Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- Seite 355 (sequence 7)
- Language
- German
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den Lebensnerv «des Judentums bildet, so wird man das Wesen einer jeden Partei nur dann erkennen können, wenn man sich in aller Schärfe die Frage vorlegt: „Wie war ihre Stellung zum jüdischen Gesetz?" Die Beantwortung dieser, in bezug auf die Sadduzäer vielfach erörterten und darum scheinbar überflüssigen Frage bildet die Quintessenz des Leszynskyschen Buches, dessen Inhalt wir kurz als einen Beitrag zur Ehrenrettung des Sadduzäertums bezeichnen möchten. Der Verfasser führt aus der reichhaltigen Literatur die Meinungen verschiedener Gelehrten an, von denen einige, wie Baneth und Isaak Halevy, die Sadduzäer nicht nur als Gegner der Tradition, sondern auch gleich den Hellenisten als Gesetzesverächter bezeichnen, und präzisiert seinen Standpunkt mit dem Bemerken: „Es ist völlig unglaublich, daß die Sadduzäer aus Lust am Widerspruch bald die eine, bald die andere pharisäische Tradition angegriffen haben sollten." Für ihn ist das Wesen des Sadduzäertums ebenso unverständlich wie die Stellung der Pharisäer, die auf eine mündliche Lehre sich berufen und trotzdem sich bemühen, die verschiedenen Ge-. Lote ans der Schrift abzuleiten. „Sobald aber die mündliche Lehre bereits in den Worten der Schrift enthalten ist, ist sie von der Tradition' unabhängig. Man braucht ja nur die Schrift richtig zu lesen, um sie zu kennen, dann gibt es, genau genommen, keine mündliche Lehre mehr neben der schriftlichen, sondern nur noch eine Exegese der letzteren." Der Verfasser kommt nun zu folgendem Ergebnis: „Die seit den mittelalterlichen Kommentatoren bis auf Geiger übliche Auffassung von den Sadduzäern war die richtige, sie sind tatsächlich die Karaiten des Altertums; im Gegensatz zu den mündlich überlieferten Volksgebräuchen, von denen die Thora nichts weiß, haben sie sich, unbekümmert um Vorteil oder Nachteil, aus ehrlicher Ueberzeugung auf das heilige Gesetz berufen, und es mit gewissenhafter Strenge gehalten, sämtliche, nicht deutlich in der Thora angegebenen Gesetze haben sie prinzipiell bestritten, keine Tradition selbst ausgebildet oder anerkannt. In einem reichen uns zum Teil erhaltenen Schrifttum haben sie ihren Standpunkt vertreten, sie haben das Studium der Thora erst geschaffen und ihre Exegese angebahnt, indem ihre Gegner gezwungen waren, die Schrift so zu deuten, daß sich in ihr auch die mündliche Lehre fand. Indem sich so das Prinzip der Sadduzäer bis in Konsequenzen hinein durchsetzte, die sie "niemals beabsichtigt hatten, mußte die Partei als solche verschwinden. Ihr Sieg war ihr Untergang." Diese Auffassung, von dem Wesen des Sadduzäertums, die der Verfasser, wie wir später sehen werden, durch mannigfache Belege plausibel zu machen sucht, können wir nicht teilen, schon aus dem Grunde nicht, weil wir über die eigentlichen Ursachen, die zur Entstehung des Sadduzäertums führten, nicht genügend unterrichtet sind. „Der Talmud kennt", wie Abraham Geiger in seiner Urschrift (Breslau 1867, S. 153) sehr richtig bemerkt, „einzelne Abweichungen, aber nirgends ist die Rede davon, daß die Sadduzäer sich lediglich an den Text gehalten haben, während die Pharisäer Traditionen einer mündlichen Ueberlieferung folgten; und nur spätere Rabbiner haben, die Karaiten mit den alten Sadduzäern identifizierend, die Grundsätze jener auf diese übertragen." Grätz bezweifelt, „ob die Sadduzäer bei ihrem ersten Auftreten ein klares Bewußtsein von der Unterscheidung von mündlichen und schriftlichen Gesetzen hatten". Diesen Zweifel teilen wir nicht. Wir haben triftige Gründe, anzunehmen, daß sie, d. h. die Führer, diese Unterscheidung.wohl kannten, auch nur in -einigen wenigen Punkten von der allgemein üblichen Gesetzesauffassung abwichen, aber nicht aus Respekt vor der Tradition, sondern aus Furcht vor der seit Esra' im traditionellen Geiste erzogenen Volksmenge, die sie gesteinigt hätte, würden sie