Heidelala (s o nannte er die kleine fünfjährige Adelheid) hat sich kaum an mich gewöhnt, bin *) Zwei Menschenalter. Erinnerungen und Briefe aus Weimar und Rom. Herausgegeben von Adelheid v. Schorn. Mit 18 Abbildungen aus 16 Tafeln. Zweite veränderte Auslage. Stuttgart 1913. Druck und Verlag von Greiner und Pfeiffer. Verlag S. Fischer, Berlin. 1901. sich schon wieder fort. So geht's in. der Welt. Daß ihr in .Weimar an mich denkt, weiß ich gewiß, aber wie weiß ich doch nicht von allen ... Schreiben Sie mir also etwas darüber . . . An meinen Berufsgenossen habe ich hier wenig Erhebung .... Am meisten lebe ich mit.dem Professor von der Pfordten, das ist ein glücklicher Mensch, frisch, rüstig, hat eine liebe Frau und einen prächtigen Jungen. Mendelssohn ist hier sehr viel in Anspruch genommen, seine Frau ist aber auch eine recht anmutige Erscheinung. Zu der Frege komme ich auch bisweilen, auch zu Brockhausens. An Gesellschaft fehlt mirs also nicht, aber Sie verargen mirs nicht, wenn ich Ihnen sage, ich denke mit Sehnsucht an meine Mainzer Tage zurück, wo ich im Kreise nichtliterarischer lieber Menschen meine Sachen schuf und wo ich nicht so viel zu reden hatte, wie jetzt überall wohin ich komme." Frau v. Schorn hat sich unter dem Pseudonym H. Nordheim als feinsinnige Dichterin und Novellistin betätigt, und Berthold Auerbach hat ihr vielfach die Wege geebnet. „Berthold Auerbach", erzählt Fräulein v. Schorn, „hatte indessen geheiratet, aber seine junge Frau starb bald nach der Geburt des ersten Kindes. Von diesem Zusammenbruch seines Glückes berichtet ein Brief aus Heidelberg vom 14. Mai 1848." . „Ich kann Ihnen nicht viel schreiben, meine liebe und innig verehrte Freundin. Es geht mir jetzt auch so, wenn ich persönlich mit Menschen zusammen bin, ich halte es nicht lange bei ihnen aus. Wer das nicht erfahren, kann, es nicht wissen, was es heißt, daß jeder, auch jeder Moment des Seins immer wieder von Todesgram durchschnitten wird. Sie wissen es auch. Aussprechen hilft mir nichts. Ich will Ihnen nur sagen, daß mir Ihre treuen Worte zu Herzen gingen, aber Sie wissen es auch, wie das doch nichts hilft, die beste Teilnahme der Vesten ist keine Erleichterung, die ganze Last bleibt uns doch, allein. — Ich verließ auf vieles. Zureden, besonders meiner treupflegenden Freundin, Frau D. aus Mainz, meine wie es schien in bester Gesundheit befindliche Auguste auf einen Tag. Als ich wiederkehrte, hatte sie schon keinen Puls mehr in den Armen. Es war plötzlich ein Herzschlag eingetreten. Sie wollte noch, daß ich ihr von meiner Reise erzähle, ließ sich aber beruhigen und sagte selbst, daß sie zu angegriffen sei. Ich blieb nun bei ihr bis zum letzten Atemzuge am anderen Mittag; sie war meist klar, nur bisweilen von der Todesahnung geängstigt und ordnete, noch vieles mit mir . .'. Mein Kind ist wohl und gedeiht prächtig. Ich breche nun mein kaum erbautes Heimwesen wieder ab und ziehe mit meinem Kinde nach Breslau." Hilfsbereit, wie Berthold Auerbach^ zu allen Zeiten gegen seine Freunde und insbesondere gegen Otto Ludwig sich bewährte, wendet er sich in einem Briese von Dresden ern 1. Mai 1864 an Frau v. Schorn, indem er vorerst seinem Bedauern, sie bei einem Besuche in Weimar abwesend gefunden zu haben, Ausdruck gibt, mit der Bitte um ihre Befürwortung, dem Dichter der „Makkabäer" bei dem ihr wohlwollenden Meiningenschen Herzogspaar ein Jahresgehalt zu er-, wirken. Leider kam die Antwort nach einiger Zeit verneinend. Fräulein v. Schorn bemerkthierzu: „Es war wieder die so oft erlebte Geschichte, die rechte Würdigung des Dichters kam erst nach seinem Tode. An der Witwe ist später gut gemacht worden, was damals versäumt worden ist." Die letzte Dorfgeschichte, die Frau v. Schorn auf ihrem Krankenbette schrieb, sandte sie dem Freunde Berthold Auerbach, der sich sehr anerkennend darüber äußerte. Leider ist der Brief, der ihr so viel Freude machte, nicht mehr vor-. Händen, Am 3, September 1857, am 100 jährigen Geburtstage - Karl Augusts, wurde die Goethe-Schiller-Doppelftatue von Rietschel und die Wielandstatue von Gasser enthüllt. Fräulein

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