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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-07-25 · Heft 30 (25.7.1913) · p. Seite 354

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 30 (25.7.1913)
Date
1913-07-25
Page
Seite 354 (sequence 6)
Language
German
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354 vor das Strafgericht gehören, werden bei uns mit der größten Milde behandelt. Ein solcher Zustand ist der Höhepunkt der Unmöglichkeiten." Dieser überaus interessante Artikel, der gewiß nicht verfehlen wird, in den maßgebenden Kreisen Aufsehen zu erregen, schließt mit folgender Warnung an die Universitätsbehörden und der beherzigenswerten Mahnung an die deutsch-nationalen Abgeordneten, die mit der studierenden Jugend in Fühlung stehen: „Wenn nicht mit Ernst und mit größerer Strenge eingegrifsen wird/ dann wird das Ansehen der größten deutschen österreichischen Universität nicht nur im Inland, sondern in der ganzen Welt sinken. Die Leute, die dieses Spiel mit der Universität treiben, sind in der Minderheit, aber sie sind organisiert, die große Mehrheit der Studierenden benimmt sich tadellos und weiß die Würde des Hochschülers oft mit großen Opfern zu tragen. Warum läßt man die Mehrheit ungeschützt? Warum unterordnete man sie unter die Minderheit des Studententums? .; . . Mögen die deutschen Abgeordneten, von denen viele in näheren Beziehungen zu den Studenten stehen, auf sie einwirken, daß sie Dinge unterlassen, die das Ansehen des Deutschtums schädigen. Mögen sie auf die Jugend einwirken, sich zur Selbstbeherrschung zu erziehen und soziales und politisches Wissen zu erwerben, damit sie einst als würdige Führer in der deutschen Gemeinschaft auftreten!" Wir aber wollen hoffen, daß der Appell aus solch autoritativer Stelle nicht unerhört Verhallen wird, und das; das neue Semester unter besseren und würdigeren Auspizien beginne als die, mit denen das Sommersemester schloß. Lrnlte Wage. Von Prof. M a r t i n- P h i l i p p s o n. it einem „Offenen Briefe an den Deutsch-israelitischen \ Gemeindebund" in Nr. 29 des „Israelitischen Fa- Milienblatts" macht Herr Lehrer M. Stein h a r d t, Magdeburg, dem Herrn Pro f. D r. B l a s ch k e einen schweren Vorwurf aus dessen Aeußerung: „Nur der deutsche Unterricht darf im Mittelpunkt des Gesamtunterrichtes der Volksschule stehen, nie und nimmer der Religionsunterricht." Herr Steinhardt bemerkt dazu: „In ganz Preußen, man kann ruhig sagen, im ganzen Reiche wird für die Volksschule verlangt, daß der Religionsunterricht das Alpha und Omega des gesamten Unterrichtes bilden soll. Nur wir Juden müssen natürlich anders sagen; wir müssen, um einen ganz besonderen Standpunkt zu wahren, päpstlicher als der Papst sein und erklären: Religionsunterricht ist Nebensache, Deutsch ist Hauptsache. Einen Augenblick, als ich diese Ausführungen des Referenten hörte, besann ich mich. Ich glaubte, mich geirrt zu haben, und statt in den jüdischen Gemeindeverbandstag in eine Versammlung des Deutschen Monistenbundes hineingeraten zu sein." Auch der Unterzeichnete staunte, als er diese Darlegung des jüdischen Lehrers Herrn Steinhardt las. Sollte er wirklich nicht wissen, daß die konfessionelle Neutralität der Volksschule — unbeschadet des an ihr erteilten Religionsunterrichtes — eine Forderung des gesamten Liberalismus, und besonders der großen liberal gesinnten Mehrheit des ganzen allgemeinen Lehrerständes ist? ■ Aber die Person des Herrn Steinhardt, so laut er auch seine Stimme zu erheben pflegt, kann uns ganz gleichgültig sein. Unsere ernste Frage ist vielmehr die: „Stimmt die Mehrheit der jüdischen Lehrer dieser Anschauung des Herrn Steinhardt zu?' Will sie sich in bewußten Gegensatz zu der freidenkenden Majorität ihrer eigenen Standesgenossen und zu dem Liberalismus