es gewagt haben, die Authentizität aller überlieferten Satzungen und Bräuche öffentlich in Abrede zu I stellen. Das geht auch, wie Jawetz in seiner hebräisch abgefaßten Geschichte Israels (Band 4, S. 63) feinsinnig herausfühlt, aus der alten Boraita in Abboth d. R. Nathan C. 5 hervor: Sie (Zadvk und Boöthos) lehrten ihre Jünger und diese die ihrigen TlfcK «bl und hüteten sich, um nicht als Abtrünnige zu gelten, ihre Ansichten deutlich auszusprechen. Die Weisen aber, die argwöhnisch wurden, annnK ppp^l 11D0 begannen sie und ihre Lehrweise scharf zu beobachten. Es scheint, daß die Differenzen, die ursprünglich abstrakter Natur waren, weniger die eingebürgerten Satzungen als einige überlieferte Glaubenslehren, wie die von der Auferstehung, Lohn und Strafe im Jenseits, berührten, nur allmählich zum Ausbruch kamen, jedoch nach und nach sich erweiterten, eine greifbarere Gestalt annahmen und schließlich auf das politische Gebiet hinüberspielten. Da bekanntlich die Sadduzäer sich aus den Reichen und sogenannten oberen Volksschichten rekrutierten, vielleicht in der Mehrzahl in gerader Linie von den Hellenisten aus der Zeit des Antioches Epiphanes abstammten, so ist es höchstwahrscheinlich, daß sie später, als sie unter Jochanan- Hyrkan zu Macht und Ansehen gelangt waren, jede Rücksichtnahme auf das Empfinden der Volksmasse aufgaben und einen großen Teil der sanktionierten religiösen Satzungen und Bräuche, durch welche sie sich im Verkehr mit der nichtjüdischen Umgebung beengt und gehemmt fühlten, als beschwerlichen Ballast über Bord warfen und öffentlich bekämpften, nicht immer aus Ueberzeugung, sondern meistenteils — wie es in diesen Kreisen zu allen Zeiten geschah und auch gegenwärtig geschieht — aus Bequernlichkeitsgründen. Eine richtige Vorstellung von dem Wesen des Sadduzäertums erhalten wir durch Ernest Renan, der es meisterhaft versteht, die Vergangenheit durch Beispiele aus der Gegenwart zu illustrieren. Er schreibt: „Uebrigens wäre der echte Sadduzäer einem in Paris, lebenden reichen jüdischen Weltmann unserer Zeit am besten zu vergleichen, einem jener israelitischen Aristokraten, die nur selten in der Synagoge zu erscheinen und die meiste Zeit mit Nichtjuden zu verbringen pflegen, skür solche Israeliten ist die Abgeschlossenheit von der übrigen Welt, die jedes streng nach den Vorschriften der Thora eingerichtete jüdische Leben mit sich bringt, am schwersten zu ertragen." (Band 5, 44, 45, deutsche Ausgabe.) Die Frage ist nun berechtigt: Wie war die Stellung der Sadduzäer zum mosaischen Gesetz? Haben sie wirklich, wie unser Verfasser behauptet, unbekümmert um Vorteil und Nachteil aus ehrlicher Ueberzeugung und mit gewissenhafter Strenge das heilige Gesetz gehalten? Aus der talmudischen Mitteilung: rmnrr *]fc ‘iTPTö'l nvo könnte man allerdings den Schluß ziehen, daß sie sich von der Thora überhaupt, auch der schriftlichen Lehre, losgesagt haben. So weit aber gehen wir nicht. Wir können unmöglich glauben, daß die weltklugen Sadduzäer, die als Regierungspartei doch die sichersten Stützen des theokratischen Staates bildeten, der ihnen in ihrer Eigenschaft als Verwalter öffentlicher Aemter, zum Teil auch als Verweser des Tempeldienstes zweifellos nicht unwesentliche materielle Vorteile einbrachte, so unvernünftig gewesen sein sollten, die Grundlage dieses Staates, die heiligen Satzungen der Väter, öffentlich zu verhöhnen oder als unverbindlich zu erklären. Das ist, wie gesagt, undenkbar. Wir glauben vielmehr, daß sie weder alle mündlichen Ueberlieserungen noch gar die schriftlich fixierten Lehren außer Kraft setzen wollten; sie scheinen, wie Renan sie treffend kennzeichnet, raffinierte Lebenskünstler gewesen zu sein, die sich im Grunde ihrer Seele aus beiden nicht viel machten, aber aus Klugheit alle religiösen Satzungen, von deren Heilighaltung und strenger Beobachtung sie für sich und den Staat gewisse Vorteile erwarteten, zum Schein respektierten und, woran nicht im geringsten zu zweifeln ist, von anderen, der