setzen, in dessen Namen sie die Gleichberechtigung mit ihrem christlichen Kollegen verlangt? Will sie sich offen den Scharen der ultramontanen und pietistifchen Reaktion anschließen, das heißt, den bittersten und unversöhnlichen Feinden des Judentums und der Juden?" Darauf verlangen alle, die aufrichtige Juden und zugleich aufrichtige Liberale sind, eine offene Antwort. Lur Geschichte der Laddusärr. Von Albert Katz. I. nter den vielen wissenschaftlichen Publikationen, die in letzterer Zeit auf dem jüdischen Büchermarkt erschienen sind, verdient die uns vorliegende: „Die Sadduzäer" von Rudolf LeszynskIst) als eine der beachtenswertesten bezeichnet zu werden. Man mag dem Verfasser in seinen Anschauungen über das Sadduzäertum zustimmen oder nicht, die Ergebnisse feiner immensen Fleiß und außergewöhnliche Belesenheit verratenden Studien, die er als Vorarbeit für eine systematische Darstellung des Sadduzäertums und seiner historischen Entwicklung betrachtet, für wissenschaftlich begründet erachten oder in das Reich der Hypothese verweisen: sie sind hochinteressant, ja geistreich und fesselnd gehalten und regen den Leser zum ernsten Nachdenken an. Schon die Einleitung, die in wohltuender, nachahmenswerter Kürze die wesentlichsten Perioden der jüdischen Geschichte sowie die Parteikämpfe innerhalb des Judentums der alten Zeit vorführt, nimmt unsere Aufmerksamkeit in hohem Grade gefangen und zwingt uns, dem Verfasser in seine Gedankenwelt zu folgen. Er schreibt: „Man hat in allen diesen Kämpfen — seit den Propheten, der Zeit Esras und Nehemias, der Makkabäer, der Entstehung des Christentums bis Akiba — eilt gemeinsames Prinzip erkennen wollen: den Widerspruch der jüdischen Nationalreligion gegen die Assimilation. Ob Baalsdiener und Prophet, Samaritaner und Judäer, Hellenist und Frommer, Sadduzäer und Pharisäer, Christ und Jude — die Namen ändern sich, aberdas Wesen bleibt: die Abneigung des Judentums gegen alles Frenrde, der Sieg des Selbsterhaltungstriebs über die Mächte der Auflösung und des Zerfalls. So viel Bestechendes und Richtiges in dieser Ansicht, so ist es doch von jeher verhängnisvoll gewesen, die Geschichte eines Volkes unter ein Schema zu bringen; indem man die Sadduzäer als Vertreter des weltlichen Prinzips zu Nachkommen der Hellenisten, die Pharisäer zu konsequenten Fortsetzern des Esra und der Fromnren machte, hat man Geschichte frei konstruiert, statt sie auf Grund der Quellen darzustellen, und hat sich damit selbst den Weg zur Erkenntnis der Entwicklung in diesem Zeitraum der jüdischen Geschichte versperrt, man hat sich in unlösbare Widersprüche mit den Quellen gesetzt und sie falsch oder gar nicht verstanden. Zudem wirkte das Interesse, das man an den Pharisäern nahm, so sehr es die Forschung in Gang brachte, doch anderseits verheerend. Hüben und drüben bemächtigte sich die Apologetik der wissenschaftlichen Frage. Auf christlicher Seite hatte man eine Folie für die Person Jesu zu schassen und die Berichte der Evangelien als wahrheitsgetreu nachzuweisen, auf jüdischer Seite mußte man die Helden der Mischnah, die Schöpfer des Rabbinismus vor Verunglimpfung in Schutz nehmen und retten. Für die Sadduzäer fiel wenig Interesse ab, man brauchte sie nur, um den notwendigen Gegensatz gegen die Pharisäer zu konstruieren; die Auffassung von ihnen, wenn auch nicht ihre Beurteilung, blieb seit Geiger und Wellhausen die gleiche, man sieht in ihnen die Partei der Priester mit vorwiegend oderausschließlich weltlichen Interessen." Diese allgemein geltende Ansicht wird vom Verfasser einer strengen Prüfung unterzogen. „Wenn man mit Recht behaupten kann" — führt kraus. — „daß das in der Thora niedergelegte Gesetz seit Esra i) Mayer u. Müller, Berlin 1912.

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